Den Faden wiederfinden

Wie schon manches Mal hier im Schreiben habe ich seit ein paar Wochen den Faden verloren. Ich glaube das lag ein wenig an einem Gespräch mit einem klugen Menschen – und ich meine das „klug“ in einem anerkennenden Sinne. Klug in dem Sinne, dass ich mich nicht dumm fand in der Gegenwart dieses Menschen, nicht zu klein, um nicht Fragen zu stellen, zu oberflächlich, um diesen klugen Menschen nicht auch zum Stutzen zu bringen.

Und das kam so.

Ich fragte den Menschen nach der Arbeit, für die er seinen Doktor bekommen hat. Überraschend hörte ich, dass es eine philosophische Arbeit war über Henri Bergson, einen französischen Philosophen. Er erklärte mir die Grundgedanken. Er erwähnte Kierkegaard, den ich immer mal verstehen wollte. Ich versuchte mit Montaigne zögerlich zu entgegnen.

Der kluge Mensch liest meinen Blog, als Kollege eben. Und er offenbarte, dass ihm die – ich erinnere nicht mehr das Wort, das er verwendete – offene / offenherzige / freimütige Art meines Schreibens nichts sei für ihn selbst. Nicht dass er es nicht schätze, aber für ihn, nein.

Ich dachte kurz nach und äußerte dann, dass ich eigentlich für mich immer eine Trennung sähe – zwischen mir, der schreibt und dem, über den ich schreibe. Also die klassische Trennung zwischen Autor und Geschriebenem.

Das mag überraschend klingen und der kluge Mensch stutzte wirklich.

Aber sehen wir uns es doch mal an: Ich wähle zwischen allen den Ereignissen meiner Tage aus. Die Kriterien dafür mögen sein, dass es bezeichnend ist für meine Stimmung in der Minute, in der ich das Schreiben beginne. Oder es mag symptomhaft für meinen Berufsalltag sein. Oder es wird eine besondere Pointe erzeugt. Oder ich will etwas aus meinem Kopf bekommen, was mich stört – auf gute oder blöde Art und Weise.

In jedem Fall verkürze ich es, dass es in diesem Rahmen bestehen kann. In jedem Fall setze ich es aus Einzelstücken so zusammen, dass es passt. Ich montiere. Glätte. Dass es eine Logik erzeugen mag. Dass es einem roten Faden folgt. Ich versuche mich immer an etwas zu erinnern. Richtig zu erinnern.

In keinem Fall erzähle ich von mir.

Ich erzähle Geschichten.

Dass man mich kennen mag, ändert nichts daran.


Und dieses Gespräch hängt mir so nach, ebenso wie Montaigne. So lang bis ich es jetzt aufgeschrieben habe. Auch weil ich seit drei Tagen auf mich selbst zurückgeworfen bin.

Bücher, die fehlen

Ein Jahr nach dem Umzug habe ich festgestellt, dass mir Bücher fehlen. Manche sehr. Also habe ich eine Medimops Shopping Tour gemacht:

  • Anton Reiser. Karl-Philipp Moritz
  • Reisebilder. Heinrich Heine
  • Buddenbrooks. Thomas Mann
  • Der Schüler Gerber. Friedrich Torberg
  • Die Verwirrungen des Zögling Törleß‘. Robert Musil
  • Der Vater eines Mörders. Alfred Andersch
  • Mars. Fritz Zorn
  • Gedichte. Gottfried Benn
  • Hand an sich legen. Jean Amery
  • Fabian. Erich Kästner
  • Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. Erich Kästner
  • Das ist kein Liebeslied. Karen Duve
  • Taxi. Karen Duve
  • Anständig essen. Karen Duve
  • Tiere essen. Jonathan Safran Foer
  • Deutschstunde. Siegfried Lenz
  • Vom Nachteil geboren zu sein. E.M. Cioran
  • Berlin Alexanderplatz. Alfred Döblin
  • Weihnachten mit Thomas Müller. Karen Duve
  • Über das Wetter reden. Peter Bichsel
  • Paare, Passanten. Botho Strauß
  • Die Widmung. Peter Handke

Von einigen der Autoren auch noch andere Werke bestellt: Duve, Foer, Kästner, Handke. Dazu: Selim Özdogan. Einige hatte ich schon vor dem Umzug lange nicht mehr gesehen.


Komisch, dass mir plötzlich Bücher fehlen. Dass mir aus dem Stegreif so viel Bücher fehlen.

#wasmachteigentlichderchef 2022-04-25

Den halben Vormittag schlechten Unterricht gemacht oder am Telefon gehangen. Die andere Hälfte Gespräche mit Hilfe eines russischstämmigen Kollegen geführt, um ukrainische Kinder an meiner Schule aufzunehmen.

Irgendwann fiel mir eins dieser Gespräche von vor den Ferien ein. Als ich fragen ließ, am Ende, ob es etwas gäbe, was er hier an der Schule fürchten würde.

Die übersetzte Antwort: „Ich fürchte nichts, ich habe das Schlimmste schon hinter mir.“

Niemals satt. Monchi

In den Urlaub mitgenommen und nach zwei Tagen fertig. Kann sein, dass die Leseübung wieder steigt. Ansonsten Einblick in das Punk-Band-Leben mit dem unverwechselbaren Monchi-Stil. Kein literarische Anspruch, aber inhaltlich nicht wenig spannend. Dies vor allem im Hinblick auf „Leben im Osten“, wenn man sich dem Kampf gegen den Rechtsextremismus widmet. Dazu Ultras-Fußball-Kultur und die Sache mit dem Fettsein und dem großen Fressen. Und alles, was man alles abnehmen kann.


Kiwi-Verlag

Laut.de

wasmachteigentlichderchef 2022-04-05 (Christian Kracht. Faserland)

Seltsamer Roman. Soll Kontroversen hervorgerufen haben. Soll Zustandsbeschreibung einer ganzen Generation (meiner) darstellen. Nach der Lektüre suche ich Kracht im YouTube-Fernsehen und finde wirklich vom Habitus her und vom Auftreten ein Abbild der Figur aus dem Roman. Und das ist nicht mal ein Kompliment.

Aber auch selten so ein Auf und Ab der inneren Einstellungen (Gefühle) gehabt: Anfangs dachte ich noch, dass liest sie so wie „American Psycho“, also so wie ich es mir vorstelle, denn gelesen habe ich das nicht. Dann wurde es langsam rund. Ein gelangweilter Yuppie auf Reisen, der alles wahrnimmt, oberflächlich bleibt und vor allem Gelenkigkeit und abgestumpft. Da dachte ich bei aller Naivität, ob man das als modernen Simplicissimus beschrieben kann? Zum Ende immer zäher, das Ende selbst oberflächlich tiefgründig.

Ließ mich ratlos zurück. Irgendwer beschreibt das als „Bildungsroman“ – das macht mich noch ratloser.

Danach ein wenig in dem Bücherdurcheinander meines Regals rumgeschaut. Jurek Becker rausgezogen, die Briefe gelesen, dann „Aller Welt Freund“ eingelesen – und das war ein wenig Aufbauarbeit nach Faserland.

Müsste man nicht als Road-Novel nach diesen zwei noch Heines Deutschlandreisen lesen, wieder? Die Harzreise („Der beste Blick auf Göttingen ist der mit dem Rücken“), Deutschland. Ein Wintermärchen.