Zu Beginn des Internets betrieb ich zu manchen Zeiten Ego-Surfing, also die Suche nach mir selbst, meinem Namen, um zu schauen, wie oft er auftauchte oder wie oft ich ihn fand, ohne selbst damit gemeint zu sein.
Je älter ich wurde, desto öfter suchte ich aber auch nach Namen von Menschen, die mir in der ganzen Zeit mal begegnet sind oder die mir irgendwas bedeutet haben, ohne dass ich sie persönlich kennengelernt habe. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass einige schon gestorben sind.
Um das Abitur gegen Ende der 80er Jahre herum z.B. habe ich mich mal mit A. verabredet. Einem Mitschüler, den ich seit der 9. kannte und der bei mir in der Nähe wohnte. Wir hatten immer mal wieder miteinander zu tun, waren aber generell in unterschiedlichen Gruppen unterwegs. Ich glaube, wir schätzten einander. Ich bewunderte ihn heimlich für sein Draufgängertum – was er in mir sah, weiß ich nicht. Es gab viele Geschichten über ihn, meine liebste war sein Auftritt auf seiner Feier zum 18. Geburtstag, wo er im Unterhemd als pure Springsteen-Kopie auf dem Dach der Garage seiner Eltern stand und lauthals „Born in the USA“ intonierte. Ich habe das nicht persönlich gesehen, glaube ich, wenn ich mir auch ein wirklich realistisches Bild davon machen kann – ich meine viel mehr, ich stand irgendwo im Hintergrund und habe irgendwas geraucht. Er war ein emotionaler Terrorist, meine ich, das sage ich voller Respekt, weiß aber, dass das nicht jeder so sah.
Irgendwann schlug ich ihm vor, dass man doch zusammen nach Köln fahren könnte, um ein paar Bier zu trinken. Ich wollte schon lange mal in Papa Joe’s Jazz Lokal in der Kölner Altstadt zwischen Dom und Deutzer Brücke (seltsamerweise lag es in meiner Erinnerung am Heumarkt). Wir setzten uns vor die Bühne, weil dort noch frei war, bestellten und ich war gespannt.
Nach kurzer Zeit setzte sich an den Nachbartisch ein älterer schwarzer Herr, der uns in ein Gespräch verwickelte. Er provozierte auf Englisch bezogen auf unser junges Alter und den möglichen Chancen beim anderen Geschlecht. Wir versuchten mit unserem Schul-Englisch mitzuhalten bis das Licht gedimmt wurde und eine Ansage auf der Bühne gemacht wurde.
Jener Herr vom Nebentisch stand auf und betrat die Bühne, setzte sich ans Klavier, fing an Geschichten zu erzählen und sang immer wieder den Blues. Ich erinnere mich an die abstruse Geschichte der ersten und einzigen jungfräulichen Empfängnis, die seiner Meinung nach im amerikanischen Bürgerkrieg passierte, als eine Kugel den Hoden eines Soldaten durchschlug und sich dann in der Gebärmutter einer nahe am Schlachtfeld stehenden Frau einnistete. Die andere Geschichte dreht sich um einen Basketballspieler, der viel dribbelte, aber wenig traf – ich bin selbst irritiert, dass ich mich an so etwas erinnerte. Der Abend war spannend. Ich denke, wir gingen gut gelaunt und fuhren mit der Bahn heim.
Ich ging nie wieder mit A. weg. Es begann der Zivildienst und ein Jahr danach verließ ich die Stadt und die Gegend und das Bundesland und begann mein Studium in Bayern.
Meine Eltern erzählten danach mal, dass er vor ihrer Wohnungstür stand, weil er im Winter auf der Straße vor dem Haus, wo es in die Kurve ging, mit dem Auto irgendwo gegengerutscht war. Er stand da und fragte nach Handfeger und Schaufel, um die Scherben von der Straße zu bekommen. Mein Vater gab ihm eine Zigarette und sie rauchten zusammen, bis sich A. etwas beruhigt hatte.
Nachdem mein Vater gestorben war, zog meine Mutter in eine kleinere Wohnung die Straße hinauf. A. half beim Umzug und baute ihr später Schränke zusammen, die sie bestellt hatte – er hatte mittlerweile eine Lehre als Schreiner absolviert, meine Mutter hatte ihn zufällig auf der Straße getroffen und gefragt.
Ich habe ihn bis heute nicht wieder gesehen und bin nicht mal sicher, ob ich ihm je gedankt habe. Meine Mutter zog bald viel weiter weg. Nach 25 Jahren wurde das Grab meines Vaters aufgelöst. Ich war erst vor zwei Jahren wieder in der Nähe, weil meine Tante gestorben war und wir zur Beerdigung gingen. Sie war für mich der letzte Kontakt in diese geografische Gegend und dem Teil meines Lebens.
Damals aber, irgendwann Anfang der 90er, zu Beginn des Studiums in Würzburg, las ich in einer überregionalen Zeitung vom Tod eines schwarzen Blues-Musikers. Im Foto erkannte ich ihn.
A. und ich hatten damals mit Champion Jack Dupree gescherzt und seinen Geschichten gelauscht.
