3 Monate Schulleitung: Umbrüche, Abschiede

September

Ich bin eine Hausbesetzung.

Das ist ein Satz, der mir gefällt. Er beschreibt den Umstand, dass ich als Mitglied des Kollegiums in die Schulleitung gewechselt bin.

In den zurückliegenden Jahren war das sehr angenehm, weil man viel von den sozialen Anpassungsvorgängen überspringen konnte. So gesehen, ist das Leben für mich an meiner Schule sehr bequem.

Mittlerweile habe ich aber gemerkt, dass mich die Hausbesetzung eher hindert. Hindert daran zum Beispiel, bestimmte Dinge anzusprechen und neue Dinge anzuregen, Gespräche ordentlich zu führen – und ja, letztlich auch meinen Platz in meiner Rolle zu finden. Ich weiß, es gibt Konrektoren, die das schaffen – für mich gilt das nicht. In den zurückliegenden Ferien habe ich das irgendwie herausgefunden, beim Wandern glaube ich ist mir das klar geworden. Irgendwo an einem Ort, wo ich das Gefühl hatte, dass sich mein Verstand mal wieder ungehindert ausbreiten konnte. Und seitdem ich diesen Gedanken mal hatte, hat er mich nicht mehr losgelassen.

Vor zehn Tagen habe ich diesen Gedanken konkreter werden lassen, nach einem langen Gespräch mit meiner Frau, das sich nicht nur um den Beruf drehte, sondern allgemein auch um den Umstand, seit 18 Jahren im Beruf zu stehen und noch 22 Jahre vor sich zu haben – und sich nicht richtig vorstellen zu können, ob das Aktuelle noch für die ganzen folgenden Jahre reicht.

Manche nennen das Midlife Crisis – ist es wahrscheinlich auch.

Aber ich habe mal die Konsequenz draus gezogen und mir einen Porsche gekauft.

Nicht.

Auch kein Motorrad.

Ich habe mich neu beworben, an zwei andere Schulen.

Bewerbungen

In Bayern werden Funktionsstellen vom KM ausgeschrieben. Auf diese bewirbt man sich dann. Das geht einfach in einem formellen Schreiben und angehängtem Lebenslauf. Die Beurteilung liegt ja sowieso vor.

Ausschreibung von Funktionsstellen: KMS Nr. IV.3 – BP 6001.1 – 5a.122 560

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit bewerbe ich mich um die Stelle des ständigen Vertreters des Schulleiters an der Staatlichen Realschule …

Hochachtungsvoll

Danach wartet man und wird irgendwann zu einem Bewerbergespräch eingeladen, welches auf jeden Fall mit dem neuen Schulleiter zusammen stattfindet. Dort beschnuppert man sich gegenseitig und schaut, ob es passt.

Abschließend werden Bewerbungen, Notizen und Überlegungen an das KM geschickt und dort entscheidet dann jemand, mehrere, wer auch immer.

Alles recht unspektakulär.

Meine Schulen

Ich habe mich auf zwei extremst gegensätzliche Schulen beworben. Auf der einen Seite Landschule, gut ausgestattet, eingesessenes Kollegium. Auf der anderen Seite Stadtschule, mitten drin, in einem Übergangsgebäude, anstehender Neubau, junges Kollegium.

Beide Schulen interessant. Beide Schulen mit sympathischen Schulleitern. Beide jünger als ich – zugegeben, es geht um Wochen jünger. Beide Schulen reizen mich.

Ich habe mich nicht auf Aufstiegsposten beworben, sondern auf Posten auf meiner Ebene. Ich weiß, dass ich für den Chefposten noch nicht reif bin. Ich muss sicher lernen. Viel mehr lernen.

Auf den Ausschreibungen habe ich allerdings einen Rektorposten gesehen, der mich zögern ließ. 5 Minuten lang sicherlich. Ich denke mir grad, ich hätte es versuchen sollen. Nein. Doch. Egal. Nein. Es war der Rekorposten der ersten Schule, auf der ich nach dem Referendariat 1999 war. Erste Stelle als Junglehrer. Aber mein Hang zu seltsamen Scherzen hat Grenzen.

Oktober

Vorbereitung

In dem Moment, in dem ich den letzten Abschnitt geschrieben habe und eben diesen jetzt, sind die Bewerbergespräche gelaufen. Beide liefen gut, nach meinem Empfinden. Ich denke, ich habe bei beiden Schulen Chancen. Soweit kann ich das einschätzen. Aber es wird eben doch woanders entschieden. In München.

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(Hier wird’s entschieden: Staatskanzlei, München; Naja, etwas entfernt davon, glaube ich, beim Staatsministerium für Unterricht und Kultus, in Spuckweite der Feldherrnhalle)

Doch egal, was dabei heraus kommt, ich muss mich wohl vorbereiten. Logischerweise muss ich meinen Ausstieg aus der alten Schule planen, was ich/wir (in der Schulleitung) schon tun. Arbeitsweisen, Datenablage und Vorgänge müssen er- und geklärt werden. Passworte gesichert. Ich habe schon schlechte und sehr schlechte Übergänge von einem zum anderen Schulleitungsmitglied erlebt. Ich will es gut machen.

Derzeit bin ich bange ob des Termins, an dem ich dem Kollegium offenbaren muss, dass ich gehe. Ich kann die Reaktionen nicht abschätzen. Und eigentlich möchte ich so wenig Aufsehen wie möglich. Ob es noch in diesem Jahr sein wird, weiß ich nicht. Weiß auch nicht, ob es ein schönes Weihnachtsgeschenk werden wird. Ebenso wenig freue ich mich darauf, mich von meinen Klassen zu verabschieden. Besonders die Kleinen sind mir doch ans Herz gewachsen, schon wieder, schon nach wenigen Wochen.

Und dann die Vorbereitung auf die neue Schule. Da der Wechsel im Halbjahr stattfinden wird, wird es keine Ferien geben. Wenn es ganz dumm läuft, dann heißt das, am Freitag aus der einen Schule rausgehen und am Montag in die neue rein. Das wird im besten Falle sehr interessant werden.

November

Nachrichten

Durch ein offensichtliches Missverständnis habe ich letzte Woche erfahren, in welche Schule ich versetzt werden soll. Ich wusste aber zum Glück, dass einer solchen Information immer die „Schweigephase“ folgt. In dieser muss abgewartet werden, ob Einspruch gegen die Entscheidung erhoben wird. Also schwieg ich.

Zwei Tage nach diesem Missverständnis bekam ich dann quasi inoffiziell-offiziell dieselbe Nachricht noch einmal. Mit dieser Information werden dann die Absagen per Post verschickt. Ich müsste also eine Absage bekommen, vom KM über die Stelle an der anderen Schule. Ich darf aber erst in 14 Tagen etwas sagen.

Das Kollegium weiß noch nichts. Ich muss dennoch einige Kollegen langsam vorbereiten, weil ich merke, dass ich, trotz des Wissens um meinen baldigen Abgang, dennoch Pläne mit Kollegen schmiede oder sie mit mir, so als wenn ich nicht im Februar gehen würde. Das sollte ich bremsen – ich habe keine Lust als derjenige in die Geschichte einzugehen, der Arbeit plant und sich dann vom Acker macht. Auch wenn ich scheinbar weiterhin gute Ideengg habe.

Ich habe 1997 mein erstes Staatsexamen abgelegt und bin danach im September ins Referendariat gegangen. 1999 habe ich dann die erste Stelle angetreten. 2000 habe ich mich auf eigenen Wunsch versetzen lassen. 2003 habe ich mich auf eigenen Wunsch versetzen lassen. 2005 habe ich mich auf eigenen Wunsch versetzen lassen. 10 Jahre bin ich jetzt also hier – und lasse mich auf eigenen Wunsch versetzen.

Dezember

Ich bin aufgeregt, das lässt sich nicht leugnen. Vor allem diese Schweigephase ist nicht so mein Ding. Ich laufe durch eine Schule und spreche mit Kollegen als wenn alles so weiter ginge. 14 Tage noch.

Den Brief aus dem KM bekommen: Absage für die eine Stelle, auf die ich mich beworben habe. Den hatte ich erwartet. Ein zweiter kommt nicht, ich weiß es ja.

Irgendwann ruft das KM an und ich muss das Telefon abnehmen. Ein netter Herr und ich muss mich mit ihm kurz über die Personalfragen des weiten Halbjahres unterhalten – quasi mit ihm über die Besetzung meiner wegfallenden Stunden. Ich weiß, dass mein Chef nicht amused ist ob dieser Arbeit. Während des Jahres Aushilfen zu bekommen, ist sehr schwierig, trotz der niedrigen Einstellungszahlen. Viele haben schon etwas oder schulen um, andere wollen nicht so weit fahren (auch das gibt es) oder nicht für nur wenige Stunden. So reibungslos wie ich dachte, wird mein Abgang dann wohl doch nicht.

14 Tage später: Die Bombe im Kollegium bezüglich meines Weggangs habe ich nun mittlerweile nicht selbst gezündet, sondern – nach Absprache – mein Chef. Ich bin leider krankgeschrieben und es war notwendig, dass im Kollegium Klarheit herrscht, auch weil die Umschichtung des Unterrichts ansteht.

Ich treffe in den nächsten Tagen meinen neuen Chef dann, um die ersten Absprachen  bezüglich meiner Amtseinführung und der kommenden Arbeit zu klären.

Es wird spannend.

Aber das wollte ich ja.

Januar

Ich habe die schriftliche Bestätigung bekommen. Es wurde übrigens die Stadtschule.

Seit heute wissen es die Schüler.

Und ihr jetzt auch.

15 Antworten auf „3 Monate Schulleitung: Umbrüche, Abschiede“

  1. Wow, sehr spannend! (Und auch schön geschrieben.) Gratuliere zum Wechsel, zum mutigen Schritt, zur Herausforderung. Ich wünsch dir alles Gute damit.

    (Und selber mal nachgezählt. Bei mir sind es noch 19 Jahre.)

    1. Hm, wenn ich geschrieben habe, dass ich mich noch nicht bereit dafür fühlte, dann liegt es wirklich an zwei Dingen:
      a) Ich verfüge nicht über eine ausreichende Methodik oder Fähigkeit wirklich meine Arbeit strukturiert anzugehen. Arbeite noch oft aus dem Bauch heraus und improvisiert – was beides sehr anstrengend ist, im Unterricht kann das oft auch befriedigend sein, bei akuten ernsten Sachen eher weniger…
      b) Ich habe seit Beginn der Schulleitungssache wieder gehäuft Probleme, von der Arbeit abzuschalten. Als Lehrer hatte ich das mit der Zeit gelernt – aber das Problem tauchte wieder auf. Und da leidet halt immer jemand mit drunter.

      Ich habe unterm Strich Angst davor gehabt, dass all das noch schlimmer würde. Und ich will nicht um jeden Preis auf diesen Posten.

  2. Wow, viel Erfolg und nutze die Möglichkeiten, als Fremder in ein System zu kommen ohne alles über den Haufen werfen zu wollen – bisher sind sie auch (irgendwie) klar gekommen 🙂

    Ich bin auch ein interner Bewerber gewesen – ich habe nicht die Schule gewechselt, sondern das Kollegium ausgetauscht – wir haben sehr viele neue Kollegen, die mich nur in Leitungsposition kennen. Und ich nehme keinen Unterschied im Umgang mit den neuen und den alten Kollegen wahr.

    Johannes

    1. Ich gehe da „ergebnisoffen“ hinein 😀 – wie man so schön sagt.

      Das mit dem Kollegiumstausch funktioniert bei uns nicht, weil ich im Jahr nach dem Einzug ins Schulgebäude an die Schule kam, d.h. wir werden grad alle zusammen alt. Ab einem bestimmten Jahr kamen dann nur noch vereinzelt KollegInnen, mit denen ich mich sieze und wo die Distanz dann schon größer ist. Das machte mir aber wenig aus.
      Mir machen aber, das habe ich irgendwie vergessen zu schreiben, zwei Umstände wirklich zu schaffen:
      1. Dass sich am Verhalten einiger „alten“ Kollegen eben wirklich nichts geändert hat – im Gegensatz zu dir, macht mir das Schwierigkeiten, ohne da jetzt genauer drauf einzugehen. Und nein, es hat nichts damit zu tun, dass mir schwer fällt, Arbeit zu verteilen ;). Hm, um es vielleicht konkreter zu machen: Wenn ich als Kollege im Lehrerzimmer sitze, dann bin ich immer ansprechbar, bzw. man spricht mich natürlich an, ohne Hemmungen auch mit Nichtigkeiten. Wenn ich das nicht will, gehe ich halt in ein leeres Klassenzimmer, um dort zu arbeiten. Dagegen: Wenn ich in meinem Büro sitze und arbeite, dann arbeite ich da halt – aber auch dann konnte ich einigen nicht abgewöhnen, mich spontan anzusprechen mit Dingen, die ich grad irgendwie nicht brauchen konnte.
      Sicherlich ist Kommunikation auch in meiner Aufgabenbeschreibung mit drin, wenn ich aber z.B. angesprochen werde, Auskunft über den Inhalt eines Aushangs zu geben, den ich grad ins Lehrerzimmer gehängt habe, dann werde ich schon mal fuchsig und muss erklären, dass ich deswegen einen Aushang mache, damit ich es nicht jedem einzelnen der 45 LehrerInnen erzählen muss. Und ernte dann übrigens Missfallen, von langjährigen KollegInnen. Weil IHM/IHR kann ich es doch eben mal erzählen (20 Meter vom Lehrerzimmer entfernt).
      2. Ich hatte/habe Freunde im Kollegium. Wenn ich von denen eingeladen werde, sitze ich am Tisch und bekomme halt alle Gespräche mit, auch die vielen kleinen Dinge, die halt so im Kollegium ablaufen. Die Lästereien, die Sympathien und Antipathien und so weiter. Dinge, die die Schulleitung vielleicht nicht wissen sollte und müsste. Und beiden Seiten war das bewusst. Lange Zeit habe ich das gelöst, indem ich einfach keine Einladungen mehr angenommen habe. In den letzten zwei Jahren bin ich aber wieder hingegangen. Aber so ganz toll war das nicht. Ich habe mir meist eine Zeitspanne vorgenommen und danach bin ich dann gegangen. (Und nein, liebe FreundInnen: Nicht weil eure Kinder so laut waren…:) ) .

      Aber wie gesagt: Ich gehe nicht, weil ich supergroße, unüberwindbare Probleme habe, nicht als Flucht. Es könnte so weiter laufen, ist ja super bequem dort. Ich gehe vor allem, weil ich glaube, dass es für alle Beteiligten nicht gut ist, wenn sich in der Schulleitung über Jahre hinweg keine Änderung ergibt: für mich, die Schule und das Kollegium. Bequem fühlt sich gut an, tut aber nicht immer gut.

  3. Tolle Zusammenführung deiner Gedanken- und Lebenswelt der letzten Monate in dieser Sache. Vor allem die Perspektive aus deinem letzten Kommentar.
    Bin selbst gerade am überlegen, was die richtige Spanne ist, um an einer Schule zu bleiben bzw. irgendwann zu gehen.

    1. Sorry, Dein Beitrag ist hier in das Spam/Mülleimer-Getriebe gekommen, was ich grad erst gesehen habe.

      Bist du weiter gekommen mit den Überlegungen bezüglich der Zeitspanne? Ich denke, so banal es klingt, dass man das wohl von Fall zu Fall entscheiden muss. An meiner ersten Schule war ich ein Jahr, an der zweiten drei, an der dritten zwei, jetzt zehn Jahre. Ich glaube, zehn Jahre werden es an der nächsten nicht mehr.

      Besonders seltsam: Ich halte mich ja echt für einen offenen Lehrer und Kollegen, aber ich habe mehr und mehr schon eine gewisse Schwerfälligkeit bestellen müssen in Gedanken, die da beginnt mit „Das habe ich jetzt schon so lange gemacht….“

  4. Herzlichen Glückwunsch! (Wenn auch etwas verspätet.)

    Und ich hatte schon länger das Gefühl, dass *hier*, in der Kubiwahn-Abteilung der Blogosphäre ein Wechsel ansteht. (Kann gar nicht sagen, warum.) Viel Erfolg bei den neuen Herausforderungen!

    1. Ah Danke.
      Und ja, bei den letzten Postings musste ich selbst immer ein wenig aufpassen, dass ich nicht irgendwas rausrutschen lasse…

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