Arbeiten mit dem Grundgesetz (Grundrechte, Institutionen, Parteien) – Nachtrag zum Vortrag

Mitte der Woche habe ich einen Vortrag gehalten zu dem, was ich im Unterricht so mit dem Grundgesetz mache. Vier Ideen habe ich präsentiert, drei waren ausgereift, eine gescheitert – also schon vor dem Vortrag. Vielleicht schaffe ich es in absehbarer Zeit diese Ideen hier auch aufzubereiten.

Ich habe darauf hingewiesen, dass ich in diesem Blog noch ein paar Hinweise nachreichen werde, bzw. Links.

Zum Inselspiel

Inselspiel auf der Wikiseite des Regio Montanus Gymnasiums – kurze offene Variante

Inselspiel in der Zeitschrift „Politik und Unterricht“ – etwas ausgeprägter mit zielgerichteten Aufträgen, mit Kommentar

Inselspiel in „Politik für Einsteiger“ von der BPB – auch mit zielgerichteten Aufträgen, AB04

Inselspiel des Instituts für Friedenspädagogik

Inselspiel „zum Kaufen“ vom Schroedel Verlag – Hier wird das Spiel erweitert um Texte bekannter Staatsphilosophen (bisschen scrollen)

PS: Beim Suchen gerade bin ich noch auf dieses didaktische Handbuch gestoßen, welches auch das Inselspiel beinhaltet in der Version des Instituts für Friedenspädagogik. Beim ersten Überfliegen habe ich noch einige interessante Aspekte gefunden.

Zu den Grundrechten

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich in meiner Vorbereitung bisher als sehr hilfreich gefunden habe, einen Kommentar zum Grundgesetz bei der Hand zu haben. Diese gibt es immer wieder bei der BPB zu bestellen. Ich besitze derzeit:

Dieter Hesselberger: Das Grundgesetz – Kommentar

Gramm, Pieper: Grundgesetz, Bürgerkommentar

Besonders bei der Auslegung bestimmter Artikel sind diese Ausführungen gewinnbringend.

Die Mappe mit den Bildkarten gibt es unter diesem Link zu bestellen (Auch online möglich): Anstoß nehmen, dort gibt es einige andere interessante Angebote

Zu meinen Materialien

Ich kann den Besuchern des Vortrags noch die Materialien zum Download anbieten, die ich in Kopie an dem Tag in nicht ausreichender Menge dabei hatte.

Dazu benötige ich einfach eine Email von Ihnen, in der ich ersehen kann, ob Sie wirklich ein Besucher waren. Schreiben Sie doch in die Mail, welche Farbe mein Pullover hatte an dem Tag oder die Raumnummer des Raumes, in dem wir uns befanden (Achten Sie darauf, dass sich der Raum geändert hatte). Alternativ den Veranstaltungsort ganz allgemein.

Dann sende ich ihnen einen Link zu, über den Sie eine begrenzte Zeit lang die Arbeitsblätter herunterladen können.

Sonstiges

Ein Wordle lässt sich mit wordle.net erzeugen.

Das Buch mit den Infografiken hieß: „Verfassung verstehen“

Es gibt einen schönen Blogpost von Herrn Kalt über das Thema „Lehrer und Twitter“.

Es gibt viele weitere bloggende Lehrer. Alle spannend.

 

Sozialkunde 17 leicht gemacht: Themenhefte der Bundeszentrale @bpb_de

36920-st-teaser140In diesem Jahr habe ich drei Hefte der Bundeszentrale Politische Bildung in Klassensätzen bestellt:

In Sozialkunde ein Schulbuch zu benutzen, ist immer etwas schwierig, weil es sehr schnell veraltet – viel schneller als andere Bücher. Und natürlich liegt es in der Natur der Sache, denn so ganz allgemein lässt sich ein Buch nicht gestalten, da ein Bezug zur Tagespolitik immer da sein muss – dieser Bezug verändert sich aber schneller als man denkt. Das Buch an unserer Schule weist z.B. Horst Köhler noch als Bundespräsidenten aus. Ansonsten ist es auch nicht sehr ansprechend.

Die Hefte oben beinhalten eine Menge Einzel-Arbeitsblätter zu den verschiedenen Themen und können als Einstieg, Erarbeitung oder häusliche Vorbereitung dienen. Dazu sind sie relativ aktuell. Das inhaltliche Niveau liegt etwa im durchschnittlichen Bereich. Was zwangsläufig manchmal fehlt, ist der regionale Bezug, aber den schaffe ich noch selbst.

Besonders erwähnenswert ist der Umstand, dass alle Hefte auch als PDF downloadbar sind.

Ein tolles Buch in diesem Zusammenhang ist leider vergriffen: Horst Pötzsch. Die deutsche Demokratie. Die BPB weist nur noch ein paar Arbeitsblätter dazu aus.

Nicht zu vergessen, die Methoden-Kiste, die einige der wesentlichen Methoden für den Unterricht in knappen Karten im Überblick zeigt.

Sozialkunde 16: #blackfacing und Alltagsrassismus

Nachdem am letzten Wochenende eine Sendung „Wetten dass…“ für Aufsehen gesorgt hat, lese ich mich seit drei Abenden quer durchs Internet und lerne. Parallel dazu bringe ich das, was ich lese, mit in die Sozialkundestunden, um einfach meine Gedanken mit den Schülern auszutauschen.

Zum Glück fand ich recht schnell einen guten Ausgangspunkt für meine Lesereise, und zwar bei A. Stefanowitsch, der nicht nur einen breit angelegten Artikel mit Transkripten aus der Sendung vorstellte, sondern auch genug andere Seiten verlinkt.

Besonders wertvoll/ergiebig für mich waren hier und weiterhin

Ich bin heute und gestern in meine Sozialkundestunden mit einem Auszug aus dem Brief der ISD hineingegangen und der „Liste dummer Sprüche“ von der Website „Deutschland schwarz weiß“. Ich habe einleitend versucht ihnen klar zu machen, dass ich selbst bis vor einigen Tagen kaum etwas zum Thema wusste – natürlich war mir klar, was racial profiling ist, ohne den Begriff zu kennen und auch Rassismus als Tatsache im deutschen Alltag war mir irgendwie bewusst. Aber, ja, aber, ich wähnte mich auf der sicheren Seite – ICH bin ja sicher kein Rassist….

Pustekuchen.  Die Liste dummer Sprüche ließ mich an ein, zwei Stellen selbst ein wenig demütig werden.

Das Gespräch über diese Liste war jedenfalls in jeder Klasse stundenfüllend. Und in jeder Stunde überraschte es mich, dass genau die Verteidigungsstrategien auftauchten, von denen ich auf den beschriebenen Seiten gelesen hatte:

  • „Ich habe einen schwarzen, türkischen, chinesischen Freund – also kann ich nicht rassistisch sein“
  • „Ja, aber Schwarze können doch gut singen.“
  • „Aber Schwarze in Amerika sagen doch zueinander auch N…..“
  • „Aber er (der einzige schwarze Schüler der Klasse) kommt doch von woanders her (aus Nürnberg!).“
  • „Aber das ist doch nicht rassistisch gemeint.“

Sehr schwer wurde aber dann die Diskussion, als mir jemand erklären wollte, dass „in der Region, wo wir leben, eben weiß die dominierende Hautfarbe ist „…und daher eben alle Schwarzen auffallen, sodass man sie fragen darf, woher sie kommen. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Einige türkische Schüler haben bestätigt, dass ihnen diese Fragen nicht fremd sind, ebensowenig wie die Ausflüchte.

Man verstehe mich in jedem Fall richtig: Ich glaube nicht, dass meine Schüler Rassisten sind, jedenfalls nicht mehr oder weniger als der Rest der Leser dieses Artikels. Ich habe mich selbst ertappt, wie ich sorglos mit meiner linken, überheblichen, selbstverständlich-nicht-rassistischen Attitüde promeniere. Jedenfalls beruhige ich ich selbst mit einer Aussage, die ich hier schon einmal getroffen habe im Unterricht, nämlich, dass das Problem nicht sei, dass man Vorurteile habe – sondern dass das Problem sei, diese nicht als solche zu erkennen und zu bekämpfen.

Ich habe, unterm Strich, ein paar zornige Schüler zurückgelassen („Mit ihnen kann man nicht diskutieren, sie nehmen jedes Argument auseinander.“), aber gewiss auch nachdenkliche.

Eine Haltung, die ich aber in allen Internet-Kommentaren und auch in Gesprächen mit anderen seit einigen Tagen als sehr befremdlich empfinde, ist diejenige, die erklären möchte, was rassistisch ist und was nicht – aus weißer Sicht. Da kommen dann Menschen an, die irgendwelche Gegenbeispiele konstruieren und damit dann das relativieren, was andere eben als abwertend, verletzend und eben rassistisch empfinden. Dies besonders im Zusammenhang mit der geforderten Bearbeitung von Kinderbüchern, in denen das N-Wort verwendet wird. Dazu hatte ich bisher auch eher die Schulterzuck-Einstellung, aber ich glaube, so leicht kann ich es mir nicht machen.

Dazu ein Schlusswort einer 9jährigen, die den deutschen Medien erklärt, was Rassismus ist.

Sozialkunde – leicht gemacht 16: Bayern 2 Radio-Wissen

Bayern 2 ist ein Radiosender des Bayerischen Rundfunks, dessen Themen breit gestreut sind: Politik, Kultur, Wissen und Musik. Wenn ich quer durch Deutschland fahre – Köln, Hamburg, Berlin und Neerstedt sind regelmäßige Ziele – vermisse ich auf den Fahrten diesen Sender eigentlich am meisten, wenn ich die bayerischen Grenzen überschreite. Ich kenne in anderen Sendegebieten nichts Vergleichbares.

Eine spannende Sendung ist hier RadioWissen, welche in kurzer Form viele Wissensthemen verarbeitet: Philosophisches, Politisches, Literarisches, Technisches usw.

Das Besondere dabei: viele Sendungen lassen sich aus dem Internet herunterladen als mp3 und einige Sendungen werden dabei mit Arbeitsblättern und Tafelbildern für den Unterricht ergänzt.

Eine Sendung, die ich aktuell verwenden möchte, dreht sich um den Begriff der Würde im Hinblick auf das Grundgesetz.  Mit Tafelbild und Arbeitsblättern.

Ergänzend dazu noch ein kleines Filmchen aus youtube über Menschenrechte.

httpv://www.youtube.com/watch?v=fjagWFEmnpg

Sozialkunde – leicht gemacht 15: Vom Fragen

Vorwort

Als ich in der 9. Klasse war, sind wir mit unserem Lehrer auf Klassenfahrt nach Münster gefahren. Dort gab es das übliche Programm, u.a. Führungen. Irgendwann in der Zeit danach wurde ich von meinem Klassenlehrer beiseite genommen und in ein Gespräch verwickelt, in dessen Verlauf er meinte, ich sei doch ziemlich intelligent. Im ersten Moment war ich baff, weil das so noch nie jemand zu mir gesagt hatte. Auf meine Nachfrage, wie er denn darauf käme, antwortete er, dass ihm das auf den Führungen in Münster aufgefallen sei. Ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, dass ich dort doch hauptsächlich Fragen gestellt hätte. Ja, sagte er, aber das hätte meine Intelligenz deutlich gezeigt. Einer der Sätze, die ich mir bewahre bis heute – 30 Jahre später.

Vom Fragen in der Schule

In meinen 10. Klassen in diesem Schuljahr lasse ich in Sozialkunde Kurzvorträge halten über aktuelle politische Themen. Die ersten Vorträge, die ich hörte, waren eher enttäuschend. Dies vor allem, weil sie über eine Wiedergabe dessen, was man in den Zeitungen lesen, im Internet finden oder in den Nachrichten sehen konnte, nicht hinaus gingen. Sie waren eben vor allem Darstellung des Ereignisses, keine Vertiefung, keine wirkliche Problematisierung.

In den letzten Stunden wollte ich das thematisieren an einem x-beliebigen Inhalt und wollte sie zu einem Thema Fragen formulieren lassen. Und dann merkte ich das Problem, wieder mal. Das lag nämlich darin, dass sie zu sehr auf das gegenteilige Modell gepolt sind: nämlich Fragen zu beantworten. Klassisch: Sie sollen lernen, dann bekommen sie Fragen zum Gelernten und die Antworten sind das, was dann zählt und bewertet wird. Die Antworten stehen logischerweise schon vorher fest. Selbst Fragen zu stellen ist ihnen fremd, weil damit ja verbunden ist, etwas nicht zu wissen, was wiederum im Schulsystem als Niederlage Mangel einzuschätzen ist.

Im Kern also sind Fragen im Unterricht nicht dazu da, Wissen zu erlangen, weiter zu kommen oder etwas zu verstehen. Ja, ich weiß, natürlich dürfen Schüler im Unterricht fragen und dann erklärt der Lehrer es ihnen – diese Art Fragen meine ich aber nicht.

Saudi Arabien lehnt die Wahl als nichtständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat ab – Fragen und Lernen

Das Thema der letzten Stunde lautete aus aktuellem Anlass: Saudi Arabien lehnt die Wahl als nichtständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat ab. Der Bezug zur Schülerwirklichkeit mag auf den ersten Blick etwas fern liegen, aber man mag mir glauben, dass ich den Bezug herstellen konnte – dies hat aber mit Umständen zu tun, die Dritte betreffen, daher erwähne ich sie hier nicht.

Ich habe zu der Stunde nichts weiter vorbereitet als die Themenstellung herauszusuchen.

Der Aufforderung, Fragen zum Thema zu stellen, kamen die Schüler gewohnt zögerlich, aber nach Ermutigung dann doch flüssiger nach. Letztlich konnte ich zusammenfassend die Fragen untergliedern in 3 Gruppen, steigernd im Anspruch:

  • Wissensfragen: Wo liegt Saudi Arabien? Was ist die Hauptstadt? Wie heißen die Nachbarländer? Was ist der Sicherheitsrat?usw.
  • Erkenntnisfragen: Wieso lehnen sie ab? Wer lehnt genau ab? Welche Vor-/Nachteile hat das Land? usw.
  • Transferfragen: Welche Folgen wird dies haben?

Im weiteren Verlauf der Stunde aktivierten wir unser Vorwissen und konnten versuchen die Fragen zu beantworten. Und wie erhofft, konnte sich so das Bild etwas konkretisieren. Es halfen dabei folgende Informationen, die bruchstückhaft vorhanden waren:

  • Nachbarländer oder nah dran sind: Israel, Ägypten, Syrien, Irak, Iran, Jemen
  • Problematisch sind dabei: Israel, Syrien und Iran
  • Es gab Nachrichten, dass Saudi Arabien von Deutschland U-Boote, Leopard 2- und Radpanzer kaufen will
  • Fußball-Weltmeisterschaft soll „dort“ stattfinden – also eigentlich in Katar, welches ein eigenständiges Land darstellt und an Saudi Arabien grenzt
  • Saudi Arabien ist kein demokratisches Land
  • Es ist ein bedeutendes erdölexportierendes Land
  • Der Sicherheitsrat ist ein Instrument der UNO, die wiederum Friedenssicherung betreibt
  • Gab es da nicht eine riesige Waffenmesse?

Alle diese Informationen konnten der Klasse entlockt werden, ohne dass externe Quellen angezapft wurden. In einer Klasse habe ich lediglich mein MacBook an den Beamer und ans Netz gehängt und wir haben uns die Lage Saudi Arabiens bei Googlemaps angeschaut, bzw. eine Grafik mit dem Aufbau des Sicherheitsrates.

Wir haben also gelernt – ohne eine minutiöse Unterrichtsvorbereitung und mit vielen Fragen als Ausgangspunkt. Das weitere Unterrichtsgespräch verruchte zwischen diesen Einzelpunkten Verbindungen herzustellen. Dabei drehte es sich um das Sicherheitsbedürfnis von Saudi Arabien und die Abhängigkeit westlicher Staaten vom Öl.

Wie geht es weiter?

Natürlich habe ich uns ein Arbeitsblatt besorgt zum Thema, vom Aktualitätendienst des Schrödel-Verlags. Das werden wir bearbeiten. Überraschenderweise aber wird dies nicht alle Fragen beantworten, denn es konzentriert sich auf die Reformforderungen Saudi Arabiens, die in ihrer Notwendigkeit sicher nicht von der Hand zu weisen sind. Nicht gefragt wird nach den Gründen der Ablehnung, die in den Zeitungen nachzulesen sind: die Haltung der UNO im Syrienkonflikt, in dem Saudi Arabien tatkräftig die Rebellen unterstützt und die aus ihrer Sicht weichen Position beim Thema Iran und Nutzung der Atomkraft. Beides sind Umstände, die die Lage des Landes aus ihrer Sicht unsicherer machen.

Überraschenderweise aber werden auch in den Zeitungen nicht alle Fragen des Unterrichts beantwortet. Vor allem die Fragen, warum ein nicht demokratisches Land in den Sicherheitsrat gewählt wird und warum ein Land, das in den letzten Jahren zum besten Waffenkunden deutscher Firmen aufgestiegen ist, einen Sitz im Sicherheitsrat ablehnt.

Deutschland forderte übrigens im September Reformen.

Unterm Strich

Ich will mir hier keinen pädagogisch-didaktischen Heiligenschein aufsetzen, aber wir haben in dieser Stunde gelernt, ohne dass ich sie vorbereitet hätte im klassischen Sinn. Und müsste (Violinen im Hintergrund) Schule nicht so sein (Pauken): Lernort? (Finale ausblendend).

Gelernt:

  • Schüler wissen mehr als man allgemeinhin denkt
  • Sie bekommen viel mit von der Welt
  • Das Zusammentragen von Wissensbruchstücken kann ein Gesamtbild erzeugen
  • Fragen erzeugen Wissen, nicht die Antworten (bestätigt)
  • die Nachbarländer von Saudi Arabien
  • Antworten auf Fragen erzeugen immer wieder neue Fragen