Meine Tätowierungen

Unteram, innen.

Am Anfang stand der 38. Balken der Turmbibliothek von Michel de Montaigne. Montaigne zog in seinen Turm als er in seinen 30ern alle Ämter und Würden ablegte, um in diesem Turm nur noch zu schreiben, und zwar über sich. (Er hatte es bis dahin zum persönlichen Berater des Königs „geschafft“)

Die Zitate, die er an die Deckenbalken brennen ließ, hatten nach meiner Ansicht die Funktion, ihn am Denken zu halten. So auch das Solum certum nihil esse certi: Sicher ist nur, dass nichts sicher ist.

Für mich war es ursprünglich die Erinnerung an einen gleichaltrigen Kollegen, der vor ein paar Jahren starb, einfach so. Nichts ist sicher.

Daher mochte ich den fast nihilistischen Anstrich. Daher auch das Papierboot.

Doch eigentlich irrte ich mich, denn ursprünglich könnte man es eher als Leitsatz der Skeptiker bezeichnen. Denn die Anerkennung, dass nichts sicher ist, ist in ihrem Sinn der Ausgangspunkt für alles Forschen, alle Neugier. Daher der Leuchtturm.

Unterarm, außen.

Die weiteren Gespräche mit der Tätowiererin kamen zu dem Schluss, dass der Arm, wenn er denn gefüllt wird, ein einheitliches Thema besitzen sollte. Daher nannte ich ihn von nun an „den maritimen Arm“. Als nächstes sollte dann ein Wasservogel drauf. Der musste für mich einen eher stoischen Charakter haben. Ich mag die Vögel an der Nordsee sehr, die auf den Anlegestellen sitzen und kaum in Hektik ausbrechen – außer es gibt irgendwo Futter. (Skeptiker und Stoiker – eine gute Mischung)

Der hier guckte am Ende etwas böse, aber das war ok.

Unterarm, hinten. (ich habe dreieckige Unterarme)

Die Rückseite des Arms ziert ein Schlepper. Das sind die kleinen Boote im Hamburger Hafen, die die großen Pötte dirigieren, ziehen und schieben, so dass sie in die einzelnen Hafenbecken gelangen können.

Klein, gedrungen, wendig und stark. Eigenschaften, die mir erstrebenswert gelten in meinem Beruf.

Ich werde morgen 50. Und in Gedanken plane ich schon den anderen Arm. Die Grundlage soll die Weiterführung des Satzes oben sein. Solum certum nihil esse certi et homine nihil miserius aut superbius. Einzig sicher ist, dass nichts sicher ist und nichts elender und überheblicher als der Mensch.

Ja natürlich ist das ein Ego-Trip. Natürlich will ich auffallen und angeben. Natürlich ist das Midlife Crisis. Natürlich sind das Malereien zum Bannen der bösen Geister.

Daher das Ankerherz.

Nachtrag

Neulich war ich bei meinem Fahrradhändler.

Im Laden angekommen stürmten gleich zwei Mädchen auf mich zu, etwa 5 Jahre alt. Und sie fragten mich aus.

Wie heißt du?

Hast du eine Frau?

Wie heißt die?

Hast du Kinder?

(Nein, aber Katzen)

Wie heißen die?

Den Eltern im Gespräch wurde das langsam peinlich. Mir wurde warm und ich zog meinen Jacke aus und krempelte die Ärmel vom Pullover hoch. Erstaunte Gesichter starrten auf meinen Arm.

Boah, du hast dir auf den Arm gemalt.

Das darf man nicht.

Darfst du das?

Geht das wieder ab?

2 Antworten auf „Meine Tätowierungen“

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