Wie ich es mal nicht zum Twitterlehrerzimmertreffen nach Kassel schaffte

Also die Kurzfassung, möglichst wenig dramatisch. Ich hatte es mir eigentlich schön vorgestellt: Mit dem aufgeladenen E-Bike von Nürnberg aus am Mittwoch (25.05.)aufbrechen und nach Bamberg radeln. Donnerstag dann von Bamberg nach Schmalkalden, um von da dann am Freitag nach Kassel zu kommen. Freitagabend, so die Vorstellung, mit sonnenverbranntem Gesicht und lächelnd nach Kassel hinein bergab rollend.

Nunja, gerollt bin ich am Freitagabend, auf einer Liege in den OP. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon 8 positive Coronatage hinter mir (mild bestimmt, aber eben auch deutlich stärker als jede Erkältung, die ich bisher von mir kannte) und den ersten negativen Test, aber auch mit schon wieder 2,5 Tage lang unerklärbaren Beschwerden, die auch vom Bereitschaftsarzt in Nürnberg nicht richtig gedeutet wurden. Als ich auf der Liege dann so reingeholt wurde, hatte man mittlerweile festgestellt, dass mein Blinddarm das Problem war. Die OP war ein Klacks, auch wenn alle Beteiligten hinterher meinten, mir sagen zu müssen, dass sie „so etwas“ wie in meinem Bauch auch noch nie gesehen haben.

Egal. Ich wachte auf und fühlte mich zum ersten Mal seit 14 Tagen gut, beschwerdefrei und zuversichtlich. Und dies blieb auch nach Abklingen der Medikamentenwirkung.

Hab lang überlegt, ob ich das schreibe, aber es ist auch nur eine umständlich lange Einleitung für andere Gedanken.

Vor allem habe ich mich nämlich wieder mal vor mir selbst erschreckt: Als ich in der Notaufnahme saß, völlig dehydriert, weil ich zwei Tage nichts bei mir behalten konnte, nach zwei Tagen mit Fieberschüben Schüttelfrost, Bauchkrämpfen, war einer meiner Gedanken: OK, gleich untersuchen die mich, dann geben Sie mir Antibiotika, päppeln mich bis Sonntag auf, dann kann ich noch zwei Tage ausruhen und am Mittwoch in die Schule gehen und die Terminaufgaben erledigen.

Ich wurde am Dienstag entlassen, nach ein paar zusätzlichen Untersuchungen. Den Gedanken, in dieser Woche in die Schule zu gehen, hatte ich schon nach der OP verworfen, als ich auch mental wieder zurechnungsfähig war.

Dennoch frage ich mich: Woher kommt dieses Kadaverding?

Jemand meinte neulich mir gegenüber, dass sei so ein Ding von Menschen „meiner Generation“.

Ich weiß es nicht, aber es nervt.

Der Vertreter der nächsthöheren vorgesetzten Dienstbehörde hat recht freundlich und bestimmt geschrieben, dass ich mich erholen soll nach diesen zurückliegenden drei Wochen.

Ich glaub, ich mach das jetzt mal.

Den Faden wiederfinden

Wie schon manches Mal hier im Schreiben habe ich seit ein paar Wochen den Faden verloren. Ich glaube das lag ein wenig an einem Gespräch mit einem klugen Menschen – und ich meine das „klug“ in einem anerkennenden Sinne. Klug in dem Sinne, dass ich mich nicht dumm fand in der Gegenwart dieses Menschen, nicht zu klein, um nicht Fragen zu stellen, zu oberflächlich, um diesen klugen Menschen nicht auch zum Stutzen zu bringen.

Und das kam so.

Ich fragte den Menschen nach der Arbeit, für die er seinen Doktor bekommen hat. Überraschend hörte ich, dass es eine philosophische Arbeit war über Henri Bergson, einen französischen Philosophen. Er erklärte mir die Grundgedanken. Er erwähnte Kierkegaard, den ich immer mal verstehen wollte. Ich versuchte mit Montaigne zögerlich zu entgegnen.

Der kluge Mensch liest meinen Blog, als Kollege eben. Und er offenbarte, dass ihm die – ich erinnere nicht mehr das Wort, das er verwendete – offene / offenherzige / freimütige Art meines Schreibens nichts sei für ihn selbst. Nicht dass er es nicht schätze, aber für ihn, nein.

Ich dachte kurz nach und äußerte dann, dass ich eigentlich für mich immer eine Trennung sähe – zwischen mir, der schreibt und dem, über den ich schreibe. Also die klassische Trennung zwischen Autor und Geschriebenem.

Das mag überraschend klingen und der kluge Mensch stutzte wirklich.

Aber sehen wir uns es doch mal an: Ich wähle zwischen allen den Ereignissen meiner Tage aus. Die Kriterien dafür mögen sein, dass es bezeichnend ist für meine Stimmung in der Minute, in der ich das Schreiben beginne. Oder es mag symptomhaft für meinen Berufsalltag sein. Oder es wird eine besondere Pointe erzeugt. Oder ich will etwas aus meinem Kopf bekommen, was mich stört – auf gute oder blöde Art und Weise.

In jedem Fall verkürze ich es, dass es in diesem Rahmen bestehen kann. In jedem Fall setze ich es aus Einzelstücken so zusammen, dass es passt. Ich montiere. Glätte. Dass es eine Logik erzeugen mag. Dass es einem roten Faden folgt. Ich versuche mich immer an etwas zu erinnern. Richtig zu erinnern.

In keinem Fall erzähle ich von mir.

Ich erzähle Geschichten.

Dass man mich kennen mag, ändert nichts daran.


Und dieses Gespräch hängt mir so nach, ebenso wie Montaigne. So lang bis ich es jetzt aufgeschrieben habe. Auch weil ich seit drei Tagen auf mich selbst zurückgeworfen bin.

#wasmachteigentlichderchef 2022-04-25

Den halben Vormittag schlechten Unterricht gemacht oder am Telefon gehangen. Die andere Hälfte Gespräche mit Hilfe eines russischstämmigen Kollegen geführt, um ukrainische Kinder an meiner Schule aufzunehmen.

Irgendwann fiel mir eins dieser Gespräche von vor den Ferien ein. Als ich fragen ließ, am Ende, ob es etwas gäbe, was er hier an der Schule fürchten würde.

Die übersetzte Antwort: „Ich fürchte nichts, ich habe das Schlimmste schon hinter mir.“

wasmachteigentlichderchef 2022-03-27 (Roger Willemsen)

Nachdem ich Deutschlandreise von Roger Willemsen bestellt hatte, bemerkte ich, dass auf Spotify das Ding als Hörbuch liegt. Da ich in letzter Zeit mehr und länger unterwegs bin, habe ich nun gleich dies gehört. Und mit der Stimme des Autors wird diese besondere Form des Reiseberichts noch einmal eindrucksvoller. Habe manchmal gelacht im Auto, was ich als selbstbeherrschter Mensch auch außerhalb nur sehr überlegt mache*1

Ach, geiler Satz.

Jetzt fast drei Tage nicht in meiner Wohnung gewesen. Merke, dass ich bei allem ruhiger werde, wenn ich nicht meinen Schreibtisch sehe.

Zwei Sätze aus der letzten Zeit in dem Zusammenhang, die nachhallen:

„Manchmal möchte ich wissen, was in deinem Kopf vorgeht.“ *1

„Du lachst schon viel mehr.“ *1

Aber echt: Ich kann mich aus meiner Zeit in der Schulleitung (also seit 2009) nur an drei Ereignisse erinnern, wo ich mich nicht gut unter Kontrolle hatte. Zwei Mal habe ich mich geärgert, ein Mal angefangen zu weinen.

Ich neige offenbar dazu, Sachen in mich reinzuschaufeln und da dann zu lassen. Letzte Woche beim Coaching gefragt worden, wie immer, womit ich denn anfangen wolle. Schon auf dem Weg dorthin dachte ich mir, dass eigentlich nichts Aufregendes anliegt. Als ich dann anfing etwas zu erklären, kam ich von einem zum Anderen, holte weiter aus und noch weiter, um mich am Ende dann mit der Frage konfrontiert sehen: Wollen Sie nicht ein paar der Dinge loslassen?

Ich radelte erleichtert nach Hause.


Nächster Woche beginne ich die Golfsaison.


Westpark, morgens, wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge große Schatten.

Gostenhof, Nürnberg, Spaziergang

Es ist alles gut so wie es ist.

#wasmachteigentlichderchef 2022-03-19 (Deadline. Bov Bjerg)

Glaubenssatz: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Leichte Abwandlung, schlimmer: Ohne Arbeit kein Vergnügen.

Typischer Samstag: Vorfreude aufs Ausschlafen, Aufwachen mit Kopfschmerzen zwischen 5 und 6, früher als in der Woche der Wecker klingelt. Socialmedia leerlesen. Sich leer fühlen. Aufstehen, Kaffeekochen, aufs Sofa gehen, mit Decke, den angefangenen Roman „Deadline“ (Bov Bjerg) zur Hand nehmen.

Glaubenssatz: Ein Buch liest man immer über mehrere Tage.

Nach anderthalb Stunden ausgelesen, mehr Kaffee getrunken, Brötchen gefrühstückt vielleicht muss man nur so lesen, damit man Bezüge erkennt und „das Gesamte“. Vielleicht muss man öfter mit dem Vergnügen beginnen.

Auf der weiteren Leseliste:

  • Faserland, Christian Kracht
  • Deutschlandreise, Roger Willemsen

Letzte Woche von der Kollegin, die die Schülerbücherei betreut, nach den Lektüren gefragt worden, die ich in 10 als Referate verteile und welche davon noch für die Bücherei geeignet wären. Einer meiner Schüler hatte nach einem Roman gefragt („Habe ich dir eigentlich schon erzählt“ von Sibylle Berg). Ich ging meine Leseliste durch und blieb an „Deutschland umsonst“ von Michael Holzach hängen, was mich um 20 herum unheimlich fasziniert hat – und immer noch tut. Las weiter, stieß auf die oberen beiden. Bestellte. Nach dem Umzug sind einige der Bücher nicht mehr da.

Mehr Vergnügen nötig und immer zuerst.

Gestern beim Kochen einer Hühnerbrühe/-suppe für eine Freundin drei Straßen weiter, die Corona hat und stärkere Erkältungssymptome, …(Gedanken verloren, weiß nicht, was ich hier schreiben wollte)

Der Freundin die Suppe gebracht, auf Abstand, vor die Wohnungstür gestellt, danach durchs Viertel, nach Einbruch der Dunkelheit, Fotos gemacht, keine Lust auf die eigene Suppe mehr gehabt(heute kommt Besuch, da wird sie eine Rolle spielen) und TK-Pizza vom Aldi mitgenommen, kurz mit L. gesprochen vor dem Milchregal, trotz Ausbildung Spätschicht und Samstag im Einsatz, Personallücken überall.

Mit Lesenwollen hat das alles mal angefangen, mit Lesenmüssen – und mit Schreiben.