{"id":4413,"date":"2015-12-19T12:36:29","date_gmt":"2015-12-19T11:36:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kubiwahn.de\/blogwahn\/?p=4413"},"modified":"2015-12-19T15:09:48","modified_gmt":"2015-12-19T14:09:48","slug":"sozialkunde-und-geschichte-einfach-gemacht-1-identitaet-rassismus-todesstrafe-und-deutsche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/2015\/12\/sozialkunde-und-geschichte-einfach-gemacht-1-identitaet-rassismus-todesstrafe-und-deutsche-geschichte\/","title":{"rendered":"Sozialkunde und Geschichte &#8211; einfach gemacht 1: Identit\u00e4t, Rassismus, Todesstrafe und deutsche Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Ausgehend von einem beeindruckenden <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/bryan_stevenson_we_need_to_talk_about_an_injustice#t-658928\">TED-Talk von Bryan Stevenson<\/a> (We need to talk about injustice), den ich vor einer Woche das erste Mal sah, kam mir heute die Nachricht der Zeitung unter, nach der es gestern\u00a0auf den Tag 150 Jahre her ist, dass die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde (18. Dezember 1865) durch die Unterzeichnung des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/13._Zusatzartikel_zur_Verfassung_der_Vereinigten_Staaten\">13. Zusatzartikels zur Verfassung<\/a>.<\/p>\n<p>Der Vortrag von Stevenson hat vier gro\u00dfe Abschnitte, die m.E. an verschiedene Themen des Unterrichts ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Der Talk ist mit Untertiteln downloadbar &#8211; aber selbst im Original gut nachvollziehbar.<\/p>\n<div class=\"video-wrapped\" style=\"width: 780px; height: 439px; background-image: url('https:\/\/www.kubiwahn.de\/wp-content\/plugins\/video-embed-privacy\/preview\/c2tOp7OxyQ8.jpg')\" data-embed-frame=\"&lt;iframe title=&quot;Bryan Stevenson: We need to talk about an injustice | TED&quot; width=&quot;780&quot; height=&quot;439&quot; src=&quot;https:\/\/www.youtube.com\/embed\/c2tOp7OxyQ8?feature=oembed&quot; frameborder=&quot;0&quot; allow=&quot;accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share&quot; referrerpolicy=&quot;strict-origin-when-cross-origin&quot; allowfullscreen&gt;&lt;\/iframe&gt;\" data-embed-play=\"Abspielen&lt;div class=&quot;small&quot;&gt;Das Video wird von Youtube eingebettet abespielt. Es gilt die &lt;a href=&quot;https:\/\/www.google.com\/intl\/de\/policies\/privacy\/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Datenschutzerkl\u00e4rung von Google&lt;\/a&gt;&lt;\/div&gt;\">\n<div class=\"video-wrapped-nojs\">Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.<br \/><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=c2tOp7OxyQ8\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=c2tOp7OxyQ8<\/a><\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><b>Im ersten Teil<\/b> erz\u00e4hlt er von seiner Familie und wie stark ihn ein Gespr\u00e4ch mit seiner Gro\u00dfmutter gepr\u00e4gt hat. Das ist der Gedanke, wie stark Identit\u00e4t von &#8222;sorgenden&#8220; (caring) Erziehern\/Lehrern beeinflusst\u00a0werden kann.<\/p>\n<p>Mir fiel dazu wieder eine Begegnung mit einem eigenen Lehrer ein, als ich etwa in der 11. Klasse war. Dieser Lehrer, mein ehemaliger Klassenlehrer in der 9.\/10. Klasse, Konrektor (!) der Schule, stand in der Aula und im Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnte er nebenbei, dass ich ja doch ziemlich intelligent sei. Auf meine Nachfrage, wie er denn darauf k\u00e4me, meine Leistungen in der Schule seien ja nicht so gut, erl\u00e4uterte er, dass ihm das auf der Klassenfahrt in der 9. aufgefallen sei, auf den Stadtf\u00fchrungen damals. Ich erinnerte mich dunkel, dass ich da unglaublich viele Fragen gestellt hatte, weil es eine geschichtliche F\u00fchrung war, was mich halt einfach interessierte. Und er sagte, dass er das eben an den Fragen erkannt hatte.<\/p>\n<p>Warum diese Geschichte? Weil ich bis heute in meinen Klassen, wenn ich sie neu bekomme, anfangs immer erw\u00e4hne, dass in meinem Unterricht bei der m\u00fcndlichen Mitarbeit nicht nur eine gute Antwort bewertet wird, sondern eben auch eine gute Frage. Zweitens wei\u00df ich erst seit diesem Zeitpunkt, <b>dass<\/b> ich\u00a0recht schlau bin, bzw. habe erst seit dem Moment ein Bewusstsein daf\u00fcr entwickelt. Und drittens f\u00e4llt mir selbst auf, wie selten bewusst ich Sch\u00fcler lobe, direkt, f\u00fcr eine echte Eigenschaft, die sie zeigen (also nicht nur das Gemurmel im Unterrichtsgespr\u00e4ch: hm ja, gut, sch\u00f6n&#8230;brabbel) &#8211; wei\u00df aber auf der anderen Seite, wie stark und lang manchmal S\u00e4tze bei Sch\u00fclern h\u00e4ngen bleiben, die ich nur so dahin gesagt habe.<\/p>\n<p><b>Im zweiten Bereich<\/b> des Talks spricht Stevenson \u00fcber die Ungerechtigkeit im amerikanischen Rechtssystem, in dem, nur als Beispiel, statistisch gesehen, unter den Inhaftierten und auf Bew\u00e4hrung Entlassenen zu einem unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Anteil Schwarze geh\u00f6ren oder People of Color. Er bringt es auf den Punkt mit dem Satz, dass man es im amerikanischen Rechtssystem leichter habe, wenn man &#8222;wei\u00df und schuldig&#8220; sei als &#8222;schwarz und unschuldig&#8220;.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang erw\u00e4hnt er auch die Todesstrafe und u.a. den Umstand, dass auf neun Hingerichtete ein Unschuldiger kommt. Oder dass in den USA 14j\u00e4hrige zu lebenslanger Haft verurteilt werden k\u00f6nnen. Auch spricht er \u00fcber den Zusammenhang von Armut und Ungerechtigkeit im juristischen Sinn.<\/p>\n<p>Und damit leitet er <b>zum dritten Abschnitt<\/b> \u00fcber, und zwar zu der Frage, wie oder wieso diese Ungerechtigkeiten in der US-Gesellschaft nicht bewusst wahrgenommen, bzw. thematisiert werden. Als Anfangsbeispiel, und das fand ich sehr spannend, erw\u00e4hnt er eine Rede, die er in Deutschland hielt. Und in diesem Zusammenhang gab er einen Beitrag aus dem Publikum wieder, in dem jemand erkl\u00e4rte, dass es in Deutschland keine Todesstrafe geben kann unter dem Eindruck der eigenen Geschichte, die es eben verbieten w\u00fcrde, gezieltes und organisiertes T\u00f6ten von Menschen zu erlauben.<\/p>\n<p>Stevenson ging noch dar\u00fcber hinaus und deutete an, dass es weltweit f\u00fcr Aufsehen\u00a0sorgen w\u00fcrde, wenn es in Deutschland die Todesstrafe geben w\u00fcrde und unter den Hingerichteten auffallend viele Juden seien &#8211; W\u00e4hrend man es in den USA hinnimmt, dass unter den Inhaftierten und Hingerichtet so viele Schwarze sind.<\/p>\n<p>Und damit kommt er zum Eigentlichen seines Vortrags, und zwar der &#8222;Identit\u00e4t&#8220; der USA, wenn ich das so ausdr\u00fccken w\u00fcrde. Er spricht \u00fcber das, was ich bisher immer als Mentalit\u00e4t bezeichnet h\u00e4tte. Und er erw\u00e4hnt damit, dass die Identit\u00e4t eben auch damit zusammen h\u00e4ngt, wie man mit seiner Vergangenheit und den eigenen Problemen umgeht. Bezogen auf die USA zeigt er sich erstaunt dar\u00fcber, dass in einem Land, dass so stolz ist auf seine Technologie, seine Innovationskraft und Kreativit\u00e4t, diese Problematik so g\u00e4nzlich abgekoppelt wird vom nationalen Bewusstsein.<\/p>\n<p>Wenn ich noch <strong>einen vierten Abschnitt<\/strong> einzeln auffasse, dann erw\u00e4hnt er hier die Begriffe Gerechtigkeit und Menschenw\u00fcrde. Die kommen leider etwas zu kurz, k\u00f6nnen aber aus dem Zusammenhang, den er kn\u00fcpft, recht gut erschlossen werden.\u00a0Er erw\u00e4hnt in diesem Zusammenhang, dass auch dazugeh\u00f6re, dass einer, der l\u00fcgt, nicht einfach ein L\u00fcgner ist (f\u00fcr immer) &#8211; einer, der etwas stiehlt, nicht immer ein Dieb &#8211; und selbst einer, der jemanden umbringt, nicht endg\u00fcltig ein M\u00f6rder ist. Alles Fragen, die sich um ein grundlegendes Menschenbild und damit ein bestimmtes Rechtsverst\u00e4ndnis drehen.<\/p>\n<p>Mit dem TED-Vortrag tauchen folgende Fragen und damit <strong>Unterrichtsm\u00f6glichkeiten<\/strong> f\u00fcr mich auf:<\/p>\n<p>1. Die p\u00e4dagogische Forderung, sich einzugestehen, dass man als Lehrer eben doch eine ganze Menge Einfluss auf die Kinder hat &#8211; was man gern vergisst und \u00fcbersieht in dem Lamento, dass die letzte Schulaufgabe so schlecht ausgefallen sei und \u201edie mal wieder gar nichts gelernt\u201c h\u00e4tten.<\/p>\n<p>2. Der Vortrag als Grundlage in einer Diskussion um die Thematik Todesstrafe. Warum keine Doku \u00fcber Todeszellen? Eben weil so wenig Dramatik zu <b>sehen<\/b> ist, sondern nur ein guter Redner. Weil sich hinter den Worten die ganze Tragweite der dargestellten Gedanken ankn\u00fcpft.<\/p>\n<p>3. Als Frage zur Thematik der \u201e<strong>Erinnerungskultur<\/strong>\u201c einer Gesellschaft. Dieser kurze Abschnitt \u00fcber die \u00c4u\u00dferungen bez\u00fcglich der deutschen Haltung zur Todesstrafe finde ich einen sehr guten Ansatz, um \u00fcber die Sinnhaftigkeit\u00a0 von Erinnerung, lebendiger Geschichte etc. zu sprechen. Auch weil es eben hier nicht darum geht, wie es PEGIDA und Co so gern sehen m\u00f6chte, \u201everantwortlich f\u00fcr die Geschichte zu sein\u201c oder \u201eschuldig\u201c, sondern eben darum, verantwortlich f\u00fcr die Gegenwart zu sein &#8211; und das aus dem Gedanken des Humanismus heraus, nicht des national Beschr\u00e4nkten.<\/p>\n<p>4. Auch als interessanten Blick darauf, wie \u201eL\u00e4nder\u201c (in dem Fall eben auch Deutschland) von au\u00dfen wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>5. Als Diskussionsgrundlage zum Thema Grundrechte, Menschenw\u00fcrde und Grundlagen des Strafrechts. Gerade die Diskussion um die H\u00f6he von Strafen, speziell der lebenslangen Inhaftierung tauchen im Unterricht ja immer wieder auf.<\/p>\n<h3>Weiterf\u00fchrende Links<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/41\/rassismus-bryan-stevenson-justiz\">Interview mit Stevenson auf Zeit-Online<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bryanstevenson.com\">Seite von Bryan Stevenson<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.br.de\/radio\/bayern2\/wissen\/radiowissen\/soziale-politische-bildung\/strafrecht-deutsch-einsatz-im-unterricht-100.html\">BR2 Wissen &#8211; Podcasts\u00a0und Arbeitsbl\u00e4tter zum Thema Strafrecht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgehend von einem beeindruckenden TED-Talk von Bryan Stevenson (We need to talk about injustice), den ich vor einer Woche das erste Mal sah, kam mir heute die Nachricht der Zeitung unter, nach der es gestern\u00a0auf den Tag 150 Jahre her ist, dass die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde (18. 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