Öffentlich reden als Schulleiter – Abschluss 2026

Vorbemerkungen:

Eine Stunde vor der Zeugnisverleihung fand der Abschlussgottesdienst statt, an dem ich auch teilnahm. Das Motto hatten die Religionslehrer mit den SchülerInnen festgelegt: „Das war’s – Am Ende einer gemeinsamen Wegstrecke.“ Das war also auch mein Rahmen.

Ich hatte vorher die Klassenleiter befragte, welche Geschichten sie mit ihrer Klasse verbinden und alle haben mir kleine Stories erzählt. Ich habe sie in die Rede eingebaut – aus naheliegenden Gründen streiche ich sie hier. Das macht es vielleicht etwas unverständlich, ich hoffe nicht zu sehr.

Ich habe die Rede in Claude gesteckt und gebeten, mir logische Fehler aufzuzeigen. Das hat Claude getan – ebenso davon abgeraten zu krasse Zitate zu bringen. (Wollte das Ende aus dem Song „Rote Augen“ von Provinz zitieren: https://url-shortener.me/OKN9.)

Ich habe ein, zwei Gedanken aus zurückliegenden Reden recycelt und hoffe, ihnen einen neue Swag gegeben zu haben.

Anlass: Abschlussfeier meiner Schule 2026

Dauer: Zwischen 10 und 15 Minuten

Requisit: Ein gefüllter Müllsack.

Zufriedenheit: Groß, ich habe eine Woche dafür gebraucht und war recht entspannt. Das Publikum sandte viele Schwingungen zurück. Ich habe offenbar den Ton gefunden.

Fotos: Ein Kollege hat Fotos gemacht.

Und wieder: Keine Begrüßung, einfach losgelegt, 2/3 frei.

(Gang zum Rednerpult, Müllsack draufgelegt, Manuskript rausgeholt, Sack neben mir auf die Bühne geworfen)

Die schönste Zeit eures Lebens ist jetzt vorbei.

Ab morgen beginnt der Ernst des Lebens.

So schön wie hier kommt es nie wieder.

Genießt es, solange es geht.

Und meldet euch. Ihr müsst euch unbedingt mal melden.

Das sind die Sätze, die euch in den nächsten Wochen begegnen werden. Von Verwandten. Von Bekannten. Vielleicht heute noch, gleich beim Sektempfang.

Ich halte kein einziges Wort davon für wahr.

Viel lieber mag ich das Motto heute im Gottesdienst.

Und wenn es richtig wäre, dass ihr die schönste Zeit hinter euch habt, dann dürfte man wirklich sagen: Das war’s…..

(Spontan in der Rede: Das kann man doch einem Abschlussschüler nicht sagen, dass seine beste Zeit jetzt schon vorbei ist. Das erinnert mich immer an die Aussage der Braut auf der Hochzeit: Das war der schönste Tag meines Lebens – von einer 25jährigen!)

Aber ss stimmt: Hier endet etwas.

Für die meisten von euch geht heute eine Zeit zu Ende, die sechs Jahre gedauert hat – oder mehr. Sechs Jahre dasselbe Gebäude, dieselben Gesichter, derselbe Weg zum Bus. Ihr ward Kinder, als ihr angefangen habt. Ihr seid es heute nicht mehr.

An diesem Ende steht aber nicht, dass etwas weggeworfen wird.

Gleich haltet ihr ein Zeugnis in der Hand. Und das gilt für alle:

Dieses Zeugnis ist ein Erfolg. Ihr könnt stolz darauf sein.

Eine Zahlen auf einem Blatt erzählt nicht, wie schwer es war. Da erzähle ich nichts Neues. Hinter einer Drei kann ein Jahr stecken, in dem zu Hause alles drunter und drüber ging. Hinter einer bestandenen Nachprüfung steckt ein Sommer, in dem die anderen im Freibad lagen. Hinter dem Wort „bestanden“ steckt bei manchen von euch ein Kampf, von dem die meisten hier im Raum nichts wissen. Und vielleicht steht hinter eine 5 auch einfach das: Ich habe die Party genossen.

Alles hat seinen Platz.

Deshalb gilt der Glückwunsch heute nicht nur den Besten. Er gilt euch allen. Ihr seid da. Ihr habt es geschafft. Und ich bin stolz auf euch.

Ihr geht jetzt und lasst etwas zurück. Als ich eure KlassenleiterInnen fragte, was sie mit euch verbinden, haben sie mir Geschichten erzählt. Z.B. (…)

Solche Geschichten lasst ihr zurück und einige Zeit werden eure Klassenleiter diese noch im Lehrerzimmer erzählen.

Sie machen sich nicht lustig über euch – sie erinnern sich nur.

Ihr lasst noch mehr zurück…kennt ihr diese Säcke? Ich habe mir einen vom Fundtisch genommen, der in der Aula I steht.

(Ich ziehe mir theatralisch einen Gummihandschuh über, bevor ich in den Sack greife)

Das hier lag auf dem Fundtisch. Ein Kissen.

Ich frage mich bis heute, was man in der Schule mit einem Kissen vorhat – und wie man ohne wieder heimgeht.

Wem gehört es?

Es gibt hier eine Klasse, (…)

Ich glaube, das Kissen gehört euch…

Und das hier ist ein Schuh. Einer.

Ich frage mich seit Wochen, wie man mit nur einem Schuh nach Hause geht. Da leidet doch der Style drunter.

Es gibt in diesem Jahrgang zwei, (…)

Von einem Schüler wurde mir berichtet, (…)

Ich erzähle das nicht, um euch vorzuführen. Ich erzähle es, weil genau solche Dinge übrig bleiben. In zehn Jahren weiß niemand mehr, wer welchen Schnitt hatte.

(…)

Es bleibt aber nicht nur Kissen und Schuhwerk hier. Ihr lasst noch etwas anderes zurück – und das ist die eigentlich gute Nachricht des heutigen Tages.

Eine Sache habe ich nämlich noch. Auch die lag auf dem Fundtisch. Eine Brotbox.

(Spontan in der Rede: Alle Eltern mit Kinder wissen, dass man Brotboxen, die man findet, nicht einfach aufmachen soll. – Ein Gruseln ging durch die Aula.)

Eine Box. Und Boxen sind ja etwas, in das man Dinge hineinsteckt.

Im Englischen sagt man: to put someone in a box. Auf Deutsch: in eine Schublade stecken.

Und das lasst ihr auch zurück: eure Schublade.

Denn eine Schule ist nämlich auch ein Ort, an dem man oft in so eine Box, in so eine Schublade gerät.

Der Faule. Die Ehrgeizige. Der Klassenclown. Die Stille in der dritten Reihe. Der, der in der Fünften einmal etwas angestellt hat und es bis zur Zehnten nicht mehr losgeworden ist. Manche dieser Schubladen sind vor Jahren zugegangen und nie wieder aufgemacht worden.

Und diese Schubladen gehören dem Haus. Sie gehören nicht euch. Und wenn ihr gleich hier hinausgeht, bleiben sie hier.

Da draußen kennt euch niemand als „den von damals“. Ihr dürft von vorne anfangen. Ihr dürft jemand werden, den es hier noch gar nicht gab.

Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine der größten Freiheiten, die es gibt: sich vielleicht neu erfinden zu dürfen. Und ihr bekommt diese Chance heute zusammen mit dem Zeugnis geschenkt.

Das Einzige, was jetzt noch zwischen euch und all dieser Freiheit steht, ist die Angst. Die Angst, dass es draußen schwerer wird. Die Angst, es nicht zu schaffen. Die Angst vor dem Neuen.

Ein Zitat habe ich auf diesen Feiern immer dabei, auch wenn ich es nicht immer anbringe. Heute passt es. Ich würde es am liebsten in einen großen Rahmen in der Aula anbringen, so dass man es jeden Tag lesen kann. Es ist von der Schriftstellerin Cornelia Funke:

„Ich hätte mit 16 gerne gewusst, dass das Einzige, was zwischen uns und dem Leben steht, die eigene Angst ist, und dass man sie nicht füttern darf, indem man ihr nachgibt.

Ich hätte gerne gewusst, dass es keine Veränderung gibt, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss, und wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet.“

Wartet nicht, bis ihr keine Angst mehr habt oder bis ihr euch bereit fühlt. Wartet nicht auf jemanden, der euch an die Hand nimmt. (Spontan in der Rede: Und wenn einer euch das gelobte Land verspricht und zeigen will, dann geht in die entgegengesetzte Richtung!) Und misstraut jedem, der sagt, er kennt keine Angst und keinen Zweifel.

Der Weg liegt vor euch. Geht ihn. Viel Erfolg dabei.

Das war’s.

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