5 Minuten Schulleitung – Ende

Habe gerade gesehen, dass der letzte Beitrag „5 Minuten“ schon zwei Monate her ist. Ich könnte sagen, dass ich keine Zeit gehabt hätte – aber das war es nicht ganz. Ich könnte behaupten, dass ich viel Stress hatte – das würde sogar stimmen. Im Prinzip aber hatte ich keine Motivation, keinen inneren Antrieb. Ich bin müde.

Vor den Pfingstferien habe ich, um irgendwo anzufangen, bemerkt, dass das Pfeifen in meinen Ohren, was ich sporadisch seit dem letzten Punkkonzert im April immer mal wieder wahrgenommen hatte, offenbar ein dauerhafter Gast ist. Infusionen und Medikamentengabe konnten dies nicht eindämmen. Ich hatte es zuerst wirklich eben für eine Folge des Konzerts gehalten, konnte mir aber nach Wochen nicht mehr einreden, dass es vorübergehend ist.

Seit dieser Zeit strengt mich die Arbeit insgesamt sehr an – oder ich nehme es so wahr. So sehr, dass ich nachmittags nicht mehr wirklich aufnahmefähig bin, sei es sozial oder intellektuell. Ich esse zu viel und zu unüberlegt. Ich schlafe viel und bin viel müde.

Eins meiner größeren Probleme aber ist es, dass ich nicht zugeben kann, Stress zu haben. Oder dass mich meine Arbeit wirklich anstrengt. Immer wieder, wenn ich etwas davon erzählen möchte, hänge ich Sätze hinterher, die anfangen mit „Aber ich kenne Kollegen, die viel mehr…viel länger…“ Und ja, die gibt es. Ich muss versuchen, mich nicht hinter ihnen zu verstecken, ohne bestimmten von ihnen weiterhin Respekt zu zollen für das, was sie stemmen.

Betrachte ich meine Arbeit und den damit verbundenen Stress, dann kann ich folgende Unterschiede feststellen zu meinem bisherigen Lehrerleben:

  • es fällt viel Organisation an, angefangen beim Vertretungsplan, über Hintergrundorga von Veranstaltungen und Konferenzen, weit gestreut im zeitlichen Aufwand und Vorlauf
  • ich versuche natürlich auch Marken zu setzen, dabei sehe ich zwei Aufgaben: a) die Mitentwicklung und Umsetzung eines Medienkonzeptes für die Schule und b) die verstärkte Zusammenarbeit mit den anderen Schulen vor Ort
  • ich bekomme viel mehr mit von allem, was nebenher läuft: Gespräche mit Eltern, diszplinarische Vorfälle, Krankheiten und Probleme der Kollegen, Schüler und Familien der Schüler – viel davon wird im Hintergrund erledigt, ohne dass es weiter durchdringt
  • ich muss viel mehr Wert auf mein Auftreten und meine Worte legen, habe ich doch bisher nach dem Motto gelebt „Lieber auf einen guten Freund als auf einen guten Spruch verzichten“, muss ich mich nun beherrschen und für alle da sein – und ich musste in Vertretung drei Abschlussprüfungskonferenzen leiten
  • als sehr belastend empfinde ich den Anspruch an mich selbst, unfehlbar sein zu müssen, ja, ich weiß, dass das niemand sein kann – ich interpretiere dabei nur meine inneren Reaktionen, wenn mir Fehler unterlaufen und ich drei Tage und Nächte damit zu kämpfen habe
  • stressig bleibt für mich weiterhin der Umgang mit den bekannten Kollegen; besonders auf Messers Schneide läuft es eben, wenn man einen Freund im Kollegium hat, der nun auch seit meinem Amsantritt im Personalrat ist; das ist nicht so leicht für mich auf die Reihe zu bringen und wir beide mussten sicher schon ein wenig Lehrgeld zahlen
  • unglaublich anstrengend bleibt auch weiterhin die durchweg hohe Anspannung im Verlauf des Arbeitstages, ich komme um halb acht und gehe um zwei, in dieser Zeit gibt es an vielen Tagen kaum einen Moment, in dem ich für mich bin und verschnaufe, ich habe meinen Unterricht, dann die Stunden im Büro und Absprachen in den Pausen
  • und mit schlechtem Gewissen ist weiterhin verbunden, wenn ich vor 13 Uhr das Schulhaus verlasse oder nach 8 komme (an einem Tag der Woche habe ich eine Absprache diesbezüglich)
  • und das Schuljahr hat keine Grenzen mehr: während ich grad die Statistiken für die Abschlussprüfung zusammenstelle, laufen die ersten Wunschzettel zusammen bezüglich der Unterrichtsverteilung und des Stundenplans – das neue Schuljahr hat also schon begonnen.

Wir sind zu dritt in der Schulleitung und ich weiß, dass wir alle eine ähnliche Schlagfrequenz haben, was die Arbeit angeht und keinem kommt dabei über die Lippen, dass er für etwas nicht zuständig ist. Keiner läuft mit dem Geschäftsverteilungsplan durch die Gegend.

Ich muss nicht hinzufügen, dass ich seit einem halben Jahr unglaublich schlechten Unterricht mache und ein ebensolcher schlechter Ehemann bin.

Richtig gut dagegen lief am Sonntag nur die Golfrunde in der Nähe von Neumarkt.

Bildschirmfoto 2013-07-16 um 22.20.09

6 Antworten auf „5 Minuten Schulleitung – Ende“

  1. Ich hatte vor über zehn Jahren auch mal ein Pfeifen im Ohr.Und ebenfalls kein erfolg durch Medikamente und Infusion…
    Ich bin es losgeworden: Beim Zahnarzt. Der hat mir zeigen können, dass ich den Unterkiefer falsch bewege. Eine kleine Übung, wie es richtig geht… und nach zwei Wochen war die Sache durch. Wenn das Pfeifen ein oder zweimal im Jahr wiederkommt, wiederhole ich die Übung und bin es sofort los.
    Muss nicht bei jedem klappen, aber vielleicht magst Du das ja noch probieren.

    Gruß
    Christian

    1. Ah Danke, das kann ich mal ins Auge fassen. Es scheint ja wirklich alle möglichen Ursachen dafür zu geben und entsprechend viele Heilmethoden. Ich werde dem mal weiter nachgehen.

  2. Schade, dass dies der letzte Beitrag in dieser Reihe (die ich gern und interessiert gelesen habe, weil an einer Realschule so einiges anders läuft als an unseren beruflichen Schulen) sein soll – er gefällt mir vor allem, weil Du zeigst, dass Dein Job Schwierigkeiten mit sich bringt, die auch nicht alle wirklich lösbar sind, ohne mit diesen zu kokettieren nach dem Motto »aber ich, der Superkubi, bekomme es schon hin«.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft. Du bekommst es schon hin. 🙂

    1. Danke. Aber ich fürchte, der Titel war irreführend – ehrlich gesagt, war das nur ein Arbeitstitel ;)…und ich habe am Ende vergessen, etwas Besseres daraus zu machen. Es sollte was sein zwischen „Schuljahresende“ und „Ich bin am Ende“, wobei letztere Aussage doch übertrieben wäre. Trotz vieler Grenzen, an die ich in den letzten Monaten gestoßen bin, hofft doch irgendwas in mir, dass es doch hier und da Lösungen gibt oder Ansätze dazu. D.h. die Reihe wird wohl weiter geführt und erst dann beendet, wenn ich das Gefühl habe mich dauerhaft zu wiederholen.
      Aber noch mal Danke – und ich glaube, es gibt zwischen Nord- und Südschulen doch sicher viele Unterschiede ;).

  3. Ich wünsch dir alles Gute. Der Juli ist kein guter Monat. Selber habe ich inzwischen zu hohen Blutdruck, und bin nicht zufrieden mit mir und meinem Unterricht. Und das schon als einfacher Lehrer. Dein Job wäre nichts für mich. Ratschläge habe ich keine. Um, weniger laute Punkkonzerte? 🙂

    1. Ich fürchte, dass man sich damit abfinden muss, über 40 zu sein und Manches nicht mehr so leicht wegstecken kann. Und ja, der Juli ist wirklich der Hammer. Und Punk…das bräuchte ich eher mehr – vielleicht aber kaufe ich mir solche Ohrenstöpsel, über die ich früher bei Rock im Park immer gelacht habe.;)

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