Für den Mai im letzen Jahr war eine Hochzeit angekündigt. Meine einzige Nichte heiratete in Niedersachsen. Dafür konnte ich einen Brückentag anmelden und wir entschieden uns vorab zwei Tage in Hamburg zu verbringen. Zu meiner Überraschung fanden wir ein Zimmer in einem Hotel in dem Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg, in dem ich zwischen 1970 und 1984 aufgewachsen bin.
Das Hotel liegt im sogenannten Inselpark, der zu einer Landsgartenausstellung geschaffen wurde. In meiner Kindheitserinnerung war dies eine Mischung aus Industriebrache und Gebüsch, Dickicht, morastigen Gräben, abseits, etwas unterhalb der Hauptstraße, erreichbar über die Straßenböschung. Wir stromerten dort gern herum, abenteuerlustig und halb verboten anmutend. In den Containern der ansässigen Firmen fand man auch immer etwas. Wir machten kleine Lagerfeuer und dabei zündeten wir einmal eine kleine Wiese an.
Vom Hotel aus waren es nur wenige Schritte zur S-Bahn-Station, deren Einweihung vor mehr als 40 Jahren ich irgendwie sicher miterlebt habe. Dorthin verlief eine Überführung, die ich früher oft mit dem Fahrrad überquerte, um zum Handballtraining zu kommen in die Sporthallen der Dratelnstraße. Man konnte von dort einen Häuserkomplex sehen, der auf meiner alten Grundschule errichtet worden war. Diesmal stutzte ich in dem Moment, als ich über die Geländer hinab auf die Bahngleise schaute. Neben den Bahngleisen verlief eine Schnellstraße, die in meinem Gedächtnis überhaupt nicht vorhanden war. Früher war ich vor allem sonntags mit meinem Vater diese Bahnlinie entlang zum alten Bahnhof des Viertels gegangen, um die Bild am Sonntag und mehrere Jägermeister zu kaufen. Die Bahnlinie war vertraut, die Straße nicht. Das wurmte mich. Personen vergessen und deren Namen war das eine, aber eine ganze Straße?
Dasselbe Gefühl setzte sich später fort, als wir abends in anderer Richtung in der Nähe eine regionale Brauerei besuchen wollten, die ein Grillfest veranstaltete zum Vatertag. Der Fußweg dorthin war gleichermaßen vertraut wie fremd – ich hatte auf dem Weg beständig das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, konnte es aber nicht in Worte fassen.
Das Wochenende war schön, die Hochzeit auch. Daheim angekommen fiel mir die Straße wieder ein und ich forschte nach, über das Landesgartenschau-Gelände, seine Entstehung und seine Freigabe für die Öffentlichkeit. Hier steht jetzt das Hotel und es gibt einen Park, wo früher Brache war.
Am Ende löste sich auch das andere Rätsel. Die Wilhelmsburger Reichsstraße, die Schnellstraße, war um ca. 400m verlegt worden in den Jahren 2013-2019. Daher führte sie jetzt unter der Bahnüberführung entlang – und fehlte beim Spaziergang zur Brauerei. Dort waren wir an dem alten Damm entlanggelaufen, auf dem sie ursprünglich verlaufen war. Mein Gefühl, dass etwas mit meiner Erinnerung nicht stimmte, bezog sich auf die Tatsache, dass ich keinen Verkehr gehört hatte.
Nicht meine Erinnerung war falsch, die Wirklichkeit hatte sich geändert.
Mich überraschte dabei, dass es mich so tief traf, bevor ich die Auflösung kannte.
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