5 Minuten Schulleitung – Die Sache mit dem Sie

Ich habe zu Beginn meines Lehrerdaseins keine Probleme gehabt mit dem Sie und dem Du. Da gab es für mich keine Diskussion, keine inneren Konflikte. Bis zum Abschluss siezt man mich, danach lasse ich es den Schülern offen. Diejenigen, die mich danach noch kennen, schaffen es nach einer gewissen Zeit zu duzen.

Seltsamerweise ist dies aber derzeit in meinem Kopf ein Thema geworden. Wir sind ein kleines Kollegium und, wie ich schon mal betont habe, auch in einem Kern gemeinsam groß geworden. Da ich selbst also auch schon als Lehrer hier aktiv war, duzt man sich. Damit hatte ich auch nach der Beförderung, gemessen an den Kollegen, keine Probleme – wieso auch? Ich duze auch den Chef von Beginn an, weil wir uns noch von einer anderen Schule her kannten. Das Duzen bezog ich auch auf Referendare, die ich betreute und andere – ebenso auf meine Praktikanten.

Aber ein wenig änderte ich vor einem Jahr, also nach mehr als einem Jahr als Konrektor, wenn auch auf eine passive Art und Weise.

Ich ließ das Sie der Praktikanten zu – denn es hatte angefangen, dass sie sich das Sie ohnehin sehr schlecht abgewöhnten(!) – ich bin wohl wirklich alt geworden. Und da ich, sagen wir mal, zwiespältige Erfahrungen mit Referendaren gemacht hatte, bot ich auch hier keinem das Du an. Letztlich bezog ich diese Veränderung auch die neuen KollegInnen mit ein.

Ich bin kein zwanghafter Duzer –  da wurde ich einfach anders erzogen. Ich habe nicht die Eltern meiner Freunde geduzt – sogar nicht die meiner besten Freundin, die es mir schließlich angeboten haben, als ich schon Mitte 20 war. Das ging einfach nicht. Heißt, ich muss mich für das Du bei fremden Menschen mehr überwinden als beim Sie.

Letztlich aber will ich, es mag seltsam klingen, in meiner Position die vertrauten KollegInnen von den anderen trennen. Es ist ganz einfach leichter, wenn man Arbeit mit einem Sie delegiert.

Jetzt mag man meinen, dass ich mir dadurch billigen Respekt verschaffen will. Doch leider ist mein Ego, nach außen jedenfalls, manchmal penetrant groß – da muss ich also enttäuschen. Ich bin damit gut klar gekommen, kann innerhalb eines mehrköpfigen Gesprächs gut switchen. In Konferenzen spreche ich die Kollegen mittlerweile, wenn ich alle anspreche, mit dem fränkischen Plural an – sage also: „Ihr“ und „Euch“.

Exkurs:  Der fränkische Plural kommt daher, dass man sich auf dem Dorf natürlich duzt. Mit einem Zugezogenen wie mir ist das aber nicht so einfach. Also kommt es dann zu der bizarren Situation, in der ich vor der hiesigen geschlossenen Sparkasse jemanden frage, wo denn der nächste Geldautomat sei. Als Antwort beugt sich der Angesprochene ans Autofenster und meinte: „Da fahrt ihr einfach nach Lauf.“ Das Problem: ich war allein im Auto.  Mir wurde hier in Zusammenhang mit dem Dorfleben erläutert, dass es eine fränkische Plural-Anrede existiert, die sozusagen zwischen Sie und Du steht und aus der Unsicherheit resultiert, jemanden Fremdes, der im Dorf lebt, anzusprechen.

Nun ändert sich aber langsam wieder was. Dieses Jahr kam eine Referendarin an unsere Schule, die ich über Umwege schon kannte – ergo duze – ihr Angebot, dies rückgängig zu machen, lehnte ich logischerweise ab, weil ich es albern finde.

Das viel größere Problem aber ist mittlerweile, dass ich mich mit einigen neuen Kollegen gut verstehe – mir aber das Du nicht als Angebot über die Lippen kommen will.

Es bleibt vertrackt. Oder ich bin verkrampft.

7 Antworten auf „5 Minuten Schulleitung – Die Sache mit dem Sie“

  1. Ein ganz klassischer Rollenkonflikt, der dadurch entsteht, dass Schulleitung aus dem Kollegium kommt. Beim Schulleiter hat man der Problem erkannt und lässt es nicht zu. Mir fallen eine ganze Menge Beispiele aus meinem Alltag ein, in der dieser Rollenkonflikt mehr als hinderlich ist. Mein Chef siezt mich und duzt gleichzeitig sehr viele Kollegen.
    Ich würde von mir aus nie auch das „Sie“ verzichten wollen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich jemanden nicht mag, sondern damit, dass ich Rollen sehr gerne hübsch säuberlich trenne.
    Nähe zum Kellogium ist Segen und Fluch zugleich: Bei notwendigen Disziplinierungen oder bei der Durchsetzung auf den ersten Blick unbequemer Änderungen ein Fluch. Bei eigenen Führungsfehlern auch ein Segen. Der Fluch überwiegt für mich eindeutig.

    1. Zum Teil gebe ich dir da recht. Ich selbst kann über das Du und das Sie hinaus aber meine Rollen ganz gut aufteilen. Mit den allermeisten Kollegen gibt es da keine Probleme – also in meinem Bewusstsein. Problematisch wird es dort, wo Kollegen eben auch zu Freunden geworden sind, ich sie also auch außerhalb der Schule treffe. Letzteres geschieht z.B. mit meinem Chef nicht.
      Zugute kommt mir aber, dass meine Stellung von vornherein so eine Zwischenstellung ist – ich bin ja nicht Stellvertreter, muss also kaum Unangenehmes an den Mann bringen. Aber das kann sich auch ändern.
      Aber ich komme in letzter Zeit eben auch immer öfter zu der Erkenntnis, dass ich bei einer weiteren Beförderung die Schule wechseln würde/müsste. Ich weiß nur bisher noch nicht, ob mir der Posten (und eine wie auch immer geartete „Mission“, die dahinter steckt) wichtiger ist als der Standort der Schule, an der ich unterrichte.
      Ich hänge derzeit ein wenig komisch drin – manchmal frage ich mich, wie man wohl so einen „Posten“ kündigt, um wieder „normaler Lehrer zu sein“ oder ich schaue mich um, welche andere Realschule in der Gegend denn noch mit Auto leicht zu erreichen wäre.

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