Brain-Dump, 2019-03-17

Jemand erwähnt im Gespräch, dass er gern in meinen Blog reinliest, aber in letzter Zeit so wenig passiert. Stimmt.

Artikel von Postings, die ich auf Halde habe, also unveröffentlicht, weil noch ungeschrieben:

Als brain-dump bezeichne ich in den letzten Wochen eine Methode, um den Kopf frei zu bekommen. Es geht einfach um das Aufschreiben aller Projekte und Baustellen, die jeweils aktuell anstehen. Das füllt in der Regel zwei DINA4 Seiten. Letztlich vergleiche ich es mit Höhlenmalerei, mit dem Bannen des Unheimlichen. Es wirkt erleichternd. Aber natürlich ist die Arbeit damit noch nicht gemacht. Aber es vermittelt ein Gefühl von Machbarkeit im Gegensatz zum fast schon normalen Gefühl der Überforderung.

Mein neues E-Bike ist fantastisch. Es kam schneller als gedacht, was mich erst zweifeln ließ, wann ich denn das erste Mal fahren würde. Aber ich bin dann einfach los damit, zur Arbeit. Und die frostige Kälte war nicht schön morgens. Aber es hat mich nun schon so gepackt, dass ich, wenn ich mit dem Auto fahre, die Strecke im Kopf mit dem Rad verfolge. Und es vermisse. Letzte Woche nur einmal gefahren, weil es zu viele Termine gab, die ich mit dem Rad nicht in akzeptabler Weise und Zeit schaffen konnte. Apropos Zeit: Der befürchtete Zeitverlust im Alltag ist zu vernachlässigen. Ich benötige morgens etwa 35-45 Minuten mit dem Auto, nachmittags/abends oft bis zu einer Stunde (der Umbau des Kreuzes mit Zufahrt von A6 auf A9 in Richtung Berlin lässt Übles erwarten, es gibt Alternativen). Mit dem Rad fahre ich stabil eine Stunde und ein paar Minuten. An jedem Tag, auf beiden Strecken. Und es gibt deutlich mehr Alternativen als mit dem Auto. Und es ist schön.

Nazis. Ich möchte seit Wochen gern darüber schreiben, dass ich Nazis immer noch gern Nazis nenne. Und es ist dann keine „Nazi“-Keule ist. Und ich halte nichts von dem Einwurf, dass „Nazis“ nur die wären, die „Hitler verehren würden“. Ich meine eher, dass Nazis die deutsche Variante der Faschisten sind. Und diese brauchen Hitler nicht und nicht mal den Holocaust. Und ja, ich halte auch die AfD mindestens für eine Vorstufe von Nazitum, weil ich sie als revanchistisch, rassistisch, revisionistisch, militaristisch, rechts-ideologisch und letztlich offen verlogen einstufe. Und ich meine, wer Weidel oder Gauland nicht für Nazis hält, sollte sich überlegen, wen man denn in Zukunft zum „GauleiterIn der Nördlichen Mark zwischen Bremen und Königsberg“ ernennen würde? Na?

Streiken für das Klima. Das habe ich ja aus schulischer Sicht schon beschrieben. Privat denke ich, dass andere Themen drängender sind und frage mich, wie das Thema Klima so auf die Agenda nach vorn rutschte. Nach meinem Empfinden und alltäglichem Erleben sehe ich als dringenderes Problem das Abdriften nach rechts, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Rechte Heilsversprechen sind nicht das, was ich politisch umgesetzt erleben will. Wenn ich allerdings in den letzten Tagen die Reaktionen der „Kritiker“ lese, die sich an Greta Thunberg abarbeiten, dann bekomme ich Nackenschmerzen vom Kopfschütteln und habe richtige Lust, mal nächsten Freitag in die Stadt zu gehen.

Grad entdeckt: Und es geht immer noch wirrer, wenn die AfD Greta Thunberg und Christchurch in einem Atemzug nennt und ursächlich verbindet. Frankfurter Rundschau

Disziplinarverfahren. Der Disziplinarausschuss unserer Schule hat die ersten Sitzungen hinter sich. Erfahrungsgemäß fangen die ersten im Januar an und ziehen sich bis in den Juli. Stadtschule, ja. Brennpunktschule, vielleicht. Aber eben Schule immer wieder auch als Brennpunkt aller gesellschaftlichen Verwerfungen, von Arbeitslosigkeit, Armut bis hin zu Missbrauch, Gewalterfahrung, Abhängigkeit und Traumatisierung. Im Mittwochbriefing letzte Woche habe ich die Ergebnisse der Sitzung vom Tag zuvor berichtet und ergänzt, dass mich diese Sitzungen nie kalt lassen. Dass sie dann wieder in mir hervorkommen, wenn ich nicht aufpasse und dann die inneren Abwehrmechanismen kurz auf Standby gehen (z.B. Beim Autofahren, nie auf dem Fahrrad). Disziplinarverfahren sehe ich nie als „Strafmaßnahmen“, sondern immer als den Versuch, das Handeln oder Nichthandeln von Kindern in besonderen Situationen zu verstehen. Eine Ordnungsmaßnahme daraus wird in der Regel begleitet von pädagogischen Leitplanken. Keine Entscheidung geschieht leichtfertig oder übereilt. Manchmal aber, um die Eltern überhaupt an die Schule zu bringen und zu sagen: „So gehts es nicht weiter.“

Was im Internet steht. Unsere Schule hat auch Kommentare im „Internet“. Keine guten stellenweise. Anfangs habe ich da noch ab und an geantwortet und zum Gespräch eingeladen. Mittlerweile bin ich es leid. Ich werde innerlich sehr zornig, wenn ich solche Sachen andeutungsweise erfahre oder lese – ich mache es nicht mehr, wie gesagt. Zornig, weil ich sehe, wie sehr (nicht nur) wir als Schule uns anstrengen, über den Unterricht hinaus, weit über das Lernen hinaus. Und was bleibt, sind Kommentare im Internet von Feiglingen, die ihren Namen nicht sagen wollen, um nicht angreifbar zu sein, während mein Kollege sich morgens ohne Fallschirm und mit vollem Namen nach vorn stellt. Dies betrifft auch Briefe, die an die vorgeordneten Behörden gehen und wozu man dann gern eine Stellungnahme von mir möchte. Anonym. Feige.

Meditation.

Schlaf-Apnoe.

Katzen.

Lesen. Gestern Hinweis auf eine Liste dystopischer Romane und Sachbücher bekommen als Anregung bei www.kritisch-lesen.de.

Eichhörnchen. Via @vorspeisenplatte

Christchurch und friedliche Moscheen. Via @vorspeisenplatte.

4 Antworten auf „Brain-Dump, 2019-03-17“

  1. Zu den Nazis:

    Als Geschichtsstudent finde ich es schon angebracht, Begriffe historisch einzugrenzen und von aktuellen Phänomenen abzugrenzen. Aber beim Begriff des Nationalsozialismus oder eben den „Nazis“ geht das oft zu weit und wird viel zu eng gezogen.
    Viele würden das gerne auf die Zeit von 1933 bis 1945 begrenzen, und die meisten von uns haben, wenn wir „Nationalsozialismus“ hören, sogleich diese beiden Daten im Kopf. Aber natürlich gab es Jahrzehnte vor 1933 Nazis, und fast ebenso natürlich waren am 8. Mai 1945 nicht alle von ihnen verschwunden. Ganz im Gegenteil lassen sich etliche Beispiele finden, die für eine teilweise Kontinuität sprechen, in beiden Deutschlands übrigens.

    Und die geistige Kontinuität zum Faschismus ist bei der AfD ganz klar gegeben. Antisemitismus gehört zwar offiziell nicht zum Programm, wird aber in den internen AfD-Gruppen durchaus nicht verborgen, äußert sich manchmal in Tiraden gegen „das internationale Finanzkapital“ oder gegen Herrn Soros, und die gleichen Methoden und Argumente richten sich halt jetzt gegen Muslime anstatt gegen Juden. Vielleicht weil es erfolgversprechener ist, vielleicht weil kaum noch Juden übrig sind in Deutschland, vielleicht weil der Antisemitismus in Deutschland so ein Tabu ist, dass man sich hier andere Ziele für Volksverhetzung suchen muss. (Man sieht in etlichen Ländern Osteuropas, wo es die „Vergangenheitsbewältigung“ nicht in dem Ausmaß wie in Deutschland gibt, dass man dort weit weniger Probleme mit Antisemitismus hat.)

    Ich fürchte, dass der einzige Unterschied zwischen der AfD und den historischen Nazis der ist, dass die AfD noch nicht an der Macht ist.

    Wenn ich 10 oder 20 Jahre zurückblicke, bin ich schockiert, wie sehr jetzt darüber gestritten wird, ob man antifaschistisch oder gegen Nazis sein soll. Ich dachte, das wäre absoluter Konsens, zumindest in Deutschland. Aber heute gelten Sprüche vom „Volkskörper“ und „Überfremdung“ als „berechtigte Sorgen, die ernst genommen werden müssen“.

    1. Ich stimme dir zu – und in meinem Unterricht gehe ich da differenzierter vor. Aber auch ich bin am meisten erschrocken derzeit über die ständigen Bekenntnisse, dass man mit „Nazis reden soll“. Und ich meine, dass dadurch nicht nur Worte, sondern auch Ideen wieder salonfähig werden.
      Andrerseits ist meine interpretation von 33-45 auch nicht allein die, dass „der Hitler“ und seine Handvoll Lakaien „die Deutschen“ verführt hat, sondern eben, wie du angedeutet hast, letztlich die vorhandenen Stimmungen erkannt und verstärkt hat. Antisemitismus als Beispiel wurde in Deutschland ja nicht 33 erfunden.
      Und es gäbe noch so viel zum Thema zu sagen.

  2. Lieber Thomas!
    Das Bike sieht sehr interessant aus. Marke, Preis, darf man das erfahren? H. fuhr auch meist mit dem Rad zur Schule, gegen den Westwind, den Tag strukturierend. Aber nur 30-40 Minuten. Heim flog er mit Rückenwind.
    Die Kommentare auf der Homepage wurden sehr schnell deaktiviert, weil jede/r ein wenig Frust verspürende Mist abließ. Echte Kritik kam immer persönlich an, im Büro.
    Zu den Nazis: Zustimmung!
    Zu den „Klimastreiks“: Oma und Opa stehen hinter den Kids.

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