5 Minuten Schulleitung – Das System

Ambiguitätstoleranz – das ist ja das Wort, das mir so durch den Kopf geht seit Monaten. Im engeren Sinne von mir verstanden als die Fähigkeit, die Widersprüche und den Irrsinn in größeren und komplexeren Systemen zu ertragen.

Ich denke da oft an eine Stunde, die, wenn ich es heute recht erinnere, eine hospitierte Stunde einer Referendarin war, die bei uns Mathematik unterrichtete als ich etwa in der 8. Klasse war. Eine Referendarin, die bei uns nicht viel zu lachen hatte und leider Gottes auch nicht viele Möglichkeiten, uns etwas entgegenzusetzen. Alle wussten es, aber es wurde fein Theater gespielt. Und das hat mich in dieser Stunde gefuchst bis irgendwann irgendwas aus mir herausplatzte, nur einen kurzen Moment, nur ein kurzer Satz – der mich später in das Zimmer des Direktors brachte. Und ich habe versucht zu erklären, dass mich das Theater unglaublich geärgert hat, weil es so gar nicht dem Alltag entsprach. Ich weiß nicht mehr, was er mir sagte.

Sicher, Pubertät. Aber ist denn alles schlimm daran?

Bis heute neige ich dazu, zu provozieren, zu sticheln, das Maul aufzutun – manchmal mit guten Argumenten, andermal mit der reinen Lust am Sticheln. Und doch auch immer wieder gern überrascht, wie gut manches zu treffen ist.

So darf ich z.B. keine Praktika mehr absolvieren an dem Gymnasium, an dem ich Abitur gemacht habe. Eine nicht vergessene (Ist das dasselbe wie „unvergessen“?) Abschlussrede und ein Interview in der Schülerzeitung 3 Jahre nach dem Abitur während eines Praktikums reichten da aus. Ich darf hier auf diesem Blog das Wort „Zwangsfortbildung“ in bestimmten Zusammenhängen nicht erwähnen. Ich darf nicht mehr Geschichten erzählen, bei denen mein Name in Verbindung mit bestimmten Institutionen gebracht werden kann. Ich erinnere mich an ein Gespräch, bei dem mir unterschwellig mit einem Anwalt gedroht wurde („Ich habe das einem Freund gezeigt, der Anwalt ist. Der hat mir gesagt, dass man diese Äußerungen auch anzeigen kann.“). In dem Bewerbergespräch für den Zweiten Realschulkonrektor ertappte ich mich irgendwann, wie ich anfing mit dem Gegenüber kritisch über das bayerische Schulsystem zu diskutieren. Der Blick des Beisitzers brachte mich schnell dazu, ein anderes Thema anzuschneiden. Schließlich ist mein schädlicher Einfluss anscheinend so groß, dass ich mittlerweile keine Praktikanten mehr betreuen darf. Und so schließt sich der Kreis.

Natürlich werde ich überschätzt. Gnadenlos.

In meinem Alltag erlebe ich dagegen Dutzende Geschichten mehr in dem Vieleck von Eltern, Schülern, Kollegen, Schulsystem, in denen mir oft innerlich die Toleranz entgleitet. Aber eben innerlich.

Zwei positive scheinende Entwicklungen mache ich dabei offenbar durch. Erstens gelingt es mir immer mehr, innere Distanz zu diesen Widersprüchen aufzubauen und zweitens damit nach außen wahrscheinlich auch professioneller zu wirken. Im Endeffekt frage ich mich aber, ob dies noch Toleranz ist oder nicht auch schon ein Stück Resignation.

Aber ich schlafe mittlerweile wieder gut.

Komatös in der Regel.

5 Antworten auf „5 Minuten Schulleitung – Das System“

  1. Das ist ein spannendes Thema, das mich auch immer wieder beschäftigt. Mir geht es auch so, dass ich Theater überhaupt nicht mag. So habe ich z.B. im Ref manche Dinge in den Lehrproben nicht gemacht, obwohl ich wusste, dass sie meine Note verbessert hätten, weil es mir unerträglich war, mich so weit von der empfundenen Realität zu entfernen und eben Theater zu spielen.

    Inzwischen habe ich aber auch gelernt, dass manchmal ein bisschen Theater sein muss, wenn man was erreichen möchte (die Frage eines Profs– unter vier Augen –  in einer entsprechenden Situation war mal: Wollen Sie Recht haben oder Erfolg?). Da ist der Grad zwischen Sich-Verbiegen und Nötige-Zugeständnisse-machen natürlich schmal, aber ich habe den Eindruck, dass man mit der 100%-Straight-Linie sich zwar einbilden kann, man habe Recht (was natürlich auch noch zu hinterfragen wäre), aber man bewirkt halt oft wenig.

    Inzwischen denke ich, dass es eine gute Führungspersönlichkeit ausmacht, diese Ambiguität einerseits auszuhalten und sie andererseits nicht destruktiv wirken zu lassen. Meist ist es ja so, dass man an entscheidender Stelle innerhalb eines »makelbehafteten« Systems weit mehr Positives bewirken kann, als wenn man sich offen von diesem System distanziert und nur darüber meckert. Die dafür nötigen Kompromisse können von Kompromisslosen schnell als Rückgratlosigkeit missverstanden werden.

    Hier noch ein Zitat dazu, das – für mich – aus unerwarteter Quelle kam:

    Be able to keep two completely contradictory ideas alive and well inside your heart and head at all times.

    — Bruce Springsteen (aus seiner SXSW 2012 Keynote).

    1. Hast Recht. Auch wenn „Recht haben“ irgendwie immer einen seltsamen Beigeschmack hat, denn mal will ja nicht der Klugscheißer sein und letztlich ist ja so viel ein Problem der Perspektive und nicht der Wahrheit oder des Rechts.

      Für mich tritt das gerade im Punkt Notengebung oft zutage. Ich kann im Fach Deutsch locker eine Stunde Rechtschreibung machen und danach eine Ex schreiben, dann gäbe es eine Note, die kaum einer in Zweifel ziehen würde, weder Eltern noch Schüler noch Schulleitung. Aber die Sinnhaftigkeit dieser Bewertung gerade in diesem Fach erschließt sich mir bis heute nicht. Mache ich dagegen ein vierstündiges Filmprojekt muss ich die Bewertung doppelt und dreifach absichern, muss ausführliche Beobachtungsbögen führen, muss gesondert rechtfertigen, warum ich Arbeitshaltung und Teamfähigkeit mit in die Note einfließen lasse und am Ende stehe ich immer noch da mit wackligen Beinen.

      Und es stimmt auch: Offenes Meckern über „das System“ bringt gar nichts. Tu ich auch nicht mehr, schweige, möglichst auch mimisch kommentarlos. Versuche zumindestens aber zu ermutigen, sich innerhalb der Grenzen auch auszubreiten und mal zu sehen, wo die Ränder sind.

      In der Schulleitung ist es aber nicht nur ein persönliches Problem, sondern auch die Aufgabe innerhalb eines Kollegiums diejenigen, die sich vor lauter Unsicherheit sklavisch an die Buchstaben der Schulordnung halten UND die, die sich von Vorgaben schon lang verabschiedet haben, irgendwo zusammen zu bringen – bzw. zu stabilisieren.

      Letztlich aber strengt es mich an, weil ich innerlich mehr denn je nach Peilung Ausschau halte und mich deutlich öfter ausrichten muss als noch vor ein paar Jahren.

      PS: Beim Thema Referendariat erinnere ich mich auch noch an den Satz eines Schülers, der danach vor zum Pult kam: „Wissen Sie Herr K., die Stunde war super, weil sie so waren wie immer.“

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