Pfingsten ist in meinem Lesebereich immer, scheint es mir mittlerweile, die Zeit des Anarchismus. Dieses Jahr fiel mir die Ankündigung des Verbrecher-Verlags in die Hände, dass es nun ein Erich Mühsam Lesebuch gäbe. In meinem Regal steht zwar schon eine alte, antiquarisch besorgte Ausgabe eines Mühsam-Lesebuchs, aber die Neuauflage schien spannend – und war es auch. Nicht nur die modern-aktuell anmutenden Gedichte.
Oh, wäre ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpanen, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. –
Das seid ihr Hunde wert!
Auch, und das finde ich selbst immer sehr spannend, die erwähnten oder angedeuteten Begegnungen mit z.B. Heinrich und Thomas Mann, Frank Wedekind, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, R. M. Rilke, Oskar Maria Graf u.a.
Am eindrucksvollsten und bedrückendsten aber das letzte Kapitel, welches vor allem aus der Perspektive von Zenzl Mühsam geschildert wird. Hier geht es um die Gefangenschaft, die Folter und den Tod im KZ Oranienburg.
Mühsam im Unterricht? Sicherlich. Ich verknüpfe folgenden Auszug
Ich sah der Menschen Angstgehetz;
ich hört der Sklaven Frongekeuch.
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz!
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!
mit der Frage, welcher Staat hier wohl gemeint ist. In der Regel, wenn man die Lebensdaten Mühsam nennt, gehen die Antworten in Richtung NS-Zeit. Überrascht muss man dann diskutieren, wenn man hinzufügt, dass Mühsam jedweden Staat ablehnt und damit auch die Weimarer Republik, die, trotz oder wegen ihres Endes, als ein sehr weitreichendes demokratisches System bewertet werden muss. Die genauen Ausführungen über seine politischen Vorstellungen sind nicht ganz einfach zu verstehen und nachvollziehbar für einen Schüler, im Lesebuch selbst aber tauchen immer wieder kurze Textauzszüge auf, die machbar erscheinen.
- Appell an den Geist (1911-1918)
- Wider die Zensur (ebenda)
- Anarchie (ebenda), Auszug folgt:
Anarchie
Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Wer den Begriff mit keinem Gedanken verbinden kann, ehe er ihn nicht zur Zügellosigkeit umgedeutet hat, beweist damit, dass er mit den Empfindungsnerven eines Pferdes ausgerüstet ist.
Anarchie ist Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralisation, Staat. Die Anarchische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Vertrag, Konvention, Bündnis, Volk.
Aber die Menschen verlangen nach Herrschaft, weil sie in sich selbst keine Beherrschung haben. Sie küssen die Talare der Priester und die Stiefel der Fürsten, weil sie keine Selbstachtung haben und ihren Verehrungssinn nach außen produzieren müssen. (…)
Herr Moser wird es begrüßen, wenn, wie ich grad auf dem Foto sehe, er bemerkt, dass eine seiner Postkarten mir als Lesezeichen diente.