Geschichte – schnell gemacht 1: Erzählen

Zwischen Weihnachten und Neujahr gibt es in meiner Familie ein Gericht, welches nahezu heilig ist: Mohnpielen. Seit ich denken kann, machte meine Mutter es – und ich fürchtete die Zubereitung. Diese war verbunden mit Arbeit, auch für mich. Dafür musste nämlich Mohn gemahlen werden, in einer Handmühle, aber eigentlich musste man sagen, dass der Mohn gequetscht wird darin. Entsprechend anstrengend war das immer. In meiner Erinnerung stand ich Stunden in der Küche an dieser Mühle. In manchen Jahren noch bei meiner Tante im Keller, wo sie ihre an einen alten Tisch montiert hatte.

Meine Mutter macht es nicht mehr, weil es dort, wo sie mittlerweile wohnt, keiner sonst mag und sie nicht mehr die Kraft hat, diese Mühle zu bedienen. Ich, der ich eigentlich wenig traditionell und familiär bin (ich besuche niemanden an Weihnachten) , habe aber vor einigen Jahren angefangen, dieses Gericht für mich und meine Frau – manchmal auch für Freunde – herzustellen. Dazu benutzte ich bisher Fertigmohn aus dem Supermarkt. Dieses Jahr aber bat ich meine Mutter um die Mohnmühle – und als das Paket kam, beschlich mich wieder das Gefühl meiner Kindheit. Letztlich bemerkte ich aber, dass es wohl vor allem eine Frage des unterschiedlichen Zeitgefühls war. Im Jahr 2011, im Alter von 42, brauchte ich etwa 1,5 Stunden, mit kleinen Pausen, um 500 Gr Mohn zu mahlen. Nach meinem Empfinden war das eine gute Zeit. In meiner Jugend wohl empfand ich das als Ewigkeit.

Das Rezept ist ziemlich simpel, es gibt natürlich, wenn man im Internet sucht, viele verschiedene Varianten. Unser Familienrezept sieht so aus:

  • zehn Brötchen vom Vortag (müssen/sollten trocken sein)
  • 1,5 Liter Milch mindestens
  • 300-500 Gr. gemahlener Mohn
  • geriebene Zitronenschale
  • Grieß
  • Zucker
  • meine Ergänzung in diesem Jahr: echte Vanille (von der Nachbarin aus Ägypten mitgebracht) und gehackte Mandeln

Die Brötchen werden in dünne Scheiben geschnitten, etwas weniger als fingerdick. Mohn und etwa ein halber Liter Milch werden zum Kochen gebracht. Hinzu kommen geriebene Zitronenschale und Zucker – je nach Belieben, ich mache eher weniger hinein, weil ich den Mohngeschmack mag, mehr als Zucker. Abschließend kommt Grieß hinein, damit das Ganze etwas fester wird. Parallel dazu wird ein Liter Milch heiß gemacht, Vanille hineingegeben und Zucker. Nun kommt in eine oder mehrere Schüsseln jeweils: eine Schicht Brötchen, Milch (die Brötchen müssen das aufsaugen), Mohnmasse. Bis alles voll ist. Dann lässt man es am besten eine Nacht stehen, in der Regel auf dem Balkon. Gegessen wird’s nur zwischen Heiligabend und Neujahr.

„Mohnpielen“ ist ein Begriff, der wohl aus dem Schlesischen stammt. Meine Eltern stammen beiderseits aus Niederschlesien, genauer der Grafschaft Glatz (Kłodzki). Mein Vater war Jahrgang 1935, meine Mutter 1940.

Gefallen im Zweiten Weltkrieg sind mein Großvater väterlicherseits (verschollen in Russland) und der mittlere der älteren Brüder meiner Mutter (schon zu Beginn, beim Überfall auf die Niederlande). Irgendwo wird bei den ganzen Kriegserzählungen immer ein Verwandter erwähnt, der bei der Waffen-SS war und sich nach der Kapitulation das Leben genommen hat. Väterlicherseits war der älteste Bruder in der HJ. Die beiden älteren Brüder meiner Mutter waren Soldaten und gerieten in amerikanische und französische Kriegsgefangenschaft. Der älteste kam dadurch, wenn ich mich recht erinnere, nach Algerien oder Marokko. Der Rest der Familie flüchtete vor dem Herannahen der Roten Armee 1945 in Richtung Westen, zunächst zu Fuß, dann mit dem Zug. Ein Ergebnis war jedenfalls, dass die gesamte Familie über ganz Deutschland verstreut wurde: Hamburg, Dannenberg (Niedersachsen), Hildesheim, Bonn, Köln, Stuttgart, Töging, Bautzen. Jeder ging dahin, wo er Freunde hatte oder wo ihm Arbeit versprochen wurde: die beiden Älteren trafen in Gefangenschaft Bauern, die ihnen für die Zeit danach Arbeit anboten. So arbeiteten sie erst als Knechte, später dann aber als Lehrer – so wie ihr Vater, mein Großvater – und dessen Vater und Großvater.

Gemessen an einem Menschenleben ist der Abstand zwischen meiner Geburt und dem Zweiten Weltkrieg minimal, das waren wenig mehr als 20 Jahre. So wie meine Familie waren viele Familien betroffen – so oder so. Dies zeigt sich nicht nur in den Hunderten von Geschichten, die ich mir angehört habe – was wiederum wohl dazu führte, dass ich selbst Geschichte studierte.

In den letzten Jahren kamen einige Studien und Bücher heraus, die sich um die Folgen des Krieges in der zweiten Generation drehten. So z.B. „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne-Ev Ustorf. Die Lektüre machte mir diesen geringen Abstand noch einmal klar, bzw. verschaffte mir einen anderen Zugang zu den ganzen mir berichteten Erlebnissen, von Krieg, Flucht, Ankommen in einem „fremden Land.“

Mein ältester noch lebender Onkel wurde 1924 in einem Dorf mit dem Namen Kaltwasser geboren, südlich von Breslau, in Laufweite zur tschechoslowakischen Grenze. Damals schien es üblich, dass die Lehrer vor der Festanstellung über die Dörfer tingelten – so auch mein Großvater – sodass jeder der älteren Söhne in einem anderen Dorf geboren wurde. Jeweils übrigens im entsprechenden Schulhaus, weil der Lehrer dort eben auch wohnte. Anfang der 90er machte er sich auf die Suche nach eben diesem Dorf und seinem Geburtshaus. Er fand es als Ruine, das Dorf selbst war ausgestorben. Ein paar Jahre später fuhr er wieder dorthin – zu seiner Überraschung fand er das Haus frisch renoviert, aber verschlossen. Er hinterließ einen Zettel und beim nächsten Besuch traf er den neuen Besitzer, einen jungen Mann mit seiner Frau und einem Kind. Dieser hatte das Haus als Ruine gekauft und renoviert es seitdem. Er stammte aus einem Dorf in der Nähe und wollte sich nach einem unsteten Leben dort niederlassen. Das Haus besitzt weder fließendes Wasser noch Strom. Geheizt wird über einen Ofen in der Küche, der gleichzeitig das Wasser, was direkt aus einer Quelle hinter dem Haus entnommen wird, anfeuert.

Im Sommer 2010 fuhren meine Frau und ich nach Zimne Wody (so der heutige Name von Kaltwasser), um ihn zu besuchen. Die Straße endete und der Pfad dahinter führte zum Schulhaus. Und in den folgenden Tagen hörten wir uns die Geschichten eines anderen Lebens an – eines Anfang der 80er staatenlosen Polen, der als Extremsportler zwischen den USA (als Ironman), Island (mit Rad und Skiern), Spanien und Schweden und Regensburg hin und her fuhr (das meiste mit dem Fahrrad). Er renoviert das Haus seit 18 Jahren und sammelt alle Zeugnisse des Ortes. Mein Onkel möchte sich dort begraben lassen.

Zu Beginn des Schuljahres habe ich eine Stunde in meiner 6. Klasse gehalten, bei der das Zeugnis meines Großvaters von 1916 im Mittelpunkt stand – als schriftliche Quelle. Dabei habe ich ein wenig von meiner Familie erzählt – irgendwie zum ersten Mal.

4 Antworten auf „Geschichte – schnell gemacht 1: Erzählen“

    1. Ich dachte immer, das kenn nur ich :).
      Und ja, schön ist es, aber man muss, wenn es um einen selbst geht, ein wenig Mut aufbringen. Vor allem aber genug Stoff dazu haben und Zusammenhänge herstellen können – das habe ich anfangs auch nicht gehabt, sondern nur Bücherwissen, die Lust zu erzählen kam erst, als sich Bildungslücken langsam schlossen.

  1. Erzählen hat in der Grundschule einen recht hohen Stellenwert und wird – wenn es gut gemacht wird – gerne an- und vor allem übernommen.

    Einige der oben eingesetzten Fotos würden sich (sofern die Stunde irgendwann noch einmal so oder ähnlich gehalten würde) gut als roter Faden einsetzen lassen.

    Was anderes: die Bücher (Die vergessene Generation und Wir Kinder…) haben wir für uns ebenfalls angeschafft und ich stimme zu, manche Familiendinge werden nach der Lektüre in ein anderes Licht gerückt.

    Viele Grüße,
    Frau Weh

    1. Erzählung kam zum Ende meines Studiums (1997) wieder verstärkt auf, aber es ist mir damals schwer gefallen. Nicht weil ich keine Stories drauf hatte, aber irgendwie wollte ich niemanden langweilen – es war eine Frage der Rolle und wie ich sie (nicht) annahm.
      Meinen letzten Referendaren der vergangenen Jahre wurde das wieder mit dem Weihwasser ausgetrieben. „Alles muss erarbeitet werden…“ usw.
      Gut gemacht aber ist es hervorragend. Ich war selbst überrascht, als ich das erste Mal einfach drauf los erzählte und es im Klassenzimmer wirklich still wurde. Dabei kommt es natürlich drauf an, dass man ein wenig vorbereitet, aber auch, dass es authentisch rüber kommt. In Sozialkunde fällt es mir dann wiederum leichter, weil da der Stoff täglich ohnehin aufgenommen wird – in Geschichte muss ich ihn aktiver suchen und aufbereiten.
      Letztlich sehe ich die Gefahr, dass man so in den „Märchenonkel“-Status abrutscht.
      Ob ich meine Familiengeschichte mal wirklich in größerem Umfang im Unterricht umsetze, weiß ich noch nicht. Aber ich habe in diesem Jahr eine 9. Klasse. Der Lehrplan würde es also hergeben. Mal sehen :).
      Und ja, einiges verändert sich durch die angegebene Lektüre. Hier bei uns trafen ohnehin zwei völlig unterschiedliche Familiengeschichten aufeinander – die aber in dieser Hinsicht wieder Parallelen fanden.
      Viele Grüße zurück.

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