Analog und Digital – Letzter Teil: Was ich vergaß

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Ich bin etwas spät dran dieses Jahr. Normalerweise schicke ich eine SMS an alle, die meiner letzten Zigarette beiwohnten – das habe ich auch noch nicht getan.

Etwa 1999 las ich das Buch „Endlich Nichtraucher“. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon 16 Jahre geraucht (etwa seitdem ich 13 war). Das Buch war super. Ich war motiviert. Am Ende der Lektüre warf ich alle Aschenbecher, Feuerzeuge, Tabakbeutel und Schachteln in den Müllcontainer. Am Abend kletterte ich in den Müllcontainer und sammelte alles wieder raus und warf das Buch weg.

2003 entdeckte ich im Netz die Seite www.rauchfrei-online.de. Ich begann mein Nichtraucherprojekt und schon nach kurzer Zeit konnte ich 32 Tage ohne Zigarette notieren. Dann fuhr ich auf eine Fortbildung, die ich mir nicht selbst ausgesucht hatte, nach Dillingen. 24 Stunden später war ich wieder Raucher. Stärker als zuvor.

Raucher hieß bei mir: Nicht weniger als 20 Zigaretten pro Tag, in der Regel 30 und mehr. Bedeutete, dass ich morgens auf dem Weg zur Schule eine Packung kaufte (Big-Pack) und auf dem Rückweg schon wieder neue besorgen musste. Das ging einfach: Frühstücken, rauchen, aus dem Haus gehen auf dem Weg zum Auto rauchen, im Auto auf dem Weg zur Schule zwei rauchen, vom Auto zur Schule gehen, rauchen, in der Schule im Raucherzimmer, rauchen. Also schon sechs geraucht bevor der Unterricht begann. Manchmal zwischen den Stunden zum Raucherzimmer gegangen und dort schnell vier Züge genommen. Am Ende auch morgens vor dem Frühstück geraucht oder nachts, wenn ich aufwachte, so gegen 3 oder 4. Und das war noch vor der Zeit mit der ganzen Schulleitungsgeschichte.

Ich startete 2005 mein neues Projekt. Die Idee dahinter war stärker als „Endlich Nichtraucher“. Während das Buch einen nur bis zum letzten Rauchertag begleitete, ging das Internetprojekt darüber hinaus. Außerdem gab es diese genialen Pokale (für den ersten Tag, die erste Woche, den ersten Monat usw.) und den Rechner, der alles zusammenrechnete, was man nicht rauchte. Außerdem konnte man öffentlich ein Tagebuch führen und es gab ein Forum, wo man sich austauschte. In diesem war ich der letzte, der noch rauchte, aber eben einer der fleißigsten Poster. Ich wurde aufgebaut, gecoacht von Fremden. Von Jonathan aus Köln, Vampyra aus Baden-Württemberg, Marcel aus Hamburg, Manbra aus …?… und vielen anderen. Und mit ihrer Hilfe schaffte ich es 2005 erneut – 74 Tage lang. Bis meine älteste und beste Freundin in London heiratete, ich hinfuhr und (außer ihr) alle Raucher traf, mit denen ich zusammen in den 80ern um die Wette gequalmt hatte. Ende Gelände.

Kurz danach machte RF-Online dicht, weil der Urheber es zeitlich nicht mehr schaffte und es niemanden weiter tragen konnte. Ich verlor mein Forum und lud vorher alle Piktogramme der Pokale herunter, um mir damit eine Excel-Tabelle aufzubauen. Aber es fehlte etwas.

Am 13. November 2008 fuhr ich als Verbindungslehrer mit drei Kolleginnen auf SMV-Tage. Nach einem Tag voller Stress und Nikotin, einem Abend mit Rotwein, wachte ich um 4 Uhr morgens mit einer Migräne-Attacke auf, die sich gewaschen hatte und die etwa 30 Stunden andauerte. Als ich das erste Mal wieder schmerzfrei war, fing ich nicht wieder an zu rauchen. Bis heute nicht. Natürlich habe ich von einem Tag auf den anderen aufgehört, wie viele andere es auch immer behaupten, aber ich brauchte 9 Jahre Vorbereitung. Und süchtig bin ich immer noch, da mache ich mir nichts vor.

Am Ende war es ein enormes Bedürfnis, mich bei meinen alten Forums-Partnern zu melden, um ihnen meinen Erfolg mitzuteilen. Ich hatte nur noch die Email von Vampyra und als sie antwortete, war mein Erfolg und mein Nichtraucher-Glück komplett.

Ich weiß, sie ist auch Lehrerin, aber ich habe immer noch keine Ahnung, wie sie wirklich heißt.

 

PS: Das Projekt lebt wieder: http://www.smokefreeproject.org

2 Antworten auf „Analog und Digital – Letzter Teil: Was ich vergaß“

  1. Gratuliere.. zu jedem einzelnen Tag ohne
    Ich habe etwa zur gleichen Zeit aufgehört. An Aschermittwoch. So ein ganz einfaches „Acht Wochen ohne“… Nachdem ich 14 Tage lang täglich die Kinder verprügelt und die Tapeten von den Wänden gekaut hatte, war ich durch.
    Aber ich rieche noch immer JEDE Zigarette, die sich jemand im Fernsehen anzündet. Und ich weiß, dass ich eine Süchtige bleibe – mein restliches Leben lang.

    1. Ah cool, da gratuliere ich zurück.
      Es kommt bei mir ganz, ganz selten vor, dass ich Zigarettengeruch als angenehm empfinde. Ganz im Gegenteil empfinde ich es mittlerweile als eklig, wenn ich einem Raucher begegne, der grad geraucht hat. Mittlerweile öffne ich das Fenster. wenn diese aus meinem Büro wieder raus sind. Alternativ bitte ich auch mittlerweile Abstand zu wahren oder ich gehe selbst auf Abstand.
      Und zu dem Vorwurf, dass Ex-Raucher die Schlimmsten seien – ist mir Wurscht…Ich war, als ich das mit dem Geruch gemerkt habe, ehrlich ganz schön schockiert, denn ich muss ja ebenso gestunken haben für meine Frau, die Nichtraucherin ist.

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