Abgestuftes Vorgehen bei Unterrichtsstörungen

Viele Studenten, Praktikanten oder auch Referendare haben Befürchtungen, dass ihnen die Klasse schon nach wenigen Stunden auf der Nase rumtanzt. Das berühmte Alb-Bild: Ich stehe vorne, rede und keiner hört zu, alle springen herum und machen, was sie wollen…

Ich hab sowas noch nie erlebt.

Dennoch mal zusammen gefasst die Maßnahmen, die man in der Stunde niederschwellig einsetzen kann, um „für Ruhe zu sorgen“. Dies ist ein Handout für meine Praktikanten.

Grundregel beim Reagieren auf Unterrichtsstörungen: Immer unten anfangen und nach oben Luft lassen. Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, schon im Vorfeld Störungen zu vermeiden, aber da müsste ich einen eigenen Beitrag schreiben. Hier nur das, was jeder Lehrer auch schon unbewusst einsetzt, wenn die Störung da ist.

Situationen als Unterrichtsstörungen (kleine Auswahl):

  • Nebengespräche
  • Manische Geräusche mit Stiften o.ä.
  • Unterrichtsfremde Beschäftigungen
  • Mangelnde Aufmerksamkeit
  • Unruhe in der Klasse
  • Umhergehen im Klassenzimmer
  • Alle Dinge, die nerven
Maßnahmen, die den Unterichtsfluss nicht unbedingt unterbrechen


Aufhören zu sprechen Erste Stufe. Die Schüler bekommen so mit, dass irgendwas nicht stimmt. Weiter zu reden, während Störungen auftreten bzw. die Klasse laut ist, wirkt fatal. (Gelernt wird: ich kann quatschen, wann ich will.)
Schüler anschauen Oft sind sich Schüler, so dämlich es klingt, nicht bewusst, dass sie stören. Schaue ich ihn an,  wird er sich dessen bewusst und hört meist auf.
Sich in die Nähe des Schülers begeben Die Nähe des Lehrers allein wirkt oftmals beruhigend auf den Schüler. So kann ich auch gleichzeitig meinen Unterricht weiter führen. Achtung: nicht zu nahe kommen (Individualdistanz), sonst wird sich der Schüler angegriffen fühlen.
Den Namen des Schülers nennen Jetzt wird sich der Schüler ganz bestimmt bewusst, dass die Aufmerksamkeit des Lehrers auf ihm ruht. Danach weiter reden.,
Maßnahmen, die den Unterricht kurz unterbrechen


Den Schüler direkt auf sein störendes Verhalten ansprechen und ihm die Konsequenzen seines Verhaltens für alle anderen in der Klasse klar machen. Bsp.: „Peter, wenn du dich die ganze Zeit mit deinem Nachbarn unterhältst, können sich die anderen in deiner Nähe nicht konzentrieren.“

Vorteil: Die Person des Lehrers gerät nicht in den Mittelpunkt. Der Schüler soll aus Rücksicht auf andre ruhig sein.

Nur diesen Satz sagen, keine Diskussion anfangen.

Wie oben, aus der Sicht des Lehrers. Bsp: „Peter, wenn du die ganze Zeit mit dem Stift auf dem Tisch rumhaust, kann ich mich nicht konzentrieren und verliere den Faden.“

Das Ganze nennt man wohl „Ich-Botschaft“. Klingt in der Theorie immer komisch, wirkt aber auch.

Keine Diskussion.

Maßnahmen bei wiederholenden Störungen


Maßnahme androhen „Wenn du damit nicht aufhörst, bekommst du einen Eintrag ins Klassenbuch“ (oder was so aktuell ist an der jeweiligen Schule)
„…schreibst du.“
„…bekommst du eine Nacharbeit.“
„…bekommst du einen Verweis.“ (Bayern)
Maßnahme durchführen Wird sich nicht an die Anweisung gehalten, muss die Strafe unbedingt erfolgen, um auch bei den anderen in der Klasse glaubhaft zu bleiben. Schüler in dem Alter sind sehr „gerechtigkeitsgläubig“.
Weitergehende Maßnahmen


Den Schüler umsetzen / isolieren Wirkt oft Wunder, schon die Androhung. Oft verbunden mit der Aussicht darauf, dass er sich wieder zurücksetzen kann, wenn er sich bessert.
Den Schüler zum Chef /ins Sekretariat schicken. Schon nahezu die Höchststrafe. Ist kein Zeichen von Hilflosigkeit. Man verweist ein Problem einfach an eine höhere Ebene.
„Ausflippen“ Es kann auch sehr wirksam sein, mal „auszuflippen“. Das heißt nicht, die Kontrolle zu verlieren, sondern einfach mal laut und verärgert seinen Unmut preis zu geben in Form von Theaterdonner. Wenn man einige Erfahrung hat, kann man das ohne innere Anteilnahme – wie gesagt, nicht die Fassung verlieren, sondern kontrolliert „donnern“. Für bestimmte Schüler kann es heilsam sein, wenn der Lehrer mal „Gefühle“ zeigt.

Ergänzungen

  1. Gespräche
    • Es ist immer gut, nach der Stunde, in der viel vorgefallen ist, mit dem entsprechenden Schüler ein kurzes Gespräch zu führen. Dabei sollte man ihm klar machen, was einen stört und nachfragen, was für ein und ob er ein Problem hat.
    • Man sollte nie mit einem Schüler innerhalb der Klasse und während des Unterrichts eine Diskussion anfangen. Erstens geht es immer zu Lasten der anderen Schüler.  Zweitens hat der Einzelne in der Klasse als Gemeinschaft sein Gesicht zu wahren, bzw. zu verlieren. Letzteres heißt, es kann in der Diskussion schnell um was gehen, was man als Lehrer nicht überblickt, wenn man die Klasse nicht kennt. Drittens hat der Schüler dann keine Verbündeten und man muss sich nur mit ihm herumschlagen. (Vorsicht bei Mädchen. Man sollte als Mann vermeiden, mit ihnen allein in einem Klassenzimmer ein Gespräch zu führen. Entweder auf dem Gang, wenn nicht so viel los ist. Oder aber eine Freundin mit dazu bitten, die dabei sein darf, aber kein „Rederecht“ hat. Man bleibt im Zweifel auf der sicheren Seite.)
  2. Lehrerverhalten
    • Der Lehrer muss nicht auf alle Regungen seiner Schüler eingehen. Viele „Störungen“ sind vorübergehend und nur kurz. Würde der Lehrer auf alles eingehen, könnte er kaum Unterricht machen. Viele dieser Dinge kann man non-verbal lösen oder einfach ignorieren. Das schont vor allem die Nerven des Lehrers.
    • Mit Humor kann man viel Spannung aus einer Stunde nehmen.
    • Wenn die Klasse insgesamt unruhig ist, kann es auch mal helfen nachzufragen, was los ist. Vielleicht wurde grad eine Schulaufgabe geschrieben oder die Klasse hatte grad einen besonders strengen / besonders nachlässigen Lehrer. Dann kann es auch mal gut sein, den eigenen Unterricht zu vernachlässigen und mit den Schülern ein Gespräch zu führen (Eintrag im Klassenbuch: Pädagogisches Gespräch) oder sich anzuhören, was sie zu sagen haben.
    • Wenn man selbst sehr aufgeregt ist und die Situation unüberschaubar, ist es hilfreich, den einzelnen Schüler zu einem Gespräch nach der Stunde zu bitten. Bis dahin ist der Schüler ruhig, weil er Strafe befürchten muss und man selbst kann sich in Ruhe überlegen, was man dann macht.
    • Immer vermeiden, den Konflikt auf einer persönliche Ebene zu führen. Wenn der Schüler merkt, dass ihn der Lehrer bloß stellen will, wird er das Vertrauen und den Respekt verlieren.
  3. Und zum Schluss
    • Wenn man merkt, dass man zu Unrecht gestraft hat oder zu hart oder aus schlechter Laune heraus, ist es auch ratsam, dass man so viel Größe beweist, und sich entschuldigt. Vielleicht sogar vor der Klasse. Man sollte sich das nicht zur Regel machen.  Es ist für die eigene Stellung leichter, Strafen zu erhöhen, als dauernd Dinge zurück zu nehmen. Aber verdammt, manchmal hat man einen schlechten Tag und darunter müssen die Schüler nicht leiden.

Dies habe ich neulich mal ähnlich im Internet gefunden. Ich fühlte mich bestätigt, aber vor allem erinnert an meinen Geschichtsdidaktiker der Uni Würzburg, der in der Übung zum Praktikum dies alles schon so formulierte – vor mehr als 14 Jahren. Diese Ratschläge fehlen komischerweise  in vielen Referendarausbildungen – man geht (ja, das ist mein Lieblingsthema!) davon aus, dass ein Lehrer mit einer gut geplanten Stunde keine Disziplinprobleme hat.

Internetlinks:

Ideen zum Umgang mit Unterrichtsstörungen (Powerpoint-Präsentation, Uni Frankfurt)

Empfehlungen im Umgang mit Unterrichtsstörungen (PDF, Uni Koblenz)

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