Di221011 Arbeiten – Glaubenssätze

Wie schon ein paar Mal am Rand gesagt, fallen mir immer wieder Glaubenssätze ein, die ich meine, überwinden zu können.

Mein letzter überwundener: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Ich habe Folgendes festgestellt: Am Wochenende wache ich oft auf und denke bei mir: So, jetzt ordentlich arbeiten und dann Wochenende, Freizeit, Party, Spaß. Und dann…ja, die alte Leier. Ich kruschel rum, ich sortiere, schiebe das eine von der Ecke in die andere…und irgendwann merke ich, dass ich nichts gearbeitet habe oder jedenfalls nicht in dem erwünschten Maße, das als Belohnung dann Vergnügen vorsähe.

Und irgendwie habe ich es dann abends aber doppelt vergeigt: Ich habe weder ordentlich gearbeitet, noch habe ich mich vergnügt.

Jedenfalls habe ich neulich mal angefangen, es umzudrehen am Wochenende, bevorzugt am Samstag: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit. Und ja, ehrlicherweise habe ich es dann zur Arbeit auch oft nicht mehr geschafft.

Aber: Ich habe mich dann mal vormittags aus dem Bett aufs Sofa bewegt und dort ein Buch zur Hand genommen, was schon ewig dort lag. Und der Hammer war: Ich konnte ordentlich lesen, lang, ausgiebig. Jedenfalls deutlich konzentrierter und länger als am Abend. Weil ich nicht so ausgelaugt war – (hust), vom Ausweichen vor der Arbeit.

Am Ende jedenfalls zufriedener als vorher.

Ich weiß, Ihr seid anders.

Neuharlingersiel

14 Jahre Schulleiter: öffentlich reden

Anlass: Zeugnisübergabe an AbschlussschülerInnen

Ort: Turnhalle der Schule

Zeit: nach 16 Uhr, Dauer: etwa 12 Minuten

Vorbereitungszeit: Erste Variante am Dienstag, also drei Tage vorher, aufgeschrieben – aber es fehlt etwas drin. Zweite Variante mit neuem Gedanken erst am Vortag entwickelt.

Empfinden: Hat nicht so gezogen, die Überleitungen passten nicht, zu wenig Zeit gehabt, daran zu schleifen. Unzufrieden wie selten.

Originalmanuskript – das Zitat am Ende war nur dem Gefühl geschuldet, was ich eigentlich rüberbringen wollte. Habs nicht vorgelesen.

Ah, ist das nicht schön? Endlich wieder alles normal. Endlich.

Endlich wieder normal.

Oh, so schön, alles normal, ganz normal.

Normal.

Ich denke mir immer, wenn in letzter Zeit dieser Satz kommt, dass er eigentlich bedeutet: Endlich wieder normal – also endlich wieder alles wie vorher – oder schlimmer: wie früher.

Früher, als alles noch normal war. Ach wie schön.

Am Anfang meines Sozialkundeunterrichts lernen die Schüler Adolf Portmann kennen, einen Biologen und Anthropologen – also jemanden, der die Entwicklung des Menschen erforscht.

Er sagte mal, dass der Mensch eigentlich eine Frühgeburt ist. Er stellte provokativ fest, dass der Mensch erst ein Jahr nach der Geburt ungefähr den Entwicklungsstand erreicht hat, den ein Elefantenbaby schon direkt nach der Geburt zeigt. Also z.B. die Laute der Artgenossen verstehen, selbständig fressen und gehen können.

Für das Elefantenbaby ist das alles normal.

Stattdessen der Mensch: Wird geboren und schreit. Nix ist normal.

Der Mensch muss das alles lernen, oft mühsam – weil es nicht normal ist für ihn.

Manche Forscher betrachten das eigentlich als die Stärke oder besser ein grundlegender Antrieb für den Menschen, der ihn antreibt.

Oberflächlich gesehen, scheint dies ein Nachteil zu sein, dennoch hat sich der Mensch durchgesetzt – weil es nämlich auch ein Vorteil ist: Er kann nämlich lernen und sich anpassen, an das, was nicht so normal ist. Und so kann er überall leben: Im Wasser, auf Land, auf dem Mond – er kann in sehr heißen Regionen und sehr kalten überleben.

Was wenn der Mensch oder seine Vorfahren irgendwann gesagt hätten: Puh, ist das komisch, so unnormal, ich will, dass es wieder normal ist – so wie früher?

Aber was sagen Sie mal ganz grundsätzlich, was normal ist.

Anzunehmende Antworten:

  • das, was die Mehrheit der Menschen in meinem Umfeld für angemessen halten, im Verhalten, im Äußeren oder auch der Sprache, die verwendet wird
  • Das nennt man dann gern eine „Norm“ und dann sind wir gleich beim Normalen

Wir reden im Alltag eigentlich dann erst von normal, wenn etwas abweicht von dem, was wir normal nennen.

Was sagt man nicht vor allem Kindern:

  • Jetzt rede doch endlich normal.
  • Setz doch mal normal hin.
  • Kannst du nicht wie ein normaler Mensch essen?
  • Sei doch einfach mal normal. (Sehr verzweifelt.)

Was meint da normal?

Sei doch mal wie ich!!

Und das ist doch seltsam: Das Normale entsteht erst durch sein Gegenteil. Normal kann man nur etwas nennen, wenn es ein nicht Normales als Gegenüber gibt.

Und scheinbar überwiegt das Nicht-Normale.

Das Nicht Normale scheint also genau so normal zu sein wie das Normale?

Ich will es nicht in die Länge ziehen.

Ihr AbschlussschülerInnen geht heute aus dem Schulhaus und lasst etwas Normales hinter euch – vor euch wird etwas liegen, was, von heute aus gesehen, absolut nicht normal ist, aber werden wird.

Und dann werdet ihr neue Schritte gehen. Ich hoffe für euch, dass ihr das Nicht-Normale begrüßt.

Und mehr noch, dass ihr das Verrückte akzeptiert, und die Verrückten gleich mit, die Bekloppten, von denen man sagt, dass etwas nicht mit ihnen stimmt.

Vor allem hoffe ich, dass ihr niemals Sachen deswegen NICHT macht, weil jemand sagt: Das ist doch nicht normal. Bist du bescheuert?

Sondern dass ihr dann breit lächelnd antwortet: Ja, und?

„…und ich schlurfte ihnen hinterher, wie ich das mein ganzes Leben lang bei Menschen getan habe , die mich interessieren, denn die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die verrückt leben, verrückt reden, die alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern die brennen, brennen, brennen, wie römische Lichter in der Nacht.“

Jack Kerouac, On The Road

Ein Fehler in der Matrix – für Herrn Rau und Herrn Schreiner, vom Krankenbett aus

Ich habe Herrn Rau irritiert in einer Twitter-Diskussion entdeckt und dann folgte ein Blogeintrag, nach dem er verreist ist. Es ging um den Begriff des „Bulimie-Lernens“ – Also das schnelle Anfressen von Wissen, um es bei der Prüfung auszukotzen und dann wieder schnell zu vergessen. Bzw. darum, dass man das als Fehler in der Matrix des (bayerischen) Schulsystems ansieht, was Herr Rau nicht teilt.

Ich kenne das ebensowenig wie Herr Rau aus eigener Erfahrung, rechne das aber dem zu, dass ich als Schüler nie eine bayerische Schule von innen gesehen habe – nur in Hamburg und dann in NRW. Aus dieser Perspektive und der eines Schulleiters einer bayerischen Realschule aber würde ich einige Beobachtungen hinzufügen. Nichts davon soll beweisen, dass diese Art des Lernens strukturell oder nicht ist. Ich bin auf keiner Mission. Ich erzähle nur.

Beobachtung 1: Während des Studiums Aushilfsjob im Baumarkt. Mehr als einmal musste ich mir vom Stift (Mittlere Reife) anhören, dass das Schulsystem in Bayern ja so streng und so gut sei und dass er in seiner Abschlussklasse Aufgaben gelöst hätte, die da, wo ich herkomme, im Abitur drankämen.

Ironie und Widersprüchlichkeit waren nicht sein Ding.

Beobachtung 2: Wenn ich im Referendariat (1998) an der Einsatzschule mit einem Pack Arbeitsblätter in den Geschichtsunterricht kam, wurde es im Raum stiller als ich es je hätte durch meine natürliche Autorität erreichen können. Ich habe erst nach einiger Zeit bemerkt, dass Arbeitsblätter zweierlei bedeuten in einem Alltag von bayerischen (Real)Schulen, die nicht Seminarschulen sind:

A) Er schreibt jetzt einen unangekündigten Test (Ex)

B) Er schreibt nächste Stunde einen unangekündigten Test (Ex)

Gleiches gilt für Tafelbilder: Macht der Lehrer ein Tafelbild, dann gibts

A) Eine Ex.

B) Eine Abfrage.

Das Konzept Abfrage war mir bis Bayern nahezu unbekannt.

Exkurs: Ein Lehrer aus meiner Schulzeit in NRW fragte in Englisch ab, gern mich, wenn er mich morgens auf dem Weg zur Schule rauchend gesehen hat. Das war der Lehrer, der mit 22 als Unteroffizier am Strand der Normandie gefangengenommen wurde und in der Nachkriegszeit sein Abitur und Studium nachgemacht hatte. Wir sahen ihn später im Fernsehen wieder, am Strand der Normandie, in einem Gedenkjahr, vom Krieg sprechend. Wir lachten damals, weil er dort in der Normandie beim Sprechen wie bei der Abfrage immer auf den Zehenballen wippte, die Hände gefaltet oder hinterm Rücken.

Beobachtung 3: Gern von Eltern gehört – Es gibt „Lernfächer“ und andere Fächer. Gern in folgendem Satz: Ich weiß auch nicht, warum mein Kind so schlecht in Geschichte ist – das ist doch nur ein Lernfach.

Das andere Fach ist das, wo man nicht nur lernen, sondern auch verstehen muss. (Sic!)

Beobachtung 4: Gespräche, die ich oft mitbekommen habe in den letzten Jahren, auf Gängen, zwischen SchülerInnen und LehrerInnen.

„Warum habe ich eine 3 (auf dem Zeugnis)?“

„Weil der Schnitt deiner Noten eine 2,9 ergibt.“

Ende des Gesprächs.

Exkurs 2: Es gibt im Schulrecht im Kapitel über Leistungsfeststellung im Hinblick auf das Schuljahresende und Vorrücken eine Stelle im Kommentar, die ich grad aus dem Kopf zitieren muss, weil der Kommentar in der Schule steht. Dort heißt es, dass die Feststellung einer Jahresleistung nicht allein das Ergebnis einer logarithmischen Berechnung sein darf, sondern die Lehrkraft in voller pädagogischer Verantwortung die Gesamtpersönlichkeit des Schülers mit einbeziehen muss.

Exkurs 3: Es gibt Klagen, in denen es um Noten geht. Dort wird abgefragt, ob die Notengebung unter formalen Bedingungen richtig erfolgt ist.

Exkurs 4: In der einzigen Klage, die ich bisher durchstehen musste, begründete das Gericht am Ende (ich zitiere grob) – auch auf der Basis meiner Argumentation: „dass pädagogische Entscheidungen in der Schule gerichtlich nicht abbildbar sind und das Gericht dies auch nicht anstreben kann“.

Exkurs 5: Wenn ich in NRW nach meinen Noten gefragt habe, wurde mir ausführlich erklärt, wie die zustande kamen.

Beobachtung 5: Vor mehr als 18 Jahren habe ich mal mit einer Kollegin gesprochen, wie sie ihre Noten in Deutsch mache. Antwort war: Ich schreibe in einem Schuljahr vier Schulaufgaben, in jedem Halbjahr zwei Exen und fragen jeden Schüler im Halbjahr ein Mal ab.

Das entspricht exakt der Vorgabe, die die Realschulordnung vorgibt als Mindestmaß.

Ich habe über Umwege gehört, dass die Kollegin, deutlich jünger als ich, mittlerweile ihrem Burnout nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Abschluss

Grundgedanke/Theorie: Wir arbeiten alle im gleichen bayerischen Schulsystem. Nicht.

Beobachtung 6: Vorrücken auf Probe

§ 31 (Gymnasium)

Vorrücken auf Probe

(1) 1Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 9, die das Ziel der jeweiligen Jahrgangsstufe erstmals nicht erreicht haben, können mit Einverständnis ihrer Erziehungsberechtigten auf Probe vorrücken, wenn nach dem Gesamtbild aller erzielten Leistungen erwartet werden kann, dass sie im nächsten Schuljahr das Ziel der Jahrgangsstufe erreichen. 2Dies gilt für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 und 11 nur, wenn sie das Ziel der Jahrgangsstufe wegen Note 6 in einem oder Note 5 in zwei Vorrückungsfächern, darunter in Kernfächern keine schlechtere Note als einmal Note 5, nicht erreicht haben; bei Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 kommt es darauf an, ob erwartet werden kann, dass sie das Ziel des Gymnasiums erreichen. 3Die Entscheidung trifft die Lehrerkonferenz auf der Grundlage einer Empfehlung der Klassenkonferenz.

https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayGSO-31

§ 26 (Realschule)

Vorrücken auf Probe

(1) Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 9, die wegen Note 6 in einem oder Note 5 in zwei Vorrückungsfächern das Ziel der jeweiligen Jahrgangsstufe erstmals nicht erreicht haben, können mit Einverständnis ihrer Erziehungsberechtigten auf Probe vorrücken, wenn sie in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und in dem jeweiligen gruppenspezifischen Wahlpflichtfach nach § 35 Abs. 1 Satz 1 keine schlechtere Note als einmal Note 5 haben und die Lehrerkonferenz auf der Grundlage einer Empfehlung der Klassenkonferenz zu der Auffassung gelangt, dass nach dem Gesamtbild aller erzielten Leistungen erwartet werden kann, dass sie im nächsten Schuljahr das Ziel der Jahrgangsstufe erreichen.

https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayRSO-26

=> Zum Unterschied:

Am Gymnasium ist die Entscheidung über das Vorrücken auf Probe eine überwiegend pädagogische Entscheidung in 5-9. Unabhängig davon, wieviele Fächer mit 5 oder schlechter bewertet werden.

An der Realschule ist es an Fächer gebunden und an die Anzahl der mangelhaften Fächer.

Das BayEUG (steht ja über allem)orientiert sich eher am Gymnasium:

Art. 53 (BayEUG)

(6) 1 Schülerinnen und Schülern, die die Erlaubnis zum Vorrücken nicht erhalten haben, kann in einzelnen Schularten und Jahrgangsstufen nach Maßgabe näherer Regelungen in den Schulordnungen das Vorrücken auf Probe gestattet werden; das Vorrücken kann ihnen noch gestattet werden, wenn sie sich einer Nachprüfung zu Beginn des folgenden Schuljahres erfolgreich unterzogen haben. 2Schülerinnen und Schülern, die infolge nachgewiesener erheblicher Beeinträchtigungen ohne eigenes Verschulden wegen Leistungsminderungen die Voraussetzungen zum Vorrücken nicht erfüllen (z.B. wegen Krankheit), kann das Vorrücken auf Probe gestattet werden, wenn zu erwarten ist, dass die entstandenen Lücken geschlossen werden können und das angestrebte Bildungsziel erreicht werden kann.

https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayEUG-53

Letzter Exkurs: In Coronazeiten wurde das alles zusammengeführt in einer „Allgemeinverfügung zur Änderung der Schulordnungen in Folge der Corona-Pandemie“ vom 24. Juni 2021

Änderung der Bekanntmachung über den Vollzug der Bayerischen Schulordnung (BaySchO)

Allgemeinverfügung zur Änderung der Schulordnungen in Folge der Corona-Pandemie

Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 24. Juni 2021, Az. II.1-BS4610.2/30

1.1 Nach Nr. 1.4 wird folgende Nr. 1.5 angefügt:

„1.5 1Für Schülerinnen und Schüler, für die ein Vorrücken aufgrund ihrer Leistungen nicht möglich ist, sind im Schuljahr 2020/2021 Entscheidungen über ein Vorrücken auf Probe nach Art. 53 Abs. 6 Satz 2 BayEUG zu treffen. 2Dabei wird die im Einzelfall zu Leistungsminderungen führende erhebliche Beeinträchtigung infolge der COVID-19-Pandemie in besonderem Maße gewichtet, auch hinsichtlich der Erwartung, ob die entstandenen Lücken geschlossen werden können, und der Prognose, ob das angestrebte Bildungsziel erreicht werden kann.

https://www.verkuendung-bayern.de/files/baymbl/2021/442/baymbl-2021-442.pdf

Zur Erklärung, weil ich es selbst auch falsch verstanden habe und entsprechend Entscheidungen zurücknehmen musste: Das Vorrücken auf Probe war hiermit keine Entscheidung mehr auf der Basis von Noten oder Noten in bestimmten Fächern, aber auch keine pädagogische Entscheidung mehr.

Wer es bis hier durchgehalten hat.

Völlig ohne Ironie und Sarkasmus oder väterliche Attitüde: Realschule und Gymnasien in Bayern sind unterschiedliche Schularten (ja…) und pflegen eine unterschiedliche Kultur. Daher reden die Beteiligten reden oft aneinander vorbei.

Ich ärgere mich oft im Alltag über die Gymnasien, mit denen ich zu tun habe – und wenn ich mich ärgere, ärgert sich in der Regel im Anschluss einer am Gymnasium über mich und die Realschule.

In Nürnberg gibt es zwei Schulen, an denen drei Schularten unter einem Dach sind. Ich bilde mir manchmal ein, dass da das Miteinander entspannter ist.

Und ich hoffe, dass die Realschule, die ich sehr mag, und jede andere Schule auch, die Kultur der pädagogischen Notengebung stärker kultivieren würde – und nein, wie gehabt, das heißt nicht, dass immer die bessere Note gegeben wird.

Den Faden wiederfinden

Wie schon manches Mal hier im Schreiben habe ich seit ein paar Wochen den Faden verloren. Ich glaube das lag ein wenig an einem Gespräch mit einem klugen Menschen – und ich meine das „klug“ in einem anerkennenden Sinne. Klug in dem Sinne, dass ich mich nicht dumm fand in der Gegenwart dieses Menschen, nicht zu klein, um nicht Fragen zu stellen, zu oberflächlich, um diesen klugen Menschen nicht auch zum Stutzen zu bringen.

Und das kam so.

Ich fragte den Menschen nach der Arbeit, für die er seinen Doktor bekommen hat. Überraschend hörte ich, dass es eine philosophische Arbeit war über Henri Bergson, einen französischen Philosophen. Er erklärte mir die Grundgedanken. Er erwähnte Kierkegaard, den ich immer mal verstehen wollte. Ich versuchte mit Montaigne zögerlich zu entgegnen.

Der kluge Mensch liest meinen Blog, als Kollege eben. Und er offenbarte, dass ihm die – ich erinnere nicht mehr das Wort, das er verwendete – offene / offenherzige / freimütige Art meines Schreibens nichts sei für ihn selbst. Nicht dass er es nicht schätze, aber für ihn, nein.

Ich dachte kurz nach und äußerte dann, dass ich eigentlich für mich immer eine Trennung sähe – zwischen mir, der schreibt und dem, über den ich schreibe. Also die klassische Trennung zwischen Autor und Geschriebenem.

Das mag überraschend klingen und der kluge Mensch stutzte wirklich.

Aber sehen wir uns es doch mal an: Ich wähle zwischen allen den Ereignissen meiner Tage aus. Die Kriterien dafür mögen sein, dass es bezeichnend ist für meine Stimmung in der Minute, in der ich das Schreiben beginne. Oder es mag symptomhaft für meinen Berufsalltag sein. Oder es wird eine besondere Pointe erzeugt. Oder ich will etwas aus meinem Kopf bekommen, was mich stört – auf gute oder blöde Art und Weise.

In jedem Fall verkürze ich es, dass es in diesem Rahmen bestehen kann. In jedem Fall setze ich es aus Einzelstücken so zusammen, dass es passt. Ich montiere. Glätte. Dass es eine Logik erzeugen mag. Dass es einem roten Faden folgt. Ich versuche mich immer an etwas zu erinnern. Richtig zu erinnern.

In keinem Fall erzähle ich von mir.

Ich erzähle Geschichten.

Dass man mich kennen mag, ändert nichts daran.


Und dieses Gespräch hängt mir so nach, ebenso wie Montaigne. So lang bis ich es jetzt aufgeschrieben habe. Auch weil ich seit drei Tagen auf mich selbst zurückgeworfen bin.

Bücher, die fehlen

Ein Jahr nach dem Umzug habe ich festgestellt, dass mir Bücher fehlen. Manche sehr. Also habe ich eine Medimops Shopping Tour gemacht:

  • Anton Reiser. Karl-Philipp Moritz
  • Reisebilder. Heinrich Heine
  • Buddenbrooks. Thomas Mann
  • Der Schüler Gerber. Friedrich Torberg
  • Die Verwirrungen des Zögling Törleß‘. Robert Musil
  • Der Vater eines Mörders. Alfred Andersch
  • Mars. Fritz Zorn
  • Gedichte. Gottfried Benn
  • Hand an sich legen. Jean Amery
  • Fabian. Erich Kästner
  • Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. Erich Kästner
  • Das ist kein Liebeslied. Karen Duve
  • Taxi. Karen Duve
  • Anständig essen. Karen Duve
  • Tiere essen. Jonathan Safran Foer
  • Deutschstunde. Siegfried Lenz
  • Vom Nachteil geboren zu sein. E.M. Cioran
  • Berlin Alexanderplatz. Alfred Döblin
  • Weihnachten mit Thomas Müller. Karen Duve
  • Über das Wetter reden. Peter Bichsel
  • Paare, Passanten. Botho Strauß
  • Die Widmung. Peter Handke

Von einigen der Autoren auch noch andere Werke bestellt: Duve, Foer, Kästner, Handke. Dazu: Selim Özdogan. Einige hatte ich schon vor dem Umzug lange nicht mehr gesehen.


Komisch, dass mir plötzlich Bücher fehlen. Dass mir aus dem Stegreif so viel Bücher fehlen.