{"id":7354,"date":"2023-02-13T12:33:30","date_gmt":"2023-02-13T11:33:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/?p=7354"},"modified":"2023-02-13T12:33:31","modified_gmt":"2023-02-13T11:33:31","slug":"tagebuchschreiben-und-bloggen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kubiwahn.de\/wordpress\/2023\/02\/tagebuchschreiben-und-bloggen\/","title":{"rendered":"Tagebuchschreiben und Bloggen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim fl\u00fcchtigen Blick auf den Feedreader h\u00e4ngengeblieben bei <a href=\"https:\/\/www.buddenbohm-und-soehne.de\/2023\/02\/12\/waehrenddessen-in-den-blogs-ausgabe-12-2-2023\/\">Buddenbohm<\/a> und dem dort erw\u00e4hnten Blog-Posting von <a href=\"https:\/\/gaganielsen.com\/2023\/02\/09\/09-februar-2023\/\">Gaga Nielsen<\/a>mit der Frage \u201eF\u00fchrt jemand von Euch ein ganz privates Tagebuch (parallel zum Tagebuch-Blog), das niemand sonst je sieht und liest, au\u00dfer Euch selbst?<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">A<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man f\u00fchlt sich eingeladen, dazu zu denken und zu schreiben, auch wenn ich nur phasenweise ein Tagebuchblogger war\/bin.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Ja, ich schreibe beides parallel. Teilweise digital in eine App, seit gestern wieder (ich habe den Blogeintrag erst heute morgen gelesen) handschriftlich.<\/li>\n\n\n\n<li>Privates Tagebuch und Bloggen behandeln unterschiedliche Lebensbereiche in der Regel. Das Blog verst\u00e4rkt Schulisches und Unterrichtliches, auch Privates, das Tagebuch Privates und Inneres, richtig innen, vollkommen chaotisch.<\/li>\n\n\n\n<li>Mein \u00e4ltestes handschriftliches Tagebuch stammt von 1987, da war ich 16\/17 Jahre alt. Die Serie reichen dann bis 2009 ca. Danach habe ich das Notieren und Schreiben aufgeh\u00f6rt bis ich ans Bloggen kam, ab ca. 2010, intensiv ab 2012. Seit 2018 nutze ich wieder ein Tagebuch, zun\u00e4chst digital seit 2018, seit Mai 2021 wieder handschriftlich, dann wieder digital, seit gestern handschriftlich.<\/li>\n\n\n\n<li>Das handschriftliche\/private Tagebuchschreiben spielte dann immer eine wesentliche Rolle, wenn \u201edas Leben\u201c mich \u00fcberw\u00e4ltigt und ich abladen muss.<br><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">B<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor ein paar Wochen kontaktierte mich ein Sachbearbeiter meiner Krankenkasse, der unter anderem darauf hinwies, dass ich zwei Risikozuschl\u00e4ge auf meiner privaten Krankenversicherung h\u00e4tte, die man nach 30 Jahren \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnte. Ich stimmte zu. Dazu sollte ich von den behandelnden \u00c4rzten Nachweise erbringen, dass die Grundlage f\u00fcr die Zuschl\u00e4ge nicht mehr vorhanden seien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der eine Arzt, den ich erreichte, lachte und meinte, ich w\u00fcrde ihn aus dem Ruhestand holen. Aber er kann mir gern was schreiben, wenn ich ihm noch mal gedanklich auf die Spr\u00fcnge helfen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also holte ich dieses Wochenende die Tageb\u00fccher von 1991\/1992 heraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fand den Datenrahmen, Diagnose und ungef\u00e4hre Dauer der Behandlung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und machte den Fehler weiterzulesen.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">C<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ich noch fand, war ein chaotisches Durcheinander von Beschreibungen, Erlebnissen, Namen, bekannt und unbekannt, Orten, bekannt und unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlimm: Vieles, was ich dort las, war in meiner Erinnerung und wenn ich heute davon erz\u00e4hle w\u00fcrde, nacheinander passiert und in meinem Kopf eben linear logisch aufgebaut &#8211; aber im Spiegel meiner Tageb\u00fccher offenbar stellenweise parallel, durcheinander, mehrfach wiederkehrend.  Menschen, die ich (von heute aus erinnert) zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr relevant f\u00fcr mein Leben betrachtet habe, waren aber noch da und ich interagierte mit ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am schlimmsten: Verhaltensweisen von damals erkenne ich heute noch bei mir. Und ganz seltsam (Ironiemodus): Sie ergeben noch dieselben Resultate &#8211; also sicher nicht schmeichelhaft.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">D<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Buddenbohm schreibt am Ende: \u201eIch schreibe mir mein Leben zurecht. Wie vermutlich alle, die schreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erinnerte mich wieder an Max Frisch und dem verbundenen Thema der Biografie und Identit\u00e4t in der Problematik einer erz\u00e4hlten und damit erfundenen Biografie und Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn nat\u00fcrlich ist das Blog nur ein Teil meines Lebens, nicht mal ein gro\u00dfer w\u00fcrde ich sagen, aber er formt mein Bewusstsein von mir in dem, was ich ausw\u00e4hle zu schreiben &#8211; und das Bild, was sich andere von mir machen. Ebenso tut es mein Tagebuch, aber eben in anderen Teilen und nur im Zwiegespr\u00e4ch. Wo ich dabei \u201ewirklich\u201c bin, kann wohl nur ich entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Max Frisch liest es sich so: \u201eJedermann erfindet sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eine Geschichte, die er f\u00fcr sein Leben h\u00e4lt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">E<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchreiben hei\u00dft: sich selber lesen.\u201c Dies ist ein weiterer Schnipsel von Max Frisch. Und ich meine mich zu erinnern, dass es danach &#8211; dem Sinn nach &#8211; weitergeht, dass man oftmals b\u00f6se \u00fcberrascht wird von dem, was man dann liest. Dass man sich f\u00fcr einen guten Menschen hielt und doch nur ein Langeweiler war (muss mal nachschlagen&#8230;war das nicht, dass man sich f\u00fcr einen moralischen h\u00e4lt und dann doch nur \u201esauert\u00f6pfisch\u201c sei? Oder kommt der Begriff woanders her?)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jedenfalls geht es mir mit dem Blick in meine Tageb\u00fccher so. Ich habe sie wieder verstaut und lasse sie erstmal so. Meine Erinnerung an die Zeit ist besser als das, was ich da gelesen habe. Vor allem f\u00fcr mich nachvollziehbarer.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">F<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzte Randnotiz. Neben den Tageb\u00fcchern habe ich auch das Manuskript meiner Abiturrede von 1989 gefunden und daneben einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich nach dem einen Praktikum an meiner alten Schule (1992) nicht mehr in Betracht ziehen sollte, noch eins dort zu machen &#8211; aufgrund meiner \u00c4u\u00dferungen \u00fcber einzelne (von mir nicht namentlich genannte) Lehrkr\u00e4fte in einem Interview durch die Sch\u00fclerzeitung. Ein ehemaliger Lehrer, ein vertrauter, sagte mir damals am Rande, dass dieser Brief auch etwas damit zu tun habe, dass manche die Rede von 1989 noch nicht verkraftet h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beides gelesen aus zeitlichem Abstand und in meiner jetzigen Position als Schulleiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht angenehm. Witzig ja, ein bisschen. Aber unangenehm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Habe heute im Auto kurz \u00fcberlegt, ob ich einen Brief an mein damaliges Ich schreiben sollte, aus heutiger Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich mache es nicht, weil ich Angst vor der Antwort habe.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">G<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerletztes. Ich habe gestern angefangen mit der Hand zu schreiben, weil ich phasenweise wieder \u00fcberw\u00e4ltigt bin von dem ganzen Drumherum. Mit der Hand zu schreiben beruhigt mich und das Aneinanderreihen von S\u00e4tzen schafft eine innere Struktur, die vielleicht nur Schein ist, aber mich auch \u00e4u\u00dferlich zusammenhalten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts davon geh\u00f6rt ins Internet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim fl\u00fcchtigen Blick auf den Feedreader h\u00e4ngengeblieben bei Buddenbohm und dem dort erw\u00e4hnten Blog-Posting von Gaga Nielsenmit der Frage \u201eF\u00fchrt jemand von Euch ein ganz privates Tagebuch (parallel zum Tagebuch-Blog), das niemand sonst je sieht und liest, au\u00dfer Euch selbst? 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