20 Jahre Lehrer: Hunde, wollt ihr ewig leben? – Ein Vortrag, den ich immer meinen Lehrern halten will

2002 war ich drei Jahre im Dienst und fiel in meiner Schule im Winter auf dem Weg zum Klassenzimmer eine nasse Steintreppe hinunter. Mir zog es die Füße nach vorn weg und ich rumpelte auf dem Hintern die Stufen hinab. Unten angekommen rang ich nach Luft, rappelte mich auf, nahm meine Tasche und ging ins Klassenzimmer. Dort merkte ich, dass ich ganz schön wacklig auf den Beinen war und setzte mich auf den erstbesten Schülerstuhl, winkte besorgten Schülergesichtern zu und meinte nur, dass ich grad mal durchschnaufen muss. Dann stand ich auf und machte meinen Unterricht.

Ich ging nicht zum Arzt, meldete nichts. Habe bis heute an der Stelle, die mir damals weh tat, Schmerzen, wenn ich an langen Korrekturen sitze.

Irgendwann später merkte ich mal an einem Montag beim Frühstück, dass ich nur unter Schmerzen schlucken konnte. Dienstag dasselbe. Mittwoch dasselbe. Donnerstag dasselbe. Freitag war es besser. Ich ging auf dem Heimweg zum Arzt. Der meinte: „Jetzt hätten Sie auch nicht mehr kommen müssen.“ Diagnose: Kehlkopfentzündung und angegriffene Stimmbänder.

Noch ein paar Jahre später hatte ich eine Bronchitis. An einem Freitag unterrichtete ich vormittags drei Stunden. Fuhr danach nach Nürnberg und hielt einen Vortrag von 90 Minuten. Danach fuhr ich nach München und hielt abends einen weiteren Vortrag von 90 Minuten. Ich schlief schlecht und am nächsten Morgen hatte ich keine Stimme mehr. Eine Woche lang. Diagnose: Kehlkopfentzündung und angegriffene Stimmbänder.

Seitdem kann ich leider nicht mehr anhaltend in der Aula Reden halten ohne Verstärker, weil meine Stimmbänder dann blockieren. Aber ich hatte beschlossen, dass ich jetzt immer gleich zum Arzt gehe, wenn es mir schlecht geht und ich mich schonen will.

Einmal (2017) merkte ich, dass ich zwischen Januar und März nie wirklich gesund war. Eine Infektion jagte die andere. Auf dem Höhepunkt ging mein Blutdruck durch die Decke. Ein Checkup ergab, dass wesentliche Blutwerte irgendwie aus der Bahn geworfen waren. Vitamin D, so hieß es, war quasi nicht mehr vorhanden.

Seitdem wird mein Blutdruck medikamentös eingestellt – ganz niedrige Dosierung sagt mein Hausarzt. Der sagte auch, ich solle das mal abchecken lassen. Er ist normal eher cool. Wenn er besorgt schaut, bin ich auch besorgt. Also ging ich: Pneumologe, Kardiologie, Sportmediziner. Dann entdeckte man die Schlaf-Apnoe und mit Beginn der Therapie merkte ich zum ersten Mal seit Jahren, was ein erholsamer Schlaf wert sein kann.

Witzig die Diagnose-Gespräche mit den Ärzten, jedes Mal: Hmmm, was machen Sie beruflich? Ah, in der Schulleitung…hmmmm…achso, na klar…dann…nix organisches…

Mit meinem Hausarzt feilsche ich auch immer. Sein Standardsatz, wenn es um Krankschreibung geht: „Ja, Herr Kuban, Sie wissen ja, wie ich darüber denke…eine Woche!“ Wir landen dann immer so bei drei Tagen.

Er sagt auch, dass man, wenn man Antibiotika nimmt, sich nicht belasten soll. Also daheim bleiben.

Vor etwas mehr als einem Jahr (2018), die Phase, in der ich allein kommissarischer Schulleiter war, entwickelte sich ein Insektenbiss bei mir zur Schwellung und dann zur roten Linie, die den Arm hochkroch. Irgendwann wurde es mir unheimlich und ich bin dann Sonntagabend in die Notaufnahme gefahren. Die haben mich ein wenig versorgt und wieder heimgeschickt. Am Montag war keine Besserung in Sicht und ich bin zum Hausarzt. Der lachte und zeigte meinen Arm in der Praxis rum. So eine feine Lymphangitis hatte er schon lang nicht mehr gesehen.

Er verschrieb Antibiotika und am Dienstag ging ich wieder in die Schule. Mit einem Feuchtverband, der regelmäßig befeuchtet werden musste und den Schreibtisch einsaute.

Ich erzähle gern Anekdoten. Wenn ich die letzte Geschichte jemandem erzähle, erschrecke ich eigentlich über mich selbst. Echt. Das ist blanker Irrsinn.

Ich spreche mittlerweile die Kollegen, die ich krank erkenne, an. Und manche bitte ich so freundlich wie es geht, dass sie nach Hause gehen sollen. Letztes Jahr habe ich es nur mit einer schriftlichen Dienstanweisung geschafft bei einer Kollegin. Sie war böse, ich war wütend – wir haben uns auf dem Gang vor dem Lehrerzimmer gestritten.

Aber ich weiß, dass es keine Orden gibt. Und Danke sagt ganz sicher auch niemand.

3 Antworten auf „20 Jahre Lehrer: Hunde, wollt ihr ewig leben? – Ein Vortrag, den ich immer meinen Lehrern halten will“

  1. H. hat die kranken KollegInnen auch sofort heim geschickt, auch unter lauten Auseinandersetzungen. Er selbst blieb aber auch daheim, wenn es nötig war, sehr zum Mißfallen seiner Stellvertreterin, die sich eine Krankheit nie eingestehen konnte.

  2. Hochrisikojob Lehrer/in.
    Bei mir bricht mittlerweile in Erkältungswellen als erstes ernstes Krankheitssymptom nach Halsweh die Stimme weg. Statt daheim zu bleiben, geht Unterricht ja trotzdem. Manchmal sogar richtig gute Stunden, weil ich den Schülerflow nicht mit Gequassel unterbreche. Völlig verrückt.
    Und ja, das System Schule läuft weiter, auch wenn wir mal nicht dauerpräsent vor Ort sind.

    PS: Ausdrucken und in die Kollegiumsfächer legen?

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