{"id":2933,"date":"2012-10-04T17:05:02","date_gmt":"2012-10-04T15:05:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kubiwahn.de\/blogwahn\/?p=2933"},"modified":"2012-11-17T13:25:30","modified_gmt":"2012-11-17T12:25:30","slug":"sozialkunde-leicht-gemacht-13-voll-psycho-die-soziale-rolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/2012\/10\/sozialkunde-leicht-gemacht-13-voll-psycho-die-soziale-rolle\/","title":{"rendered":"Sozialkunde &#8211; schnell gemacht 13: Voll psycho. Die Soziale Rolle."},"content":{"rendered":"<p>Thema: Die Soziale Rolle und Rollenkonflikte<\/p>\n<p>Der erste Teil des Sozialkundeunterrichts der zehnten Klasse ist dem soziologischen Teil des Faches gewidmet: Gruppe, Rolle, Norm, Werte. Ich mache den immer etwas ausf\u00fchrlicher, weil ich ihn selbst sehr spannend finde.<\/p>\n<p>Heute ging es um die Soziale Rolle und Rollenkonflikte und ich mache seit Jahren denselben Einstieg, der in diesem Fall eine ganze Stunde tragen kann. Und er ist simpel: ich betrete das Klassenzimmer, setze mich zwischen die Sch\u00fcler und schaue zu, was passiert &#8211; wenn nichts passiert.<\/p>\n<p>Eine der heutigen Klassen reagierte deutlich und ich habe es selbst noch nie so lang durchgehalten. Danach dann kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch \u00fcber das, was passierte.<\/p>\n<p>Gut, ich betrete das Klassenzimmer, stelle meine Tasche ans Pult, lege meine Einstiegsfolie auf den Overhead (<a href=\"http:\/\/www.gesetze-bayern.de\/jportal\/portal\/page\/bsbayprod.psml?nid=3&amp;showdoccase=1&amp;doc.id=jlr-EUGBY2000V9Art1&amp;st=null\">Artikel 1 des Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes<\/a>), lege die Arbeitsbl\u00e4tter aufs Pult, gehe dann in die Klasse und setze mich auf einen freien Platz.<\/p>\n<p>Also, was passiert, wenn der Lehrer seine Rolle nicht annimmt?<\/p>\n<ul>\n<li>Erste Reaktionen: Lachen.<\/li>\n<li>Dann: Unsicherheit<\/li>\n<li>Erste Fragen: &#8222;Was sollen wir denn jetzt machen, Herr Kubiwahn?&#8220;<\/li>\n<li>Erste Vermutungen: &#8222;Der will uns wieder irgendwas zeigen.&#8220;<\/li>\n<li>Wieder Unsicherheit: &#8222;Voll psycho jetzt.&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach dieser Phase dachte ich heute daran, abzubrechen und zu beginnen. Aber ich wollte mal sehen, wie weit es gehen kann.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Sch\u00fcler geht pl\u00f6tzlich nach vorn: &#8222;OK, dann mache ich den Lehrer. Er (Also ich!) will sicher, dass wir jetzt alles selbst machen. So gruppenm\u00e4\u00dfig, selbst\u00e4ndig und so.&#8220;<\/li>\n<li>Das Unterrichtsgespr\u00e4ch beginnt, der Sch\u00fcler l\u00e4sst die Folie vorlesen und stellt Fragen dazu. Die Sch\u00fcler machen mit.<\/li>\n<li>Dann stockt das Gespr\u00e4ch, die Sch\u00fcler schielen zu mir. Nebengespr\u00e4che beginnen.<\/li>\n<li>Sch\u00fcler vorn: &#8222;Darf ich abfragen und Verweise geben?&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich drehe die Schraube weiter: Hole mein iPad heraus, spiele mit voller Lautst\u00e4rke Angry Birds.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Unsicherheit w\u00e4chst wieder: Lachen.<\/li>\n<li>Ein Sch\u00fcler: &#8222;Da vorn liegen doch die Arbeitsbl\u00e4tter. Die k\u00f6nnen wir doch machen.&#8220;<\/li>\n<li>Bl\u00e4tter werden ausgeteilt.<\/li>\n<li>Es wird laut vorgelesen, reihum<\/li>\n<li>Einer beschwert sich, dass mein iPad so laut ist<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich breche dann ab. Beginne das Unterrichtsgespr\u00e4ch und schreibe die Ergebnisse an die Tafel.<\/p>\n<ul>\n<li>Klasse ger\u00e4t erleichtert in Gespr\u00e4che \u00fcber das Erlebte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was konnte gelernt werden?<\/p>\n<ol>\n<li>Rollen sind in uns derart stark verankert, dass wir verunsichert werden, wenn ein Gegen\u00fcber seine Rolle ablehnt, eben &#8222;aus der Rolle f\u00e4llt.&#8220;<\/li>\n<li>In einem solchen Fall haben wir verschiedene Arten zu reagieren. In diesem Fall:\u00a0Imitieren der wirklichen Situation, um &#8222;die Realit\u00e4t&#8220; wieder herzustellen.<\/li>\n<li>Das Nicht-Annehmen der Rolle kann aber auch bestraft werden &#8211; als Beispiel fanden wir den Lehrer, der &#8222;Kumpel&#8220; sein will &#8211; Sanktion der Klasse: Disziplinlosigkeit<\/li>\n<li>Soziale Rollen vereinfachen das Miteinander, weil sie Sicherheit geben bez\u00fcglich des Verhaltens von anderen Personen. Man wird berechenbar.<\/li>\n<li>Soziale Rollen erschweren das Miteinander, wenn man sich nur auf das erwartete Rollenverhalten zur\u00fcckzieht, ohne einen pers\u00f6nlichen Touch. Als Lehrer ist man dann nur Schulbeamter.<\/li>\n<li>Rollen sind Erwartungen der anderen oder der Gesellschaft &#8211; das Verhalten in der Rolle hat nur bedingt etwas mit der Person zu tun. Rollendistanz ist manchmal sehr hilfreich im Umgang miteinander.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Bei der Reflektion gebe ich auch zu, wie anstrengend das f\u00fcr mich ist. Weil ich eben nicht &#8222;Lehrer&#8220; bin in diesen Minuten. Und weil es f\u00fcr mich in diesem Moment auch kein passendes Rollenmuster gibt &#8211; jedenfalls keines, was auch f\u00fcr die Sch\u00fcler akzeptabel w\u00e4re. Weil es ungewohnt ist. Weil mir ab einem bestimmten Punkt auch einige Sch\u00fcler leid tun, weil ich sie so verwirre.<\/p>\n<p>Ich habe mich in dieser Stunde auch schon mal auf das Pult gestellt, um von dort aus weiter zu unterrichten. Oder w\u00e4hrend des Satzes das Klassenzimmer f\u00fcr 5 Minuten verlassen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Lernziele dahinter stecken?<\/p>\n<ol>\n<li>Dass wir immer Produkte unserer Gesellschaft sind &#8211; immer aber auch diese Gesellschaft mitformen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Dass wir uns trotz der Rolle auch mal fragen sollen, was wir da\u00a0\u00fcberhaupt\u00a0so machen.<\/li>\n<li>Dass unterschieden werden muss zwischen Pers\u00f6nlichkeit und Rolle (mir hilft diese Unterscheidung in der schulischen Arbeit enorm).<\/li>\n<li>Dass Regeln\/Rollen innerhalb von Gruppen Sicherheit geben &#8211; dass sie aber eben auch ver\u00e4nderbar sind.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Heute ist mir im Gespr\u00e4ch auch eingefallen, komischerweise zum ersten Mal, dass die Unsicherheit, die die Sch\u00fcler gesp\u00fcrt haben, vergleichbar ist mit der Situation der Menschen in den neuen Bundesl\u00e4ndern nach dem Zusammenbruch der DDR, alternativ nach Ende des Krieges. Eine gesellschaftliche Situation, in der viele Rollen und viel gesellschaftliches Verhalten pl\u00f6tzlich obsolet werden. Wo eine ganze Bev\u00f6lkerung pl\u00f6tzlich neue Muster entwickeln muss, bzw. von ihr erwartet wird, vorhandene (&#8222;westliche&#8220;) Muster zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Und somit kann man gut \u00fcberleiten zu den anderen, mehr politischen Themen in der Sozialkunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thema: Die Soziale Rolle und Rollenkonflikte Der erste Teil des Sozialkundeunterrichts der zehnten Klasse ist dem soziologischen Teil des Faches gewidmet: Gruppe, Rolle, Norm, Werte. Ich mache den immer etwas ausf\u00fchrlicher, weil ich ihn selbst sehr spannend finde. 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