Arbeitszeiten in der Schule erfassen?

Aber ja.

Arbeitszeiten messen und entsprechend entlohnen bei allem Personal, welches nicht verbeamtet ist: SekretärInnen, HausmeisterInnen, Reinigungspersonal, SozialpädagogInnen – und mehr.

Warum: Zeitmessung muss hier Willkür eindämmen.

Aber hmmm

Die Forderung nach Messung der Arbeitszeit für LehrerInnen scheint ja mehrere Ziele zu haben:

  • Überlastung zu verhindern
  • gleiche Verteilung der Arbeit zu erreichen

Ich stimme vielen zu, die sagen, dass man zwar Zeit, aber Belastung nicht wirklich messen kann. Jede erfahrene Lehrkraft sollte Techniken entwickelt haben, die sie stressige Phasen in einem normalen Alltag gut bewältigen lassen können. Dazu gehören sicherlich die Fähigkeit zu improvisieren, die Reduzierung des Anspruchs auf Perfektion oder das Bereithalten von Stundenvorbereitungen, die flexibel in unterschiedlichen Klassen oder sogar Jahrgangsstufen angewendet werden können.

Dies zu erlernen, dauert ein bisschen und man muss anfangs vielleicht mehr Zeit hineinstecken, aber kann später davon zehren. Daneben gibt es auch andere „Hilfsmittel“, die ich aber als Schulleiter niemals offen propagieren würde, denn – wer weiß, wer hier wieder mitliest! Ich will ja keinen Ärger, erstmal.

Aber nein

Der Umgang mit Belastung und die Fähigkeit für sich Methoden der Entlastung in einem stressigen Alltag zu finden, sind bei unterschiedlichen Menschen eben auch unterschiedlich ausgeprägt. Das ist eine Binsenweisheit, aber dabei gibt es eben auch keine Lösung. Und, soweit mag ich mich aus dem Fenster lehnen, auch unter LehrerInnen ist die Fähigkeit weit verbreitet, aus einfachen Tätigkeiten lebensverkürzende Maßnahmen zu generieren, z.B. Korrekturen.

Oder doch?

Aber: Das Hamburger Modell, das ich nur flüchtig kenne, finde ich dennoch reizvoll, also der Versuch, die Aufgabenbereiche der LehrerIn in unterschiedliche Kategorien zu sortieren und dann eben unterschiedlich zu gewichten. Der große Vorteil wäre nun mal, dass die Wahrnehmung des Lehrers sich nicht nur in gehaltenen Stunden erschöpft.

Aber ebenso wäre u.a. zu berücksichtigen, dass ein und dieselbe Aufgabe, die man als LehrerIn hat, nehmen wir erneut die Korrektur, auf einer Landschule deutlich entspannter sein kann im Vergleich zu einer Stadtschule mit einem Migrationsanteil von 80%.

Die letzten Jahre mit Corona und den Folgen müssen außerdem bei der Betrachtung mit berücksichtigt werden.

Ich weiß nicht

Mal persönlich – und ich schließe mich hier Arne an: Ähnlich wie er messe ich meine Arbeitszeit aktuell mit der Software, die er erwähnt.

Die ersten Erkenntnisse:

Ich schaffe die 40 Stunden Woche während der Schulzeit recht „entspannt.“ Aber in den Ferien eben nicht.

Momentan zähle ich das noch zu Messfehlern, weil ich am Wochenende und in den Ferien grundsätzlich vergesse meine Arbeitszeit zu messen. In der Schule habe ich die App so eingestellt, dass sie automatisch anfängt zu zählen, wenn ich auf den Parkplatz einbiege und aufhört, wenn ich ihn verlasse. Zuhause fällt mir das immer nicht ein die App zu starten.

In der Schule mache ich immer noch keine Pausen. Ich esse am Schreibtisch und arbeite dabei weiter, ich verlasse nicht das Gebäude. Ich habe eine Jacke im Auto, die dort die ganze Woche liegt, weil ich sie nie benutze – ich gehe ja nur von der Haustür zum Auto und vom Auto in die Schule. Das alles ist nicht gesund, natürlich nicht. Eine Zeitmessung müsste eigentlich also auch zur Pause zwingen.

Was ich beim Messen, auch schon an der alten Schule aber vor allem gemerkt habe, war, dass sich Stress und Arbeitszeit in keinem direkten Verhältnis befinden. Kein 8-Stunden-Tag gleicht hier dem anderen. Ebenso war ich überrascht, dass ich gefühlt lange gearbeitet habe, aber auf der Uhr am Ende nicht die Stundenzahl stand, die ich gefühlt hatte – dasselbe berichtet Arne ebenfalls. Ebensowenig wie er glaube ich aber, dass hier über den Monat gerechnet große Überraschungen zutage treten würden, wenn man es flächendeckend zusammenrechnen würde.

Als Beispiel dazu habe ich hier im Blog mal irgendwann über das Korrigieren geschrieben. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenn ich in den Ferien nach Anzahl der Arbeiten korrigiere (5 pro Tag), wirklich den „ganzen Tag“ brauche.

Viel besser geht es mir und der Uhr aber, wenn ich nach Zeit korrigiere (z.B. nach dem Pomodoro-Prinzip): Ich gebe mir als Zeit 2 oder 2,5 Stunden und sage mir: Es wird so viel korrigiert, wie in diesem Zeitraum geht – und es wird nur korrigiert. Das Ergebnis ist, dass ich in diesen 2 Stunden dann 5 Schulaufgaben korrigiert habe und danach auf dem Golfplatz gehe.

Ich empfehle jedem den ehrlichen Selbstversuch der eigenen Zeitmessung und dies dann kritisch zu reflektieren.

Als Schluss

Ich habe jetzt nach 6 Jahren Schulleiter in Nürnberg die Schule und die Schulleitung gewechselt. Die aktuelle Schule liegt in einer Stadt mit 6224 EinwohnerInnen. Die Unterschiede können nicht größer sein.

Ich arbeite von den Stunden her so viel wie in Nürnberg, aber ich habe jetzt beim Blättern im Tagebuch eine Stelle gefunden, in das ich im zweiten Jahr als Schulleiter den Satz notierte: „Nach dem heutigen Tag glaube ich Dr. H. (meinem Hausarzt), dass dieser Stress wirklich zu so etwas wie Herzinfarkt führen kann.“

PS

Mehr Golf spielen.

5 Antworten auf „Arbeitszeiten in der Schule erfassen?“

  1. Ich habe mich in der Blogparade auf das Thema Quereinstieg konzentriert, meinen Beitrag aber noch um diesen Aspekt zur Arbeitszeit ergänzt:
    Viele Aspekte, die Kontroversität und die Schwierigkeiten bei der Messung von Arbeitszeit von Lehrkräften können in den verschiedenen Blogbeiträgen zur Blogparade nachgelesen werden.
    Einen unpopulären Aspekt möchte ich noch ergänzen. Eine wirklich umfassende und exakte Erfassung der Arbeitszeit würde vermutlich große Ungleichheiten innerhalb der Kollegien ergeben, die sich aus der Fächerkombination und dem über den Unterricht hinausgehenden Engagement ergeben. Dazu kommen noch Lebensabschnittsbedingte Disparitäten und mögliche Karriereambitionen. Das birgt enormes Konfliktpotenzial, allerdings gibt es wohl in jedem Beruf „High- und Low-Performer“.
    Letztlich lässt sich bei den meisten Berufen, abgesehen vielleicht von der Fließbandarbeit, eine rein am Output orientierte Erfassung von Arbeitszeit und Leistung nicht sinnvoll realisieren.
    Dennoch, wer diesen Aspekt sinnvoll zu Ende diskutieren will, muss letztendlich auch über den Beamtenstatus diskutieren, aber das wäre dann vielleicht mal ein schönes Thema für eine andere Blogparade.

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