Oskar Maria Graf. Dorfbanditen. Erlebnisse aus meinen Schul- und Lehrlingsjahren

9783869060118Das absolute Gegenstück zu den bekannteren „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma stellen die Erzählungen aus Dorfbanditen von Oskar Maria Graf dar. Nicht nur erkennbar an den immer wieder eingestreuten Dialekt-Passagen in den Dialogen der beteiligten Figuren, sondern ganz grundlegend – geht es doch nicht um beschauliche und gemütvolle Ereignisse mit bayerischer Note. Vielmehr erhält man Einblick in das Kinderleben um und nach 1900, welches sicherlich nicht nur im dörflichen Bayern so wenig romantisch gewesen sein dürfte. Hier besorgen sich die Kinder Gewehre, gehen wildern oder schießen zur Abwechslung auf den Spitz der Nachbarn, um besser an das Obst in dessen Garten heranzukommen.

Das, was mich immer wieder Graf lesen lässt, ist vor allem der -fast ernste – Humor, der niemals schenkelklopfend-musikantenstadlig um die Ecke kommt, der so vielleicht nur in Bayern möglich ist. Und er zeigt damit einen Blick auf Bayern, der so wohl auch nur von innen möglich ist, aber alles erklären kann, was von außen als Schimpf darauf gerichtet ist.

Die Erzählung „Der Gottesraub“ beginnt z.B.

Die Leute bei uns daheim und im ganzen Land von Oberbayern sind katholisch. Dieser Glaube ist, wie der alte Schmalzerhans immer gesagt hat, kamot (kommod) und darum wird er sich auch ewig halten. Er verlangt keinen besonderen Aufwand, tut keinem weh und jeder Mensch ist ihn gewohnt. Bigotte Männer und Betschwestern hat man aber bei uns nie mögen, weil das meistens falsche, kriecherische und scheinheilige Personen waren, die im Familien- und Berufsleben keinen Schuß Pulver wert gewesen sind. Dieses ist auch von jeher die Meinung von unserem Vater selig gewesen, und wenn man auf solche Sachen zu reden gekommen ist, hat er immer gemeint, bei einem Glauben kommt es ganz allein auf den Pfarrer an, ein schlechter Geistlicher und ein schlechter Wirt sind vollends gleich: Wenn sie die Leute nicht verstehen und nicht mit ihnen umgehen können, kommt kein Mensch gern zu ihnen, und die wo alsdann wirklich in die Kirche und in die Wirtschaft gehen, tun es aus Falschheit oder sie sind aufsässig.

Und so kommt es dann auch, dass sein Bruder vom Pfarrer angegangen wird, weil er immer zu spät in die Kirche kommt – als Sohn des Bäckers muss er morgens bei Wind und Wetter die Brote und Brötchen in die Nachbarorte bringen – bis sich der Hilflose eines Tages vor versammelter Gemeinde wehrt und es aus ihm herausbricht.

Ja Herrgott, i konn mi doch it derrenna!… We-e-enscht du mi grod schikanieren und schlogn wuist, nachha konnst mi aa am Orsch lecka!“

Die Erzählung „Der Gottesraub“ stellt dar, wie den Jungen der Glaube ausgetrieben wird.

Der Allitera-Verlag gibt frühe Ausgaben Grafs neu heraus. Ebenfalls das Jahrbuch der Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft.

Die Ausgaben sind direkt beim Verlag erhältlich/bestellbar.

PS: Gibt es in anderen Bundesländern ähnliche Autoren? Mir fiel nur noch Ernst Reuter ein.

Karl-Markus Gauß: Zu früh, zu spät. 2 Jahre.

zu_frueh_zu_spaet-9783423346030Vor Weihnachten meiner Mutter erklärt, wie die Amazon-Wunschliste funktioniert. Nachdem sie diese studiert hat, bekam ich ein Buch geschenkt, dessen Titel mir nicht viel sagte.  Auch warum ich es vor so vielen Monaten überhaupt auf diese Liste gesetzt hatte, war mir nicht mehr klar.

Das Lesen aber war ein Erlebnis. Essays aus den Jahren 2003 und 2004. Dabei die, wie ich finde, große Kunst, die eigene Person des Autors selbst immer wieder mit leichter Erzählweise an die Ereignisse „großer Politik“ und der Zeitgeschichte anzuknüpfen. Dabei Einblicke in Literatur zu gewinnen (hier auch vor allem österreichische Vertreter, u.a. Jean Améry, den ich nie als österreichischen Schriftsteller sah, aber zugegeben auch nur seinen Diskurs über den Freitod gelesen habe), indem man einen unglaublich belesenen Mann quasi zuhört. So wird eine Spannbreite erzeugt, die von nächtlicher Schlaflosigkeit, Eitelkeit beim Lesen der Rezensionen eigener Werke ausgeht und bis hin zu den Plünderungen des irakischen Nationalmuseums in Folge des Zweiten Irak-Krieges 2003 reicht. Es geht um eine Reportage der Lage der Roma in der Slowakei, um die Folterungen von Abu Ghraib, den Kapitalismus und die österreichische Bildungsministerin, die sich über die Lehrer beklagt, dass sie zu viel Ferien hätten und –  na, sie kennen das.

Darin finden sich weiterhin Repliken zu Berlusconi, Bush, Blair, Rumsfeld. Besprechungen von Theateraufführungen, wie z.B. eine wunderbare vom „Woyzeck“ im Salzburger Landestheater, flankiert von dem Hinweis, dass man in Salzburg den Sommer an den Bettlern erkennen kann. Oder besser gesagt: „Wenn der große amtliche Sommerputz sie aus der Innenstadt und von den vielen Plätzen gewischt hat, an denen sie knieend, kauernd, hockend aggressiv gebettelt hatten, dann ist, nein, dann herrscht wieder die schöne Jahreszeit.“

Und immer wieder geht es um Literatur. Und seit sehr langer Zeit habe ich mir wieder einen Bleistift ins Buch gelegt, um zu unterstreichen, Ausrufezeichen zu verteilen und mehr. Und bei allem Chaos, den ich hier grad ausschütte, schafft es der Autor immer wieder Zusammenhänge zu knüpfen, Überleitungen zu schaffen, die mindestens überraschen.

Ich musste die ganze Zeit an zwei andere Werke denken, die einen enormen Eindruck in meiner Lesebiografie auf mich machten und die ähnlich angelegt waren, vielleicht, aber mindestens in meinem Kopf waren:

  • Die Welt von gestern von Stefan Zweig
  • Der Wendepunkt von Klaus Mann

Alle drei aber haben mir Lust gemacht mehr zu lesen.

 

Aboud Saeed: Der klügste Mensch im Facebook / Lebensgroßer Newsticker

3. Januar 2013 um 11:39

Ein Freund fragte mich letztens:

– „Wie kannst du nur ‚Ficken‘ auf deine Pinnwand schreiben?“

– „Mein Freund, wenn man nicht mal ‚Ficken‘ auf seine Pinnwand schreiben darf, warum sollte man dann überhaupt das Regime stürzen?“

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Aus Facebook-Postings ein Buch zu erstellen ist an sich wenig spannend. Spannend wird es aber durch die Tatsache, dass hier ein Syrer schreibt, der mitten in einer Stadt lebt, die gerade von den Fliegern der Assad-Regierung bombardiert wird: Aboud Saeed, ein gelernter Schmied und Schweißer, der mit seinen 7 Geschwistern in einem Zimmer lebt, zusammen mit der Mutter, die weder lesen noch schreiben kann.

Erschienen ist Saeed im Berliner mikrotext-Verlag, der vor einigen Wochen zum Crowdfunding aufrief und ein Abo der (ausschließlich digital) veröffentlichten (Kurz-) Texte anbot. Nachdem ich schon im letzten Jahr aufgrund meinem so wenig wählerischen Umgang mit Kultur Mitglied in der Leonhard-Frank-Gesellschaft/Würzburg wurde, schien mir hier ein wenig Geld gut angelegt.

Eine zweite Veröffentlichung kam nun als erstes Buch des mikrotext-Abos: Lebensgroßer Newsticker. Lakonische Texte als Erinnerungen aus seinem Leben, groteske Erlebnisse und abgedrehte Figuren – oder umgekehrt.

 

PS: Der Online-Foto-Dienst Pixum bietet übrigens eine App an, mit der man seine Facebook Timeline zu einem Buch zusammenstellen kann – und nein, ich glaube nicht, dass es in jedem Fall gewinnbringend ist.

Axolotl Roadkill. Helene Hegemann.

9783548283234_coverIst das letzte Buch zu einer Referatreihe in der Schule. Ich habe unvorsichtigerweise gesagt, dass es das einzige Buch ist, was ich selbst noch nicht gelesen habe. Am Freitag kam die Schülerin und setzte mir die Pistole auf die Brust. Ich solle das Buch endlich lesen, um ihr Tipps für den Vortrag zu geben.

Jetzt habe ich es gelesen. Und muss wohl Tipps geben.

Nachdem ich Freitag schon etwa die Hälfte hinter mich gebracht hatte, brauchte ich selbst ein wenig Bestätigung, um das Gelesene irgendwie einzuordnen. Dieter Wunderlich stand mir da beiseite.

Für mich las ich da einen andauernden, besinnungslosen Drogenrausch, begleitet von beständiger Rave-Musik im Hintergrund. Das Ganze umringt von Berliner Szenegängern. Erzählt wird dabei seitenweise in einem Atemzug, wobei sich unterschiedlichste „Erzählformen“ abwechseln: Tagebuch, Email-Austausch, SMS, herkömmliches Erzählen. An zwei oder drei Stellen im Buch kommt auch die Erzählerin zur Ruhe, vor allem, wenn sie in die Schule geht oder, in einem Fall, an einem Ausflug in die KZ-Gedenkstätte teilnimmt.

Das Ganze nicht uninteressant und ohne Reiz, aber extrem überdreht, überhitzt und grell in Bild und Sprache. Vor allem, wenn zwischen der Beschreibung aller möglichen Körpersäfte ein oder zwei helle Gedanken auftauchen.

Ich finde meine dissoziative Identitätsstörung interessanter als alles, was diese Stadt mir ununterbrochen ins Gesicht kotzt.

Oder

Es gibt so viele Jahre in meinem Leben mit so einer Art Leichenstarre oder wie nennt man das, so einer Art Duldungsstarre oder so, also, sich nicht bewegen, weil man weiß: Das kann jetzt nicht das Leben sein, und da muss man dann durch, durch diese fürchterliche Zeit, man muss das ablaufen, was andere einem als Erfahrung vorschreiben und wo man aber denkt: Das interessiert mich eigentlich überhaupt nicht.

Gestern im Lokal auf die Frage einer Bekannten, wie es denn sei, das Buch, fiel mir nur ein: „Feuchtgebiete“ auf Speed.

Ehrlicherweise habe ich Feuchtgebiete auch noch nicht gelesen, aber das, was mir Schüler berichteten und was ich in Auszügen selbst gelesen habe, brachten mich zu dieser Aussage.

Heute auf einem Spaziergang fragte ich mich, ob der Roman innerhalb der Referatreihe nicht auch einfach ein gutes Ende sei. Die Reihe fing nämlich mit Kafka an.

Durchgeschaut und angelesen: art spezial und Carlsson. Louie. Street Art

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Schon seit einiger Zeit auf meinem Nachttisch. Die Zeitschrift art hat eine Sonderheft zum Thema Street Art herausgebracht. Tolle großformatige Bilder mit Beispielen fantastischer Street Art aus aller Welt, ergänzt mit Berichten, Interviews, Porträts.

Ergänzend dazu das „Street Art Cook Book“, sozusagen das Handbuch mit Anleitungen für den angehenden Street Art Künstler. In der Bandbreite ziemlich spannend, ausgehend von Postern, Stencil und Stickern – bis hin zu Guerilla-Knitting und -Gardening, inklusive Moos-Graffiti. Dazu gab es auch mal eine Spiegel TV Reportage.

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https://www.youtube.com/watch?v=vWDtV0amj-A#t=38

Und nicht zu vergessen der Hinweis aus dem Cook Book:

In many countries, ist is illegal to make art on the street without proper authorisation.

Always make sure you have proper authorisation before getting started.

Gelesen: Green. Johnson. Myracle. Tage wie diese.

Nach der Lektüre von „Das also ist mein Leben“ geriet ein weiteres Jugendbuch in meine Hände und da ich die letzten Tage schon mal mit dem Abspannen anfing, legte ich mich dauerhaft auf die Couch und las „Tage wie diese“, ein Roman, der eigentlich aus drei Kurzromane verschiedener Autoren besteht. Alle drei spielen in demselben Ort, es gibt sich überschneidende Handlungen und Charaktere, aber es wird jeweils aus einer anderen Perspektive erzählt.

Kurzweilig und an Weihnachten spielend. Stelle es mir interessant vor, in dieser Art mal ein Schreib-/Filmprojekt in einer Klasse durchzuführen.

Gelesen: Kirkman. Moore. The Walking Dead 1+2

IMG_0886Nachdem ich einige Staffeln The Walking Dead hinter mir hatte, wollte ich mal einen Blick auf die Comics werfen, die ja den Ursprung der Serie darstellen. Aber abgesehen davon, dass die Bände mit 16 Euro ganz schön teuer sind, ich Comics (ja, Graphic Novels) irgendwie über den Tag hinaus immer noch nicht wirklich etwas abgewinnen kann, bedient sich die Serie eher querbeet aus den Vorlagen, was Handlung und Charaktere angeht. Ich will keinen Jammergesang anstoßen über die Kluft zwischen „Buch und Film“ – manchmal sind beide gleichberechtigt wie eben bei Chbosky neulich. Manchmal geht kein Weg von einen zum anderen – wie hier.

Gelesen: Das also ist mein Leben. Stephen Chbosky

Eigentlich habe ich ja in den Untiefen meiner Amazon Instant Videothek einen Film entdeckt mit dem Titel „Vielleicht lieber morgen“. Und ich blieb dran hängen, weil Emma Watson mitspielte und ich Harry Potter schon immer aus dem Weg gegangen bin und nun wissen wollte, was sie sonst noch so macht. Warum ich Harry Potter aus dem Weg ging, aber weiß, wer Emma Watson ist? Ach.

Jedenfalls fand ich den Film sehr stark, im Sinne von eindrucksvoll. Vor allem, weil Song von The Smiths quasi den Grundton des Films angibt. Jene Band, die mich begleitet, seitdem ich etwa 15 bin. Jene Band, von denen ich zwei LPs in mein Büro in der Schule gestellt habe.

https://www.youtube.com/watch?v=oNIJAUVC7sQ&spfreload=10

Aber auch neben diesem Song ist es ein Film, der mich schon im Trailer gefesselt hat. Im Prinzip entdeckt man im Film die übliche Schablone von amerikanischem High School Film, mit Homecoming, Promnight, Demütigung, Mobbing, Football, Strebern und Sportlern, etwas unglücklichen Englisch-Lehrern, die selbst Stücke schreiben und dem Looser helfen, indem sie ihm Bücher ausleihen.

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https://www.youtube.com/watch?v=n5rh7O4IDc0&spfreload=10

Also alles wie gehabt? Zum Glück nicht.

Dass im Trailer der Hinweis kam, dass  dieselben Produzenten von „Juno“ auch diesen Film produziert haben, verlockte. Und es wurde mehr als die Schablone.

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https://www.youtube.com/watch?v=GN1roKOQaU0&spfreload=10

Letztlich lag dies aber wohl auch an der Buchvorlage: „The Perks Of Being A Wallflower“, bzw. als deutscher Titel: „Das also ist mein Leben“. Ein als Briefroman angelegter Coming Of Age Roman der besonderen Sorte. Mir ging die ganze Zeit durch den Kopf, dass der Erzähler einer Art Simplizissimus im eigenen Leben ähnelt. Und im Erzählverlauf selbst taucht die wichtigste Erzählschicht erst auf den letzten Seiten auf – durch den Film kannte ich diese Wendung schon, aber selbst dort wird sie erst am Ende enthüllt.

Und, die Überraschungen sind nicht zuende, der Autor des Buches ist gleichzeitig der Regisseur des Films.

Empfehlenswert also die Liste an Büchern, die der Roman erwähnt und ebenfalls der Soundtrack, des Buches und des Films.

Und geordneter und nüchterner kann ich nicht über das Buch sprechen oder den Film. Ich habe mich grad vom Sofa erhoben nach der letzten Seite und dachte mir: „Verdammt, warum gab es solche Bücher eigentlich nicht, als ich jung war.“ Und Film und Buch wandern seit 7 Tagen in meinem Kopf umher.

Was erwartet man mehr von einem guten Buch?

PS: Als letzte Motivation: Das Buch findet sich in den letzten zehn Jahren sechs Mal auf der jährlich erscheinenden Liste der zehn Bücher in den USA, die am häufigsten aus öffentlichen Büchereien entfernt wurden, bzw. bezüglich derer Beschwerden eingegangen sind.