{"id":3344,"date":"2013-05-24T11:54:36","date_gmt":"2013-05-24T09:54:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kubiwahn.de\/blogwahn\/?p=3344"},"modified":"2013-05-24T11:54:36","modified_gmt":"2013-05-24T09:54:36","slug":"manche-meinen-lechts-und-rinks-kann-man-nicht-velwechsern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/2013\/05\/manche-meinen-lechts-und-rinks-kann-man-nicht-velwechsern\/","title":{"rendered":"Manche meinen Lechts und Rinks kann man nicht velwechsern &#8211;"},"content":{"rendered":"<p>Werch ein Illtum (Ernst Jandl).<\/p>\n<p>Mit dieser \u00dcberschrift steige ich oft in eine Sozialkundestunde \u00fcber &#8222;Politische Denkfamilien&#8220; ein. Diesen Begriff habe ich mal irgendwo aufgeschnappt (Ich meine bei der <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\">Bundeszentrale<\/a> in einem Lexikon) und fand ihn f\u00fcr das Thema so passend, dass ich ihn gern verwende, was von Anfang an nicht leicht ist &#8211; vor allem, weil Viele bestimmte Vorstellungen von &#8222;links&#8220; und &#8222;rechts&#8220; haben, ohne dies aber wirklich zu reflektieren.<\/p>\n<p>Erst heute las ich z.B. in der Zeitung ein Interview mit Bruno Jonas, wo er gefragt wurde, ob er denn nun ein linker Kabarettist sei. Auf diese schon nicht sehr \u00fcberlegte Frage kam dann entsprechend eine ebenso wenig durchdachte Antwort: &#8222;Ich \u00e4u\u00dfere mich nicht parteipolitisch.&#8220;<\/p>\n<p>Also Lektion Nr. 1: <em>Rechts<\/em> und <em>links<\/em> sind keine Begriffe, mit denen man sich zu bestimmten Parteien einordnen kann. Wie z.B. kann es sonst sein, dass Heiner Gei\u00dfler, CDU, gleichzeitig Mitglied bei attac ist, der Organisation, die (wie Gei\u00dfler selbst) heftig und andauernd Kapitalismus und Globalisierung kritisiert?<\/p>\n<p><strong>Wer hat&#8217;s erfunden?<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite Schritt meiner Stunde besteht darin, dass ich die Begriffe <em>links<\/em> und <em>rechts<\/em> links und rechts an die Tafel schreibe, eine horizontale Linie ziehe und den Sch\u00fclern den Auftrag gebe, dass sie doch sich selbst und ihr\u00a0politisches\u00a0Denken einmal mit einem Kreide-Kreuz auf dieser Linie einordnen sollen. NAT\u00dcRLICH verlasse ich den Raum, wenn sie das machen.<\/p>\n<p>Wenn ich den Raum wieder betrete findet sich meist ein \u00e4hnliches Bild: Viele Kreuze befinden sich in der Mitte der dreiteiligen Tafel, wenige ganz <em>links<\/em>, <em>rechts<\/em> aber will keiner so recht sein. Vereinzelt finde ich welche, selten.<\/p>\n<p>Die Deutung l\u00e4sst sich verschieden aufziehen.<\/p>\n<p>Zum einen tun sich viele, nicht nur Jugendliche, schwer, sich politisch einzuordnen &#8211; viele Menschen verweigern sich auch, weil sie angreifbar werden. Dann tituliert man sich gern als jemand, &#8222;der sich nicht einordnen l\u00e4sst oder will&#8220;. Dies soll dann von unabh\u00e4ngigem Denken zeugen, was es in der Regel nicht ist. Um aus dem Konflikt herauszukommen, macht man das Kreuz in der Mitte und glaubt, damit muss man keine Stellung beziehen.<\/p>\n<p>Zum anderen frage ich danach auch einfach ins Plenum, was ihrer Meinung nach <em>links<\/em> und <em>rechts<\/em> bedeutet. Dann l\u00e4uft alles in die Richtung, dass die Rechten ja die Nazis seien und die Linken sind (mittlerweile erst) diese Partei aus der DDR. Und rechts will keiner sein und links in diesem Sinne ist nebul\u00f6s.<\/p>\n<p>Eine dritte These bez\u00fcglich des Tafelbildes ist die, dass linkes Denken entwicklungstechnisch fr\u00fcher als auftritt als rechtes. Dies mag in der Natur der Sache liegen (&#8222;Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz&#8230;) beleidigt aber vielleicht linkes Denken als kindisch. Dies aber beleidigt Kinder ebenso wie linkes Denken.<\/p>\n<p>Also erkl\u00e4re ich:<\/p>\n<p>\u00dcbereinstimmend wird auf die Franz\u00f6sische Revolution verwiesen, in dessen Verlauf die ersten Nationalversammlungen einberufen wurden. Hier wurden die Abgeordneten (ohne dass es wirklich Parteien gegeben hat) entsprechend ihrer Ausrichtung gesetzt: Links (vom Pr\u00e4sidenten aus gesehen) sa\u00dfen die Revolution\u00e4ren, Progressiven (Fortschrittlichen) &#8211; Rechts wiederum die K\u00f6nigstreuen, Monarchisten, Konservativen (Bewahrenden).<\/p>\n<p><strong>Gegens\u00e4tze und\/oder Alternativen<\/strong><\/p>\n<p>Nach dieser Erkl\u00e4rung sollen die verschiedenen Denkfamilien erarbeitet werden. Dies geht wunderbar mit Texten aus dem Politiklexikon der bpb.de:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/politiklexikon\/17742\/konservatismus\">Konservativismus<\/a><\/p>\n<p>&#8211; Hauptbegriffe: Tradition, Bewahrung der aktuellen politischen Ordnung, Verteilung von Macht und Eigentum, Nation, starker Staat<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/politiklexikon\/17794\/liberalismus\">Liberalismus<\/a><\/p>\n<p>&#8211; Hauptbegriffe: Freiheit, Ablehnung\/Einschr\u00e4nkung jeder (staatlichen )Einflussnahme, \u00a0 Selbstregulierung der Wirtschaft \u00fcber einen freien Markt<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/politiklexikon\/18235\/sozialismus\">Sozialismus<\/a><\/p>\n<p>&#8211; Hauptbegriffe: Freiheit UND Gleichheit, Abschaffung der Herrschaft \u00fcber Menschen, Ablehnung des Kapitalismus, Schaffung von Gleichheit durch staatliche Eingriffe<\/p>\n<p>Die Texte werden gek\u00fcrzt. Im \u00dcberblick reichen oft die einleitenden Abs\u00e4tze, ohne genauer auf Unterstr\u00f6mungen einzugehen. Arbeitet man die Hauptbegriffe heraus, findet man \u00dcberschneidungen und Unterschiede.<\/p>\n<p>Danach kann man den Denkfamilien aktuelle Parteien zuordnen. Parteiprogramme sichten. Wahlplakate analysieren und zuordnen lassen. Vor allem aber auch erkl\u00e4ren, was in diesem Zusammenhang links- und rechtsextrem bedeutet, bzw. am Tafelbild des Einstiegs deutlich machen (ich gehe dann in rechte Ecke des Klassenzimmers, um zu erkl\u00e4ren, dass das, was sie unter <em>rechts<\/em> verstehen, eigentlich rechtsextrem ist &#8211; Also: \u00dcberbetonung des &#8222;Volks&#8220;, Ablehnung\/Unterordnung pers\u00f6nlicher Freiheit, Rassismus, radikal nationalistisch.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang habe ich neulich in einer Klasse ein sehr gutes Material der Bundeszentrale benutzt: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/shop\/lernen\/themenblaetter\/157357\/was-denken-nazis\">Was denken Nazis?<\/a>&#8220;<\/p>\n<p><strong>Grenzen<\/strong><\/p>\n<p>Links und rechts sind sehr grobe Begriffe. Vor allem, weil sie nicht wirklich etwas \u00fcber politische Inhalte aussagen. Nicht umsonst spricht man ja auch innerhalb von Parteien von linken\/rechten Fl\u00fcgeln, Traditionellen, Konservativen und Fortschrittlichen. Daher ist eine eigene Zuordnung schwer. Wenig \u00fcberraschend werden links\/rechts ja auch eher gebraucht, um jemand von au\u00dfen zuzuordnen. Da ist man dann eine &#8222;linke Zecke&#8220; oder &#8222;eine rechte Glatze&#8220;. Aber dann wiederum gibt es die &#8222;Linksfaschisten&#8220; und &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Godwin%E2%80%99s_law\">Godwin&#8217;s Law<\/a>&#8222;.<\/p>\n<p>Wenn man sich jedoch mit den Begriffen der &#8222;Denkfamilien&#8220; auseinandergesetzt hat, wird das Ganze meiner Meinung nach schon leichter. Vor allem, weil man dann auch handfeste Grundbegriffe in Diskussionen und Auseinandersetzungen mit anderen hat.<\/p>\n<p>Muss man sich politisch-gedanklich \u00fcberhaupt verorten?<\/p>\n<p>Generell bin ich der Meinung, dass es notwendig ist. Aber nat\u00fcrlich muss man mehr als das &#8211; sich auch mit dem besch\u00e4ftigen, was man so &#8222;meint&#8220;. Notwendig vor allem, um sich zu wappnen gegen alle, die Redegewandtheit als Waffe einsetzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Politische Bildung existiert der sogenannte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beutelsbacher_Konsens\">Beutelsbacher Konsens<\/a>, nach drei Grundpinzipien im Politikunterricht beachtet werden m\u00fcssen: 1. Das \u00dcberw\u00e4ltigungsverbot, nach dem kein Sch\u00fcler mit der Meinung des Lehrers \u00fcberrollt werden darf, 2. Das Gebot der Kontroversit\u00e4t, nach der politische Themen, die in der Wirklichkeit umstritten sind, auch so im Unterricht dargestellt werden m\u00fcssen und 3. das Ziel, den Lernenden inhaltlich und methodisch zu bef\u00e4higen, dass er sich seine eigene Meinung bilden kann.<\/p>\n<p>Klingen alle drei Punkte vernunftm\u00e4\u00dfig einsichtig, sind sie doch nicht ganz unumstritten. Ich erw\u00e4hne nur zum ersten Punkt, dass hier schnell geschlossen werden wurde, dass der Lehrer keine Meinung \u00e4u\u00dfern darf, um die Sch\u00fcler nicht zu beeinflussen. Dies ist im laufenden Unterricht oft schwer, denn die Sch\u00fcler fragen nat\u00fcrlich nach. Halte ich mich aus einer Meinungsbildung mit meiner Meinung heraus, bin ich ja doch ein schlechtes Vorbild &#8211; so als Meinungsloser. Nun ist man aber soweit zu sagen, dass eine solche \u00c4u\u00dferung\u00a0notwendig\u00a0ist, wenn man sie am Ende eines\u00a0schulischen\u00a0Meinungsbildungsprozesses stellt und nicht an den Anfang. Und wenn man diese eigene Meinung auch begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Wer es etwas genauer nachlesen m\u00f6chte, ist im <a href=\"http:\/\/einfachsowi.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=81\">Netz<\/a> an der richtigen <a href=\"http:\/\/www.online-dissertation.de\/politische_bildung\/didaktische_prinzipien.htm\">Stelle<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Ein Linker?<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang taucht in der genannten Stunde von mir auch ein Gedicht von Erich Fried auf. Dies enth\u00e4lt eine Definition von rechts\/links, die ich pers\u00f6nlich sehr sch\u00f6n finde und f\u00fcr mich gern beanspruche &#8211; auch und vor allem als Lehrer. In dessen ersten Zeile hei\u00dft es:<\/p>\n<p><em>Wer Kindern sagt<\/em><br \/>\n<em>Ihr habt rechts zu denken<\/em><br \/>\n<em>der ist ein Rechter<\/em><br \/>\n<em>Wer Kindern sagt<\/em><br \/>\n<em>Ihr habt links zu denken<\/em><br \/>\n<em>der ist ein Rechter<\/em><\/p>\n<p>Und es endet mit<\/p>\n<p><em>Wer Kindern sagt<\/em><br \/>\n<em>was er selbst denkt<\/em><br \/>\n<em>und ihnen auch sagt<\/em><br \/>\n<em>dass daran etwas falsch sein k\u00f6nnte<\/em><br \/>\n<em>der ist vielleicht<\/em><br \/>\n<em>ein Linker<\/em><\/p>\n<p><strong>Verunsicherungen (damit wollte ich eigentlich einleiten)<\/strong><\/p>\n<p>Ich lese mich grad ein in linke Positionen und Theorien: Autonome, Antifa, Kommunismus, Anarchismus. Ver\u00f6ffentlichungen dazu sind bunt. Zum Anarchismus gab es ein <a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/verlag\/findus.shtml\">Comic<\/a> (im Sozialkundeunterricht wird man oft mit Fragen \/ Anmerkungen bez\u00fcglich des Anarchismus konfrontiert), zur Antifa einen <a href=\"http:\/\/www.theorie.org\/titel\/678_antifa\">Theorieband<\/a>, die Autonomen werden in einem <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Feuer-Flamme-Zur-Geschichte-Autonomen\/dp\/3894080043\">Abriss<\/a> behandelt und der Kommunismus findet seinen Ausdruck in einem <a href=\"http:\/\/www.unrast-verlag.de\/gesamtprogramm\/allgemeines-programm\/anarchie-autonomie\/kommunismus-178-detail\">Kinderbuch<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Liste habe ich auch zusammengestellt, weil mich seit einiger Zeit irritiert, dass der Begriff &#8222;Kapitalismus&#8220; in der \u00f6ffentlichen Diskussion immer \u00f6fter auftaucht &#8211; ohne an sich in die Kritik zu geraten. Vor 20 Jahren existierte dieser aber noch als &#8222;Kampfbegriff&#8220; und jeder, der ihn benutzte, bekam zu h\u00f6ren, dass er noch &#8222;nach Moskau gehen&#8220; solle.<\/p>\n<p>Mittlerweile aber darf man den\u00a0Kapitalismus\u00a0kritisieren, ohne Kommunist zu sein (zu m\u00fcssen). Das \u00fcberrascht mich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werch ein Illtum (Ernst Jandl). Mit dieser \u00dcberschrift steige ich oft in eine Sozialkundestunde \u00fcber &#8222;Politische Denkfamilien&#8220; ein. Diesen Begriff habe ich mal irgendwo aufgeschnappt (Ich meine bei der Bundeszentrale in einem Lexikon) und fand ihn f\u00fcr das Thema so passend, dass ich ihn gern verwende, was von Anfang an nicht leicht ist &#8211; vor <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/2013\/05\/manche-meinen-lechts-und-rinks-kann-man-nicht-velwechsern\/\">weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"iawp_total_views":38,"activitypub_content_warning":"","activitypub_content_visibility":"","activitypub_max_image_attachments":4,"activitypub_interaction_policy_quote":"anyone","activitypub_status":"","footnotes":""},"categories":[6,35,3,73],"tags":[24,36,82],"class_list":["post-3344","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bedenklich","category-belehren","category-beschulung","category-fachsozialkunde","tag-ich","tag-sozialkunde","tag-unterrichtsmaterial-unterrichtsidee"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3344"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3344\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}