Homeoffice Schulleitung – Müde

Anlauf

Mal was schreiben als Gedächtnisstütze. Fing ja schon vor mehr als einer Woche an, dass sich da was zusammenbraute. So ganz glauben wollte man es ja nicht. Aber als dann am Donnerstag die Pressekonferenz Merkl/Söder lief, wurde es deutlich, in welche Richtung es laufen sollte, auch wenn ich es mir absolut noch nicht vorstellen konnte.

Es war jedenfalls so deutlich, dass ich abends schon mal einen Elternbrief aufsetzte, der die Mails und Hinweise der vorangegangenen Tage zusammenfasste: digitaler Unterricht bei längerem Unterrichtsausfall, Vergabe von mebis-Passwörtern gewährleisten.

Und rein…

Freitag dann im Büro in der Schule warten auf die Pressekonferenz von Herrn Söder, bzw. danach Herrn Piazolo. Mitgeschrieben für die erste Konferenz in der ersten Pause.

erste Seite von zwei

Und zum zweiten Mal in diesem Schuljahr durfte ich vor das Kollegium treten mit einer Nachricht, deren Tragweite ich und wir uns noch nicht ganz sicher sein konnten. Verabredung für die zweite Pause, wenn hoffentlich was vom KM durchkommt.

In der Folge warten auf Informationen aus dem KM. Die OWA-Leitung wurde zäh. Kurz vor der Pause kam dann eine Mail. Bis sie angezeigt wurde, vergingen schon Minuten, bis der Anhang geladen war (256KB) noch mal 5 Minuten. Ausdruck, auf dem Weg ins Lehrerzimmer überfliegen, wieder vor das Kolleguim treten: „Vollzug des Infektionsschutzgesetzes (IfSG); hier: Information zu COVID – 19 (Coronarvirus SARS-CoV-2)“ – 7 Seiten Erklärung der Allgemeinverfügung, die erst am kommenden Tag kommen sollte. Dokumente sind alle im Netz abrufbar.

Im Laufe des Vormittags schon Sicherstellung, dass alle Schüler Zugang zu mebis bekommen.

Seltsam gedrückte Stimmung. Normalerweise, wenn ich per Durchsage z.B: mitteile, dass der Unterricht nach der 5. Stunde entfällt, aus welchen Gründen auch immer, höre ich in der Regel das Jubelgeheul bis ins Sekretariat, welches am anderen Ende des Gebäudes liegt. Diesmal nicht.

Schnelle Sitzung in der Schulleitung und Planung der kommenden Woche. Versenden des ergänzten Elternbriefes.

Mit dem Rad nach Hause, am Rande der Nürnberger Altstadt zum Lieblingsdöner, Lahmacun mit nur Dönerfleisch Rind, Soße und Scharf. Ich merke, wie die Kinder des Hauses heimkommen und erzählen. Überall erstaunte Gesichter und Lachen. Man fragt mich, ob das stimmt. Ich bestätige das.

Wochenende

Am Samstag kam dann per OWA die Allgemeinverfügung mit den detaillierten Anordnungen. Weiterhin Ergänzungen von der Schulaufsicht. Also noch einen erweiterten Elternbrief verfasst, dazu eine Lehrerinfo angefangen. Schulhomepage aktualisiert. Das Gefühl, dass das Kollegium aktiv ist – der Laden brummt.

Bin am Freitag in die erste Konferenz eingestiegen mit dem Satz „Soweit ist es jetzt: Die Schule wird geschlossen und die Golfplätze sind noch nicht offen.“ Samstag dann auf Insta verkündet mein Golfclub die Öffnung der Sommergrüns. Ironie oder so. Ich entscheide mich für Sonntag auf den Platz gehen, das Wetter passt. Kann es genießen.

Danach dann in Abendarbeit den Lehrerbrief beendet und versendet.

Am Montag schließt der Golfplatz seine öffentlichen Einrichtungen außer den Platz an sich. Dort gelten jetzt die herkömmlichen Regeln der Infektionsverhinderung.

Übers Wochenende kommen Ergänzungen per Mail von der Schulaufsicht.

Montag

Zur Schule gefahren. Surreal. Stehe um halb acht allein in der Aula. Jetzt wird es real.

Montagmorgen nach Stundenbeginn. Es fehlen nur die vorbeiwehenden Büsche.

Schulleitung zum Frühstück in meinem Büro mit Sekretärin. Viel gegessen, erstmal wenig über die Situation. Dann Besprechung der Folgewoche. Habe übers Wochenende entschieden, dass die ursprüngliche Planung mit SL-Sitzungen in der Woche gecancelt ist. Wir fahren Notbesetzung. Jeden Tag ein Schulleitungsmitglied, eine Sekretärin, ein Hausmeister. Im Brief an Lehrer noch einmal betont, dass der Hauptzweck der Schließung der ist, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Daher keine Versammlungen oder Konferenzen in der Schule oder außerhalb, weder von der SL aus noch von den Fachschaften aus.

Habe mich am Wochenende umgehört. Es gibt zwei SL-Fraktionen:

a) Es gibt Konferenzen, Fachsitzungen, Lehrer müssen kommen.

b) Notbesetzung, keiner kommt, jeder hält Abstand.

Dienstag

Allein mit Sekretärin und Hausmeister. Postausgang erledigt. Ist ja nicht so, dass es nichts zu arbeiten gibt. Aktuell beginnt die Unterrichtsplanung für das kommende Schuljahr. Es laufen noch Einstellungen für das zweite Halbjahr. Auch wenn man das Gefühl hat, dass alles stockt, telefoniere ich oft am Vormittag.

Das erste Kind für die Notbetreuung wird angekündigt.

Ich leihe mir von einem IT-Kollegen eine (Schüler-)Kiste mit einem Arduino-Starter-Kit plus Sensoren aus. Fahre heim. Jetzt beginnt meine Homeoffice-Woche. Will erstmal Blog schreiben, dann gehts los.

Bin müde seit Tagen. Schlafe schlecht seit Tagen. Versuche mich wie alle anderen mit der Situation zu arrangieren. Wir tun viel, arbeiten an der Kommunikation mit den Lehrern und den Schülern.

Was wird

In den vergangenen Tagen erreichen mich auch immer wieder Fragen, in denen es schon um die Planung nach den Ferien geht. Ich kann nicht wirklich auf eine dieser Fragen eingehen und will es auch nicht. In den letzten Tagen passierten so viele Dinge, die ich nicht für möglich hielt – wie soll ich wissen, was in 5 Wochen ist?

Mein Plan ist: Erstmal alle Pläne auf Halde zu legen und die alltägliche Arbeit zu erledigen:

  • Unterrichtsplanung
  • Unterstüzung der KollegInnen bei der digitalen Unterrichtsgeschichte
  • eigenen, wenigen Unterricht ins Netz bringen
  • mich selbst auf die Reihe zu bringen

Was ich aktuell noch nicht verstehe

  • Dass es überall um die Abiturprüfungen geht (regionale Tageszeitung: vier Spalten Text, 98% Abitur, ein Halbsatz Mittel- und Realschule)
  • Dass ich auf Twitter lese, dass man jetzt digital Leistungsnachweise vorbereiten will, um nach den Osterferien dann gleich Noten zu machen
  • Dass ich im Netz immer wieder das Misstrauen erkenne, was Lehrern und Schülern entgegen gebracht wird

Zum letzten Punkt: Ich lese, dass man andernorts versucht virtuell die vormittägliche Anwesenheit von Schülern an ihren Heimcomputern zu kontrollieren. Ich lese gleichermaßen, dass Lehrer zur Anwesenheit in der Schule genötigt werden (oh, muss heißen: Damit ihre Dienstpflicht erfüllt wird) und sie das Klassentagebuch benutzen müssen.

Ich kann dieses Verhalten soziologisch und psychologisch verstehen.

Ich schrieb an meine Lehrer:


Die vermeintlich vermehrte freie Zeit sollte nicht dazu genutzt werden, sich jetzt mehr zu treffen und Absprachen zu treffen, vor allem weil diese Absprachen aktuell noch nicht viel Sinn machen.

Und

Es gilt weiterhin das, was ich am Freitag sagte:

  • Die Schule bleibt geschlossen bis einschließlich zum 19.4.2020
  • Alle regionalen und überregionalen Fortbildungen bis dahin sind ausgesetzt / abgesagt
  • Sie sind weiterhin im Dienst, auch wenn Sie die Schule nicht betreten
  • Ihre Dienstpflicht besteht entsprechend weiterhin

Aktuelle Dienstpflicht

Ihr Dienst besteht schwerpunktmäßig derzeit in folgenden Aufgaben:

  • Die Schüler daheim mit Aufgaben und Anregungen zum Lernen zu versorgen.
  • Den Kontakt mit den Schülern stetig aufrecht zu erhalten.
  • Die Kommunikation mit den anderen Kollegen und der Schulleitung zu pflegen.
  • Die Notfallbetreuung von SchülerInnen zu übernehmen, wenn der Schulleiter Sie dazu auffordert.
  • Tägliches Abrufen der dienstlichen Emails

Und

Unterschätzen Sie bitte nicht den Wert der Kommunikation mit den SchülerInnen. Vielleicht haben Sie am Freitag auch gemerkt, dass die Freude eher verhalten war. Auch wenn es nicht offensichtlich ist, so sind wir als Schule und als Lehrer doch oftmals ein fixer und verlässlicher Punkt im Leben der Kinder. Der aktuelle Zustand verunsichert nicht nur uns, sondern auch die Ihnen anvertrauten SchülerInnen.


Ich hatte mich übers Wochenende mit anderen SchulleiterInnen ausgetauscht und das war so die Essenz, die ich für vernünftig hielt aus dem Austausch.

Und das bedeutet, dass ich das weitergebe, was man mir „von oben“ entgegen bringt: Nämlich das Vertrauen, dass ich meine Energie und meine Dienstpflicht auch ohne Gängelung und Druck positiv und zugunsten meiner Schüler aufwende. Dass ich weiß, was zu tun ist dafür. Dass ich meinem Dienstherrn aber andersrum auch so viel Vertrauen entgegenbringen kann, irgendwie das Richtige zu tun.

Was wird

Ich weiß nicht, was wird. Ich gehe stark davon aus, dass für alle Probleme, die man sich aktuell vorstellen kann, u.a.

  • Notenvollständigkeit
  • Notenschluss
  • Prüfungen
  • Referendarsausbildung
  • Beurteilungen von KollegInnen

Pläne und vernünftige Entscheidungen geben wird. Für all das und mehr gibt es Termine. Aber ich denke nicht, dass man nach den Ferien einfach so ansetzt, wie man hier aufgehört hat. Das ist unrealistisch.

Komisch unzusammenhängender Post. Spiegel dieser Tage.

6 Antworten auf „Homeoffice Schulleitung – Müde“

  1. Volle Zustimmung zum letzten Teil. An meiner Schule läuft das so mittel, aber auch nicht schlecht; ich wünschte mir noch mehr Kommunikation. Die erste Schule, die einen Podcast startet, gewinnt einen Preis. 🙂

    Alles, wofür es eine zentrale Regelung geben wird, muss man abwarten: Noten, Prüfungen, Abitur – verständlich, dass man das jetzt wissen will, aber es ist doch eigentlich klar, dass das jetzt nicht unser Problem ist und überhaupt kein aktuelles Problem ist. Ich glaube auch, dass man Struktur anbieten muss für die Familien, denen das hilft. Ich kann es nicht beurteilen, aber ich glaube, es sind viele. Struktur, aber kein Korsett, nichts mit Uhrzeiten, Noten, Kleinschrittigkeit. Angst vor der Technik nehmen, Angst davor, dass man abgehängt wird, wenn die Technik nicht funktioniert.

    Auch hier: Müde. Die Vögelein wecken mich jeden Morgen früh.

  2. Das Gute daran ist, dass man die Schüler jetzt wahrscheinlich leichter zur Lektüre von Camus bewegen kann. 😉
    Und zur Befassung mit der Pest und der Spanischen Grippe.

    Ich bin froh, dass ich an der Fernuniversität studiere, wo die Einschränkungen naturgemäß nicht so viel ändern.
    Allerdings wurden alle Klausuren und alle mündlichen Prüfungen für dieses Wintersemester abgesagt und die Bearbeitungszeiten für Hausarbeiten verlängert. Das größte Problem ist eigentlich, dass die Bibliotheken nicht mehr geöffnet sind. (Jetzt muss auch ich es mal mit E-Books versuchen.)

    Ich kann mir (nur) vorstellen, dass es sowohl für Hochschulen wie für Schulen Sonderregelungen geben wird. Eine Art Lex COVID19, die die Zahl der erforderlichen Leistungsnachweise im betroffenen Zeitraum reduziert oder andere Leistungsnachweise, insbesondere Hausarbeiten, als Ersatz für Klausuren zulässt.
    Die älteren von uns kennen das ja noch vom Notabitur. 😉
    Andernfalls müsste man auch das BAföG ändern, weil manche Schüler/Studierende über die Förderungshöchstdauer kämen, wenn sie ein Semester/Jahr wiederholen müssten.

  3. Danke für diesen Einblick. Ich habe das sehr gerne gelesen. Ich hoffe, bei euch hat sich seitdem alles gut entwickelt und du kannst die Ferien etwas genießen. (Meine Schulleitung rotierte in den letzten Wochen gewaltig; ich hoffe, ihr SL findet Zeit für echte Erholung.)

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