14 Jahre Schulleiter: öffentlich reden

Anlass: Zeugnisübergabe an AbschlussschülerInnen

Ort: Turnhalle der Schule

Zeit: nach 16 Uhr, Dauer: etwa 12 Minuten

Vorbereitungszeit: Erste Variante am Dienstag, also drei Tage vorher, aufgeschrieben – aber es fehlt etwas drin. Zweite Variante mit neuem Gedanken erst am Vortag entwickelt.

Empfinden: Hat nicht so gezogen, die Überleitungen passten nicht, zu wenig Zeit gehabt, daran zu schleifen. Unzufrieden wie selten.

Originalmanuskript – das Zitat am Ende war nur dem Gefühl geschuldet, was ich eigentlich rüberbringen wollte. Habs nicht vorgelesen.

Ah, ist das nicht schön? Endlich wieder alles normal. Endlich.

Endlich wieder normal.

Oh, so schön, alles normal, ganz normal.

Normal.

Ich denke mir immer, wenn in letzter Zeit dieser Satz kommt, dass er eigentlich bedeutet: Endlich wieder normal – also endlich wieder alles wie vorher – oder schlimmer: wie früher.

Früher, als alles noch normal war. Ach wie schön.

Am Anfang meines Sozialkundeunterrichts lernen die Schüler Adolf Portmann kennen, einen Biologen und Anthropologen – also jemanden, der die Entwicklung des Menschen erforscht.

Er sagte mal, dass der Mensch eigentlich eine Frühgeburt ist. Er stellte provokativ fest, dass der Mensch erst ein Jahr nach der Geburt ungefähr den Entwicklungsstand erreicht hat, den ein Elefantenbaby schon direkt nach der Geburt zeigt. Also z.B. die Laute der Artgenossen verstehen, selbständig fressen und gehen können.

Für das Elefantenbaby ist das alles normal.

Stattdessen der Mensch: Wird geboren und schreit. Nix ist normal.

Der Mensch muss das alles lernen, oft mühsam – weil es nicht normal ist für ihn.

Manche Forscher betrachten das eigentlich als die Stärke oder besser ein grundlegender Antrieb für den Menschen, der ihn antreibt.

Oberflächlich gesehen, scheint dies ein Nachteil zu sein, dennoch hat sich der Mensch durchgesetzt – weil es nämlich auch ein Vorteil ist: Er kann nämlich lernen und sich anpassen, an das, was nicht so normal ist. Und so kann er überall leben: Im Wasser, auf Land, auf dem Mond – er kann in sehr heißen Regionen und sehr kalten überleben.

Was wenn der Mensch oder seine Vorfahren irgendwann gesagt hätten: Puh, ist das komisch, so unnormal, ich will, dass es wieder normal ist – so wie früher?

Aber was sagen Sie mal ganz grundsätzlich, was normal ist.

Anzunehmende Antworten:

  • das, was die Mehrheit der Menschen in meinem Umfeld für angemessen halten, im Verhalten, im Äußeren oder auch der Sprache, die verwendet wird
  • Das nennt man dann gern eine „Norm“ und dann sind wir gleich beim Normalen

Wir reden im Alltag eigentlich dann erst von normal, wenn etwas abweicht von dem, was wir normal nennen.

Was sagt man nicht vor allem Kindern:

  • Jetzt rede doch endlich normal.
  • Setz doch mal normal hin.
  • Kannst du nicht wie ein normaler Mensch essen?
  • Sei doch einfach mal normal. (Sehr verzweifelt.)

Was meint da normal?

Sei doch mal wie ich!!

Und das ist doch seltsam: Das Normale entsteht erst durch sein Gegenteil. Normal kann man nur etwas nennen, wenn es ein nicht Normales als Gegenüber gibt.

Und scheinbar überwiegt das Nicht-Normale.

Das Nicht Normale scheint also genau so normal zu sein wie das Normale?

Ich will es nicht in die Länge ziehen.

Ihr AbschlussschülerInnen geht heute aus dem Schulhaus und lasst etwas Normales hinter euch – vor euch wird etwas liegen, was, von heute aus gesehen, absolut nicht normal ist, aber werden wird.

Und dann werdet ihr neue Schritte gehen. Ich hoffe für euch, dass ihr das Nicht-Normale begrüßt.

Und mehr noch, dass ihr das Verrückte akzeptiert, und die Verrückten gleich mit, die Bekloppten, von denen man sagt, dass etwas nicht mit ihnen stimmt.

Vor allem hoffe ich, dass ihr niemals Sachen deswegen NICHT macht, weil jemand sagt: Das ist doch nicht normal. Bist du bescheuert?

Sondern dass ihr dann breit lächelnd antwortet: Ja, und?

„…und ich schlurfte ihnen hinterher, wie ich das mein ganzes Leben lang bei Menschen getan habe , die mich interessieren, denn die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die verrückt leben, verrückt reden, die alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern die brennen, brennen, brennen, wie römische Lichter in der Nacht.“

Jack Kerouac, On The Road

3 Antworten auf „14 Jahre Schulleiter: öffentlich reden“

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