Die Notenpeitsche

Schüler mit Noten zu disziplinieren ist jetzt ein anerkanntes pädagogisches Vorgehen.

Unglaublich, was?

Dachte ich auch, aber es wird noch schlimmer.

Mir wurde berichtet, aus mehr als einer Quelle, dass es in der Referendarausbildung Seminarlehrer für Pädagogik gibt, die innerhalb ihrer Auslassungen auch propagieren, dass man „durchaus mal eine Ex* als Erziehungsmaßnahme schreiben kann“. Soll heißen: dies wird als pädagogische Maßnahme gutgeheißen und empfohlen.

Eine Maßnahme, die ich aus dem nicht gedruckten Schwarzbuch des Unterrichts kenne. Sicherlich angewandt, aber doch nie offen zugegeben. Der Gedanke: eine Klasse ist laut, in der nächsten Stunde schreibe ich eine Ex und dann kommen schlechte Noten heraus. Das Ziel: die Klasse ist von nun an ruhig, weil sie schlechte Noten fürchtet.

Und ich denke nur: Wenn Schüler durch schlechte Noten motiviert würden…

Die Legalität will ich nicht mal andeuten.

Komischerweise denke ich bei solchen pädagogischen Tipps genau an die Leute, die sonst bei jedem Handschlag, den sie über den Unterricht hinaus tun „sollen“, die Frage stellen: „Wo steht, dass ich das tun muss?“ Diese überlesen dann den Teil in der Schulordnung, wo es ungefähr heißt: „Die Leistungskontrollen dienen allein der Leistungsfeststellung und als Beratungsgrundlage.“

Sind das vielleicht alte, konservative, verknöcherte Lehrer, die so etwas lehren?

Ich denke da an meinen Seminarrektor, dessen letzter Jahrgang wir waren, der irgendwas Geburtsjahr 30 und paar war, gewiss CSU-Mitglied, der von meinen langen Haaren gewiss nicht begeistert war, dessen Präsenz man bis in die letzte Klasse spürte – konservativer ging es kaum – , der uns bei unruhigen Klassen u.a. einen Tipp mit auf den Weg gab, den ich bis heute beherzige: „Sprechen Sie doch mal mit der Klasse. Schieben Sie ihren Stoff beiseite. Versuchen Sie heraus zu finden, warum die Klasse jetzt so unruhig ist.“**

Das war nur der zweitbeste Tipp. Die beste Regel, die ich jedenfalls ihm komischerweise in meiner Erinnerung unterstelle, war: „Vertrauen Sie bei Entscheidungen im Zweifel ihrem gesunden Menschenverstand.“

Und nein, mit konservativ hat das nichts zu tun, die Seminarlehrer, von denen ich spreche, sind kaum älter als ich.

Und gewiss bin ich kein Ausdiskutierer, eher das, was mal jemand als „Rustikalpädagoge“ bezeichnete. Aber dennoch sind Noten für mich etwas, was meine Schüler brauchen für das Weiterkommen, für Bewerbungen und ja für den weiteren Erfolg in ihrem Leben. Sie als Mittel der Erziehung anzuwenden, verbietet sich neben der fehlenden Sinnhaftigkeit und Legalität daher grundsätzlich. Und im Zweifelsfall die bessere Note zu geben, ist auch klar (würde ich ihnen natürlich nie sagen 😀 – ich denke aber, sie wissen’s).

Vor einiger Zeit habe ich mich an einer Diskussion im Jochen-Englisch-Blog über den Sinn der Abstufungen der 6-stufigen Skala beteiligt (ab 2006, als Hawkeye und Thomas), die immer noch lebt. Hier zeigte ich mich erschüttert über die gängige Meinung, Lehrer würden gern mal Noten geben, um Schülern eins auszuwischen.

Wenn dies nun aber schon Lehrmeinung in der pädagogischen Ausbildung bayerischer Lehrer ist, dann werde ich da wohl etwas zurücknehmen müssen.

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*Ex=Stegreifaufgabe in Bayern, dauert 20 Minuten, ist ein unangekündigter, schriftlicher Test über die Vorstunde

** Und am Ende, so meinte er, schreibt man einfach „Pädagogisches Gespräch“ ins Klassenbuch.

Bild oben: dieter20d/pixelio.de

2 Antworten auf „Die Notenpeitsche“

  1. Die Tipps deines Seminarrektors sind natürlich goldrichtig. Was den Rest betrifft, ich sehe das nicht ganz so eng. Legal ist das ohnehin, da solltest du nicht dunkle Andeutungen machen – ich wüsste nicht, dass es legale Vorschriften über die Terminierung von solchen Prüfungen gibt, die über die bekannten Vorschriften und gesetze hinausgehen.

    Trotzdem ist das eine Methode, die man selten anwenden dürfte. Es kommt halt darauf an, ob sie funktioniert und was sie für Nebenwirkungen hat. Mangels Erfahrung kann ich da nichts dazu sagen.

    Und ja, wenn das Ziel ist: „die Klasse ist von nun an ruhig, weil sie schlechte Noten fürchtet“, dann ist das schlecht. Nun sind Klassen aber nicht blöd. Die merken und wissen, ob sie schlechte Noten kriegen, weil der Lehrer das halt so wollte, oder weil sie den Stoff nicht gekonnt haben. Im ersten Fall führt das zu Ablehnung, vielleicht Angst vor Noten. (Und verwerflich wäre es natürlich, wenn der Lehrer trotz guter Leistungen nach einer disziplinlosen Stunde schlechte Noten gäbe. Das kommt aber wohl nicht nennenswert vor.) Im zweiten Fall akzeptiert der Schüler die Note und wird nicht aus Furcht vor Noten lernen, sondern um bessere Noten zu kriegen. Das ist ein Unterschied.

    Vielleicht liegt meine lockere Sicht auch daran, dass für mich Noten eben nicht etwas sind, „was meine Schüler brauchen für das Weiterkommen, für Bewerbungen und ja für den weiteren Erfolg in ihrem Leben.“ Das gilt für die meisten meiner Schüler nur für die Jahre vor dem Abitur.

    1. 😀 Naja, so dunkle Andeutungen mache ich nicht. Es ist einfach nicht vorgesehen, dass Noten als Erziehungsmaßnahme herhalten – Terminierung ist da eine andere Sache – wobei, mein Chef erzählte, dass er eine Kollegin hatte, die aus diesem Grund sechs und mehr Exen schrieb, und das in einem Halbjahr. Ich meine mich sogar dunkel erinnern zu können, dass ich es in einem Kommentar zum Schulrecht sogar ausdrücklich als nicht erlaubt gelesen habe, dass Leistungsfeststellungen als Ordnungsmaßnahme eingesetzte werden dürften.
      Und naja, für meine Realschüler sind Noten ab Ende der 8. Klasse etwas, was eine Bedeutung hat, die über die Schule hinausgeht, sei es Bewerbungen oder auch weiterführende Schulen. Da komme ich einfach nicht drumrum, was nicht bedeutet, dass ich mir den großen Geschenkesack umbinde, wenn Zeugnisse anstehen.
      Mich stören aber grundsätzlich zwei Dinge daran:

      – dass es als pädagogische Maßnahme verkauft wird
      – dass man den Reffis, und das weiß ich ja, nichts Vernünftiges beibringt, um Disziplinprobleme in den Klassen zu lösen

      Und abschließend habe ich eher die Erfahrung gemacht, dass die schlechten Noten allein Schüler nicht unbedingt zum Lernen bringen. Wäre ja schön, wenn das so einfach wäre ;).

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