Istanbul United

Vor einiger Zeit meldete sich ein Schüler über Facebook bei mir, der vor sicher 5 Jahren Abschluss gemacht hatte. Er schickte mir einen Video-Link und die Bemerkung, dass ich wohl doch recht hatte: Fußball ist auch Politik.

Vorab muss ich hinzufügen, das ich kein wirklicher Fußballfan bin, nie gewesen. Nicht mal selbst gespielt. War eher der Handballer und Basketballer.Gefiel mir besser. insgesamt habe ich zwei Fußballspiele im Stadion gesehen. Und meine St. Pauli Abzeichen am Auto sind auch eher der Ausdruck meines inneren Punks.

Ich erinnerte mich an einige Diskussionen mit dem Schüler, der sich damals zu den Ultras zählte und der meinung war, dass Fußball absolut unpolitisch sei. Meine Argumentation hingegen sollte darauf abzielen, dass eine derart organisierte gesellschaftliche, soziale Gruppe immer auch politisch relevant ist. (Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich vorurteilsbeladen war und damals Ultras und Hooligans in einen Topf warf. )

Bestätigt wurde meine Meinung dann durch eine packende Reportage aus der taz, die, wie ich jetzt erst erkenne, von Deniz Yücel geschrieben wurde – eben jenem Yücel, der seit mehr als 100 Tagen in einem türkischen Gefängnis sitzt. Darin wurde die Ultragruppierung der Çarşı beschrieben, die Anhänger des Istanbuler Fußballclubs Beşiktaş, einem von drei großen Clubs der Stadt (Galtasaray, Fenerbace und Beşiktaş), sind und dabei vor allem die sehr aktive Rolle betont, die sie bei den Taksim- und Gezi-Protesten 2013 gespielt haben.

Für mich war diese Reportage vor allem deswegen so großartig, weil sie Aspekte zusammen brachte, die mir so in dieser Zusammenstellung völlig neu waren: Fußball, Ultras, Türkei, Istanbul, Taksim, Gezi, Erdogan. Umso aufregender war das für mich, weil mir damals regelmäßig eine (ehemalige) türkische Schülerin, die sich damals in Istanbul aufhielt, schrieb und dabei immer wieder betonte: „Glauben Sie nicht den offiziellen (türkischen) Medien.“ Wobei ich die mangels Sprachkenntnissen ohnehin nicht verfolgen konnte. Ich habe aus den deutschen Nachrichten nur die Bilder im Kopf gehabt, in denen in den Istanbuler Straßen das Tränengas in dichten Wolken bis zu den Dächern stand und daneben hörte ich die Geräusche von den leeren Gaskartuschen im Hintergrund.

Der Video-Link des Schülers verwies auf den Trailer eines Dokumentarfilms, der meine Erinnerungen und inneren Bilder dann doch noch um reale Bilder ergänzen konnte. Hier wurden alle drei Ultra-Gruppierungen der Istanbuler Fußballclubs vorgestellt, die sich entgegen ihrer Fan-Feindschaft plötzlich gemeinsam bei den Protesten wiederfanden, wo sie ihre Erfahrungen in den Auseinandersetzungen mit der Polizei einsetzten, um gegen die Räumung von Platz und Park anzugehen. Die Geschichte und der Film sind für mich allemal eindrucksvoll.

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https://www.youtube.com/watch?v=mYKsYlhGrWY
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https://www.youtube.com/watch?v=S4hK0WxBi5c

Ob ich das im Unterricht einsetze? Nein, natürlich nicht – noch nicht. Dafür ist die (türkische) Schülerschaft zu heterogen, was politische Einstellung, politisches Wissen und  Herkunft angeht. Man muss dazu nur die Kommemntare unter diesen und den anderen Trailern lesen, um ansatzweise zu erkennen, wie brisant ein Dokumentarfilm sein kann.

Ich habe, wie andere Kollegen, im Unterricht mal zaghaft die politsche Situation in der Türkei angesprochen – auch angesichts von zahlreichen kurdischen Mitschülern. Dennoch musste ich hinterher alle Energie aufwenden, die entstehenden Diskussionen wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Ich habe keine Angst vor solchen Auseinandersetzungen, muss mir aber eingestehen, dass mein Hintergrundwissen dazu zu dünn ist und wahrscheinlich auch „nur“ die westliche Perspektive kennt. Letztlich aber zeigt dieser Einblick über den Fußball und meine eigenen Versuche, die Türkei aktuell zu verstehen, wie wenig ich mal wieder wirklich weiß.

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