5 Minuten Schulleitung – Aussichten

Im Dezember war ich auf einem Weihnachtsessen eines mir bekannten Kollegiums geraten, weil krankheitsbedingt ein Stück Gans frei wurde. Am Tisch mir gegenüber saß der ehemalige Direktor des Gymnasiums, den ich selbst auch schon länger kannte und der erst vor einem Jahr in Pension gegangen ist. Es fiel mir an diesem schnell auf – und es wurde mir bestätigt – dass er vorher noch nie so gelassen und entspannt angetroffen wurde. Und im Gespräch mit ihm fielen ein paar Sätze, die mir sehr stark im Gedächtnis geblieben sind.

Auf die Frage z.B., ob und wie er jetzt seinen Ruhestand empfindet, antwortete er unter anderem, dass er es unheimlich genießt zuhause mal eine Stunde lang an einer Sache zu sitzen und zu arbeiten, ohne dass ihn jemand dabei unterbricht. Das habe ihn in seiner Tätigkeit als Schulleiter am stärksten belastet, dass er nicht nur dauernd unterbrochen wurde in seinen Gedanken und seiner Arbeit, sondern dass eben ganz grundsätzlich er, so habe ich es interpretiert, ständig fremdbestimmt unterwegs war. (Und ich ergänze für die mitlesenden Lehrer:) Noch viel stärker als es das für den Lehrer im Lehrerzimmer der Fall ist.

Ich wollte mal vor einigen Wochen ein Tagesprotokoll anlegen, über alle Dinge, die ich so tagsüber mache und die Kommunikation, die ich führe. Das habe ich um 10 Uhr abgebrochen, weil ich keine Zeit mehr hatte, es alles aufzuschreiben.

Aber die Störungen der eigenen Arbeit sind mannigfaltig, eine Auswahl:

  • Anruf von Eltern
  • Anruf von oben
  • Bitte des Chefs, z.B. ein Gespräch zu übernehmen
  • Disziplinarisch tätig werden wegen eines Schülers
  • Fragen von Kollegen
  • Fragen von Schülern
  • Hinweise vom Hausmeister
  • Bitte der Sekretärin Eltern zu beraten
  • Handwerker im Haus zum Hausmeister führen
  • Kopierer reparieren helfen
  • Beschwerden von KollegInnen anhören wegen Klassen oder Schülern
  • Gespräch mit dem Pausenverkauf wegen Terminlagen
  • Gespräch mit der Nachmittagsbetreuung
  • Schäden am Schulhaus begutachten, Maßnahmen einleiten
  • Post entgegennehmen
  • spontan vertreten
  • Dringende Emails beantworten

Allein die Frequenz der Gespräche – und manche kann man so nicht einmal nennen, weil sie sich im Bereich von 90 bis 240 Sekunden bewegen, ist immens. Ich weiß schon mittags nicht mehr, mit wem ich alles gesprochen habe und zwinge mich weiterhin, mir zu nahezu jedem Gespräch eine Notiz zu machen.

Mir fiel dabei wieder meine Büroampel auf, die ich bei einer Kollegin abgeschaut habe:

Ein Kollege wies mich damals darauf hin, dass ja der Punkt „Pause“ fehlt. Das sei ja sehr auffällig, dass man in unserem Job diesen Punkt gar nicht auf der Liste hat. Ich antwortete salopp, dass ich für die Pause einfach auf „…im Gespräch“ stelle.

Später fiel mir auf, dass ich ohnehin dann ausgehe, wenn es einen Punkt „Pause“ gäbe, der nur wenige davon abhalten würde, zu klopfen. Selbst „…im Gespräch“ hat nicht immer die gewünschte Wirkung. 

Was das alles mit Aussichten zu tun hat?

Neulich bekam ich eine Nachricht aufs Handy mit Wünschen zu Weihnachten und zum neuen Jahr. So lustig wie der Kollege war, schrieb er: „…und einen guten Start ins neue Jahr! So lustig wird es für Euch ja nicht werden.“

Damit bezog er sich auf den Umzug der Schule in das neue Gebäude, der in den kommenden Sommerferien über die Bühne gehen soll. Da ist also noch Luft. Für alles. Und meine Pension ist noch weit.

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