#wasmachteigentlichderchef Februar 2021

Natürlich macht der was. Irgendwas.
Habe dieser Tag bei Arne Paulsen nachgelesen. Und gemerkt, dass es mir ganz ähnlich geht. Und ihm das wortreich in einer Email beschrieben.
Ich habe ein mulmiges Gefühl hier loszuschreiben, weil ich nicht recht weiß, wo es hingehen soll und wer alles unter die Räder kommt.


Ich weiß nicht, die wievielte Woche das jetzt hier in der Schulschließung ist. Als es anfing, habe ich mich in mich hinein gefreut, weil ich recht kaputt war. Ich nahm es als Erholung und konnte eine Woche nicht mehr als 6, eher weniger, Stunden schlafen – weil ich so kaputt war. Dann die ganzen Feiertage, wo ich völlig das Zeitgefühl verlor. Dann Beginn des Distanzunterrichts. Und jetzt soll verlängert werden. In der letzten Woche bekam ich einen einzelnen erleuchtenden klaren Gedanken: Weil man nicht lüften kann, wenn draußen Minusgrade herrschen. Klingt zynisch, ist das einzige, was für mich Sinn macht. Seit diesem Gedanken geht es mir besser. Weil endlich mal was Sinn macht.


Gründe, von denen ich gehört habe, dass sie eine Schulöffnung notwendig machen:

  • Kinder brauchen soziale Kontakte
  • SchülerInnen verlieren den Anschluss
  • Eltern sind überfordert
  • Häusliche Gewalt nimmt zu
  • Eltern sollen arbeiten gehen können
  • Lehrer haben genug Ferien
  • Kinder sind nicht ansteckend
  • Bildung ist wichtig
  • Kinder sind wichtig
  • Kinder werden daheim traumatisiert (sic!)
  • Distanzunterricht funktioniert nicht
  • Wechselunterricht funktioniert nicht
  • es gibt ausreichende Hygienekonzepte
  • eine ganze Generation geht verloren

Gründe, von denen ich gehört habe, dass sie eine fortgesetzte Schulschließung notwendig machen:

  • Grad läuft eine Pandemie da draußen
  • es gibt Mutationen, die ansteckender sind
  • Kinder verbreiten auch den Virus
  • dauerhafte Kontaktvermeidung ist notwendig, um die Inzidenz zu senken
  • Distanzunterricht funktioniert
  • usw.

Ich komme über eine Diskussion in der letzten Woche nicht hinweg, in der ich mich vielleicht etwas seltsam verhalten habe. Jemand schickte mir ein Video, aufgenommen von einer Moderatorin von irgendeinem Frühstücksfernsehen daheim. Darin ging es im Groben um Themen, „die in der Diskussion um Lockdown zu wenig öffentlich diskutiert würden“. Mich regte der salbungsvolle Ton der Frau auf, ihre beständig in Bethaltung präsentierten Hände und der scheinheilige Unterton. Es ging um häusliche Gewalt und darum, wie sich die psychische Situation von Menschen daheim verschlechtere durch den Lockdown und dann kamen Vorschläge, dass die Omi doch in der Turnhalle mit anderen Omis Sport machen könne, damit sie nicht depressiv mehr so depressiv sei. Ich überspitze, natürlich, nein eigentlich nicht, das waren ihre Worte. Alles das Themen, die jetzt untergehen – ja wirklich?

Und das war mein Problem: Wann waren diese Themen denn überhaupt mal „en vogue“?


Und hier schließt sich der Kreis: Die Argumentation, die mir präsentiert wird, lautet: Im Lockdown gibt es mehr häusliche Gewalt und Depression, ergo würde eine Öffnung dabei helfen, dieses abzumildern. Und das halte ich wie so vieles für eine Milchmädchenrechnung.


Ich habe also das Problem wie viele andere auch: Mir fehlt der feste Punkt im Universum, an dem ich etwas befestigen könnte, um ein Argument so einzuhebeln, dass es trägt. Und ich leite eine Schule, auf der ich es auch stellenweise mit dysfunktionalen Familien zu tun habe, wo Familien in absolut beengten Verhältnissen leben, in Asylunterkünften, wo Familien abgeschoben werden, wo häusliche Gewalt ein Thema ist, prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitslosigkeit. Wo ein sehr tapferer Sozialpädagoge 860 SchülerInnen betreut. Wo tapfere LehrerInnen nicht locker lassen. Wo wir Grenzen kennenlernen. Und das eben jetzt deutlicher.


Und ja, ich lese viel in meinem Twitterumfeld von gelingendem Unterricht. Dass alle dabei sind. Dass gelernt wird digital, was das Zeug hält. Ich freue mich. Ich kann’s nicht mehr hören.

Ich scheine der einzige zu sein (neben Arne Paulsen), der seinen Distanzunterricht macht und sich nicht sicher ist, ob er hier viel erreicht. Der eher das Gefühl hat, dass er mit noch weniger SchülerInnen als vorher Kontakt hat – also einfach einen dieser vielen Sozialkontakte, die man in der Schule hat. Und die vielen kleinen Hilfsmittel, die nur als Person, nur um Umgang miteinander funktionieren: Ein Lächeln, ein böser Blick, der Finger zum Mund, die geballte Siegesfaust, die Bro-Fist, das geflüsterte „gut gemacht“ im Vorbeigehen, das Verbessern der Aufgabenstellung, wenn ich merke, dass es nicht alle verstehen, das aufzuwertende „weiter so“, das ungehaltene „Schluss jetzt“. Lehrer zu sein bedeutet eben auch Pädagoge zu sein und nicht nur Lernmaschine (das merken ja die da draußen auch langsam, dass Schule nicht nur das Austeilen von Arbeitsblättern und ihre Korrektur ist), sondern Pädagoge ist, also jemand, der im direkten Kontakt arbeitet, sozusagen mit dem ganzen Körper – nicht nur mit dem Kopf.

Ich klinge romantisierend vielleicht. Aber man möge mich nicht falsch verstehen, ich sehe nicht in der Öffnung der Schule ein Heilmittel dafür.


Was helfen könnte, meiner Meinung nach, ist, dass man den aktuellen Zustand nicht als Übergang zwischen Vorher und Vorher betrachtet. Und das euphemistische Geschwafel von der „neuen Normalität“ mal sein lässt. Gut wäre es, mal loszulassen, um ein wenig Raum für Neues zu geben.

Unter anderem, weil das Alte eben grad nicht funktioniert: Unterricht im Klassenverbund, beständige Leistungsmessung, Lehrplanerfüllung.


Was ich höre: „Wir entlasten Schülerinnen und Lehrerinnen, indem wir den Lehrplan und Leistungsmessungen entschlacken.“

Was ich höre:“ Die Qualität der bayerischen Abschlüsse wird erhalten bleiben.“

Was ich erlebe: kognitive Dissonanz.


Vor etwa 30 Jahren hat mir jemand mal versucht den Begriff der Neurose (Verhaltensstörung) zu erklären – und seltsamerweise fiel mir das dieser Tage wieder ein. In meiner Erinnerung war die Argumentation, dass Menschen in ihrer Entwicklung bestimmte Verhaltensweisen erlernen, um Konflikte zu lösen. Wenn dies erfolgreich ist, festigen sich diese Verhaltensweisen. Neurotisch wird es dann, wenn sie im Erwachsenenalter die Verhaltensweisen des Kindes weiter verwenden, um erwachsene Probleme zu lösen.

Dem Sinn nach wiedergefunden:

In den kognitiv-behavorialen Ansätzen werden die Neurosen, wie andere psychische Störungen auch, auf fehlangepasste und erlernte Verhaltens- und Einstellungsmuster beschrieben, die auf der Grundlage von Vulnerabiltität und Stress entstehen.

Wikipedia: Neurose

Assoziatives Bloggen.

3 Antworten auf „#wasmachteigentlichderchef Februar 2021“

  1. Danke, dass Du Deine Wahrnehmung so ehrlich schilderst. Diese Ambivalenz erleben gerade viele von uns und der sollte auch Raum gegeben werden. Schade nur, dass die Kultusministerien immer noch voodooartig diese Mantras beschwören, mit denen Schulen sicher geredet werden sollen. Mein Vertrauen haben die nicht mehr. Leider.

  2. Ich zweifle auch, ob das was ich mache, so viel bringt. Ich bin einfach eine Rampensau. Das ist etwas, was ich mir sonst aber nie denke. Für gelingenden Unterricht muss ich meinem Gefühl nach aber einfach auf festen Beinen in einem Klassenzimmer stehen und meinen Schülern in die Augen sehen können. Schon meine Stimme trägt weniger, wenn sie übers Netz übertragen wird. Mein „Organ“ ist gefühlt weg. Das ist aber eine persönliche Sache, bei Kollegen erlebe ich, dass sie im Distanzunterricht zu großer Form auflaufen. Die leben aber auch viel weniger von der körperlichen Präsenz als ich.

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