Erzählt mir doch nix.

Spoiler: Jetzt wird es unfair, eingeschränkt und einseitig.

Habe mir neulich ein Buch gekauft, was Didaktisches, zum Deutschunterricht, mit dem Zusatz digital. Das erste Mal stolperte ich über die Frage „Was ist guter Unterricht?“ Nicht dass ich das zum ersten Mal hörte in den letzten sicherlich 3-5 Jahren. Denn in jeder Fortbildung, aktuell bei den neuen Lehrplänen auch mal wieder, wird damit eingeleitet, abwechselnd dann auf Hattie, Hilbert Meyer oder einem sonstigen Protagonisten abgehoben. Und abgehoben ist schon die richtige Wortwahl.

Was ist guter Unterricht? Sein wir doch mal ehrlich. Montag ist guter Unterricht der, in dem alle Beteiligten endlich aufgewacht sind – ob sie vorn stehen oder in den Reihen sitzen. Dienstag ist der gute Unterricht der, den ich beim Korrigieren in den Schulaufgaben wiederfinde – gewinnbringend. Mittwoch ist ein guter Unterricht der, bei dem mehr als 50% etwas verstehen und lernen. Donnerstag ist guter Unterricht der, bei dem ich an einem 8-Stunden-Tag nicht ganz so erschöpft nach Hause komme. Freitag ist der gute Unterricht der, der die Schüler noch nach 30 Minuten bei Stange halten kann – und mich auch.

Das Buch hat 160 Seiten – auf den ersten 70 Seiten wird ein großer und breiter Abriss von „gutem Unterricht“ und der Didaktik gegeben. Überflogen.

Und dann kommt der Satz, den ich schon vor 20 Jahren seltsam fand: Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf einen gymnasialen Unterricht. Das meint: Ab 10. Klasse aufwärts. Und dann geht man von einem Klientel aus, was selbständig auch längste Texte lesen kann, diese zusammenfasst und wiedergeben kann, um dann noch vertieft darüber zu reflektieren. Wenn ich meiner Frau so beim Korrigieren zuhöre, kann man das auf dem Gymnasium auch nicht immer erwarten

Ich habe so etwas um 2001 zum ersten Mal bei einer Fortbildung gehört – damals bin ich hocken geblieben, aus vermeintlicher Höflichkeit – mittlerweile gehe ich dann bei bester Gelegenheit. Es wird danach nämlich nicht besser. (2001 wurde es noch schlimmer als die beiden Dozenten die Software vorstellten, die bei einem großen Schulbuchverlag verkauft wurde und deren Urheber zufällig vorn standen und die Fortbidung hielten).

Im Zusammenhang damit irritiert mich auch die Vorstellung, die ich doch recht oft verkürzt höre und lese, dass es (bald?) soweit sei, dass die Schüler (aka Jugend) den Lehrern (aka Erwachsenen) die moderne Technik (aka Internet, Smartphone, digitale Medien) erklären würden und wir Alten dann rettungslos abgehängt würden.

Warum, so frage ich mich dann, bekomme ich auf die Anweisung, mir PDFs mit den Hausaufgaben und Probeaufsätzen zu schicken immer noch eine große Auswahl verschiedenster Dateiformate geschickt? Warum muss ich den überraschten Schülern sagen, dass sie ja einfach ihre Hausaufgaben fotografieren können, um sie mir zu schicken? Warum bekomme ich dann Emails mit Dateianhängen, die 10MB und größer sind? Und warum ist immer die Tinte leer daheim? Warum?

Und nein, ich bin nicht der Meinung, dass man Programmieren als Schulfach einführen muss – vor allem dann nicht, wenn es wirklich sinnvoll wäre. Meiner Meinung könnte man jedes Problem der Gesellschaft lösen, indem man es zum Schulfach macht. Alkoholismus? Dreistündiges Fach in der Schule und schon wäre es vorbei damit. „Als Hausaufgabe betrinkt ihr euch am Wochenende mal mit Martini!“ Stöhn, schon wieder Hausaufgaben!

Mal im Ernst.

Ich bin ein Nerd. Alles mit Stecker finde ich fantastisch. Ich berausche mich an dem Geruch frisch ausgepackter Technik. Und ja, ich unterrichte Schüler, die später in ihrem Beruf am Computer sitzen werden.Aber vielleicht ist das wie mit dem alten Warnung an Deutschlehrer: „Verwende nie die Literatur, die dir wirklich am Herzen liegt, im Unterricht.“ (Hinweis: Weil sie von Schülern vernichtet wird.)

Aber das ist kein zwingender Grund für eine Tablet-Klasse oder die Nutzung des Smartphones im Unterricht. Und ich jammere nicht herum wegen des „Mehrwerts“, den jetzt alle haben wollen beim „digitalen Unterrichten“ – beim analogen Unterricht war das doch auch egal oder was ist jetzt der didiaktische Mehrwert eines Füllers, Hausaufgabenheftes oder kreidigen Tafelanschriebs?

Ich weiß ja auch nicht. Ich bin ungerecht.

Meine Schüler werden später sehr oft in Versicherungen arbeiten, in Werkstätten und Produktionshallen. Sie werden Angestellte sein, vielleicht selbständige Handwerker werden. In der Verwaltung oder in Behörden sitzen. Dort arbeiten sie an Computern, deren spezielle Software sie in der Ausbildung kennenlernen. Die Aufgeschlossenheit der Technik gegenüber werde ich ihnen nicht beibringen müssen. Und sie werden ihre Sachen gut machen, zum größten Teil, ganz unabhängig davon, ob ich ihnen Deutsch an der grünen oder weißen Tafel beigebracht habe, mit oder ohne Beamer.

Unterm Strich wird es aber mir mit weißer Tafel und Beamer mehr Spaß bringen. Aber das ist natürlich wieder nicht dieser Mehrwert. Und wer weiß, ob das guter Unterricht ist.

Um es noch mal klar zu stellen: Ich kann momentan mit beiden Seiten nichts anfangen. Nicht mit den Nörglern, die Smartphone und Tablets raushalten wollen aus der Schule, nicht mit den Verhinderern und Warnern, nichts mit den Bewahrern. Aber auch nicht mit den Propheten digitaler Technik, die mit Apps und Tablet-Klassen als Heilsversprechen durch die Lande ziehen.

Das wird man ja noch mal sagen dürfen.

14 Antworten auf „Erzählt mir doch nix.“

  1. Gut gesprochen – nachdem das Schulfernsehen nicht der versprochene Heilsbringer war :-), ist mir jedes Medium recht, solange es keinen Selbstzweck erfüllt.

    1. Stimmt, das Schulfernsehen gab es ja auch noch. Wenigstens ist die Möglichkeit geblieben, dass man in der Schule bewegte Bilder zeigen kann. 😀

  2. Gut gesprochen – nachdem das Schulfernsehen nicht der versprochene Heilsbringer war :-), ist mir jedes Medium recht, solange es keinen Selbstzweck erfüllt.

    1. Stimmt, das Schulfernsehen gab es ja auch noch. Wenigstens ist die Möglichkeit geblieben, dass man in der Schule bewegte Bilder zeigen kann. 😀

  3. Vielen Dank!
    Ich lese seit geraumer Zeit diverse Lehrer-Blogs und folg(t)e vielen Kolleginnen und Kollegen auf Twitter und der Grundtenor, der sich immer mehr herauskristallisiert, ist der, dass mit der modernen Technik (Handy, Tablet, Laptop) alles besser wird, weil die Schüler ja gemeinsam und modern und digital und kompetenzorientiert…. ja was denn eigentlich?

    Ich bin selbst, wie du anscheinend auch, großer Technik-Fan und probiere alles Neue gerne aus, aber es hat sich mir nicht erschlossen, warum es für den Lernerfolg der Schüler besser ist, Multiple-Choice-Fragen in einem Learning-Snack oder auf Kahoot anzukreuzen als wenn sie das Gleiche auf einem Arbeitsblatt machen. Ich will nicht sagen, dass das Arbeitsblatt besser ist (mein Freund, der Baum, bedankt sich), aber schlechter ist es in meinen Augen auch nicht. Und dafür, sind wir mal ehrlich, unkomplizierter einzusetzen.

    Leider sind wir in D noch weit davon entfernt, dass jeder Schüler sein Tablet/Smartphone in einem funktionierenden Schul-WLAN und einsatzbereit in der Tasche hat.
    Meine Erfahrung ist die (und ich unterrichte in einem Münchner Vorort, in dem sich eher gutsituierte Familien niedergelassen haben):
    Wenn ich die Schüler bitte, einen Link mit einem Quiz o.ä. auf ihrem Handy zu öffnen, hat
    1. nur jeder 1,5te ein Handy dabei,
    2. von den Leuten nur die Hälfte einen Daten-Tarif/übriges Datenvolumen und
    3. davon dann höchstens die Hälfte Netz (dem modernen Stahlbeton sei Dank).
    Das heißt: Praktisch kann keiner das Online-Zeug nutzen. Und bis ich bei unserem Sachaufwandsträger ein freies, offenes WLAN durchgesetzt habe, bin ich vermutlich kurz vor der Pensionierung.

    Von der mangelnden Kenntnis moderner Technik, die über die Nutung von Snapchat-Filtern und WhatsApp hinausgeht, will ich gar nicht reden und du beklagst sie ja auch zu Recht. Jedes Mal, wenn mir Schüler ein Referats-Handout mailen (sofern das überhaupt ankommt), graust es mich beim Umgang mit Formatierungen usw.. Dabei haben wir ab der 6. Klasse Informatik als Pflichtfach, wo u.a. genau sowas durchgenommen wird.

    Ich unterstütze dich also gerne in deinem „rant“, mag er auch ungerecht und subjektiv sein. Jeder soll seinen Unterricht so gestalten, wie er ihm / ihr als Lehrerperönlichkeit am meisten liegt und wie ihn die örtlichen Gegebenheiten zulassen. Ich glaube, damit erreicht man den jeweils besten persönlich möglichen Unterricht. Und nicht damit, dass alle vor Tablets sitzen oder sog. „interaktive Whiteboards“ bekommen.

    Viele Grüße
    Martin

    1. Jup. Danke für die Ausführlichkeit. Ich ergänze mich auch noch dahingehend, dass selbst wenn all die Technik klappen würde, meine/deine Schüler immer noch Probleme beim Lesen und Schreiben haben und dies ja letztlich auch die Voraussetzung für gutes Lernen auch mit entsprechenden Medien wäre.

  4. Vielen Dank!
    Ich lese seit geraumer Zeit diverse Lehrer-Blogs und folg(t)e vielen Kolleginnen und Kollegen auf Twitter und der Grundtenor, der sich immer mehr herauskristallisiert, ist der, dass mit der modernen Technik (Handy, Tablet, Laptop) alles besser wird, weil die Schüler ja gemeinsam und modern und digital und kompetenzorientiert…. ja was denn eigentlich?

    Ich bin selbst, wie du anscheinend auch, großer Technik-Fan und probiere alles Neue gerne aus, aber es hat sich mir nicht erschlossen, warum es für den Lernerfolg der Schüler besser ist, Multiple-Choice-Fragen in einem Learning-Snack oder auf Kahoot anzukreuzen als wenn sie das Gleiche auf einem Arbeitsblatt machen. Ich will nicht sagen, dass das Arbeitsblatt besser ist (mein Freund, der Baum, bedankt sich), aber schlechter ist es in meinen Augen auch nicht. Und dafür, sind wir mal ehrlich, unkomplizierter einzusetzen.

    Leider sind wir in D noch weit davon entfernt, dass jeder Schüler sein Tablet/Smartphone in einem funktionierenden Schul-WLAN und einsatzbereit in der Tasche hat.
    Meine Erfahrung ist die (und ich unterrichte in einem Münchner Vorort, in dem sich eher gutsituierte Familien niedergelassen haben):
    Wenn ich die Schüler bitte, einen Link mit einem Quiz o.ä. auf ihrem Handy zu öffnen, hat
    1. nur jeder 1,5te ein Handy dabei,
    2. von den Leuten nur die Hälfte einen Daten-Tarif/übriges Datenvolumen und
    3. davon dann höchstens die Hälfte Netz (dem modernen Stahlbeton sei Dank).
    Das heißt: Praktisch kann keiner das Online-Zeug nutzen. Und bis ich bei unserem Sachaufwandsträger ein freies, offenes WLAN durchgesetzt habe, bin ich vermutlich kurz vor der Pensionierung.

    Von der mangelnden Kenntnis moderner Technik, die über die Nutung von Snapchat-Filtern und WhatsApp hinausgeht, will ich gar nicht reden und du beklagst sie ja auch zu Recht. Jedes Mal, wenn mir Schüler ein Referats-Handout mailen (sofern das überhaupt ankommt), graust es mich beim Umgang mit Formatierungen usw.. Dabei haben wir ab der 6. Klasse Informatik als Pflichtfach, wo u.a. genau sowas durchgenommen wird.

    Ich unterstütze dich also gerne in deinem „rant“, mag er auch ungerecht und subjektiv sein. Jeder soll seinen Unterricht so gestalten, wie er ihm / ihr als Lehrerperönlichkeit am meisten liegt und wie ihn die örtlichen Gegebenheiten zulassen. Ich glaube, damit erreicht man den jeweils besten persönlich möglichen Unterricht. Und nicht damit, dass alle vor Tablets sitzen oder sog. „interaktive Whiteboards“ bekommen.

    Viele Grüße
    Martin

    1. Jup. Danke für die Ausführlichkeit. Ich ergänze mich auch noch dahingehend, dass selbst wenn all die Technik klappen würde, meine/deine Schüler immer noch Probleme beim Lesen und Schreiben haben und dies ja letztlich auch die Voraussetzung für gutes Lernen auch mit entsprechenden Medien wäre.

  5. Warum nennst Du in dem bemüht polemischen Text keine Namen, keine Buchtitel? Das ist – mit Verlaub gesagt – etwas feige.

    Nett zu lesen, aber ohne konkrete Bezüge eben nebulöses Nörgeln ins argumentative Nichts.

    1. Das ist auch ohne Verlaub feige, natürlich. Ich nenne es manchmal auch bequem. Im Zusammenhang mit den nicht genannten Personen wurde mir schon mal in einem Nebensatz mit dem Anwalt gedroht. Oder es erreichten (laaaange) Beschwerdebriefe meine vorgesetzte Behörde, unter Auslassung des Dienstwegs. Da werde ich mit der Zeit etwas bequem.
      Ansonsten hast du es richtig erkannt: Das ist ein Nörgel-Posting gewesen, natürlich, und nichts anderes.
      Ich darf das hier – das ist mein Blog.

    2. Wobei ich damals übrigens auch keine Namen genannt habe. Man unterstellte mir aber (u.a.), dass in Zusammenhang mit meiner Person und meinen Verbindungen eine Rückführung auf die entsprechende Person/en möglich wäre.

  6. Warum nennst Du in dem bemüht polemischen Text keine Namen, keine Buchtitel? Das ist – mit Verlaub gesagt – etwas feige.

    Nett zu lesen, aber ohne konkrete Bezüge eben nebulöses Nörgeln ins argumentative Nichts.

    1. Das ist auch ohne Verlaub feige, natürlich. Ich nenne es manchmal auch bequem. Im Zusammenhang mit den nicht genannten Personen wurde mir schon mal in einem Nebensatz mit dem Anwalt gedroht. Oder es erreichten (laaaange) Beschwerdebriefe meine vorgesetzte Behörde, unter Auslassung des Dienstwegs. Da werde ich mit der Zeit etwas bequem.
      Ansonsten hast du es richtig erkannt: Das ist ein Nörgel-Posting gewesen, natürlich, und nichts anderes.
      Ich darf das hier – das ist mein Blog.

    2. Wobei ich damals übrigens auch keine Namen genannt habe. Man unterstellte mir aber (u.a.), dass in Zusammenhang mit meiner Person und meinen Verbindungen eine Rückführung auf die entsprechende Person/en möglich wäre.

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